Luftpost 497 Mein persönlicher 8. September

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Foto: Fecker

9. September 1996, nach dem Bosnienkrieg (1992-1996). Zwölf Jahre nach der Winterolympiade 1984 wurde das zerstörte Zetra-Olympiastadion von Sarajevo wiedereröffnet. Zu diesem Anlass kamen tags zuvor 50.000 Zuschauer, über hundert Athleten aus aller Welt, darunter Katarina Witt und viele andere Olympiasieger von 1984, das gesamte IOC, Politiker und Diplomaten, um dieser Veranstaltung des Friedens und der Solidarität mit dem gebeutelten Volk einen würdigen Rahmen zu geben. Es sollte ein starkes Zeichen gegen Krieg, Hass und Vorurteile werden.

Gehen wir noch ein paar Monate zurück zum 3. April 1996. Eine amerikanische Regierungsmaschine mit Handelsminister Ron Brown an Bord crasht bei Dubrovnik gegen einen Berg. Die Unfalluntersuchungskommission führt den Unfall auf Anflugverfahren im früheren Jugoslawien zurück, die mit modernen westlichen Maschinen bei schlechter Sicht nicht zuverlässig zu fliegen waren. Als Konsequenz stellte die NATO eine kleine Einheit von Spezialisten auf, die sich NATO TERPS nannte. Zehn Verfahrens-Designer aus fünf Nationen arbeiteten fortan unter Hochdruck, um die An- und Abflugverfahren in dem zerstörten Land neu zu berechnen. Da in Bosnien die Navigations- und Instrumentenlandesysteme noch in Trümmern lagen, war dies kein einfaches Unterfangen.

Der politische Druck auf die Spezialisten war ungeheuer. Die verunsicherte Luftfahrt wartete auf die neuen Verfahren. Das Team ging in Klausur und arbeitete an der Flugsicherungsschule der Bundeswehr in Kaufbeuren über Wochen hinweg Tag und Nacht, Wochenenden eingeschlossen. Die Männer waren von der Welt um sich herum abgeschottet. Keine Nachrichten, kein Sportverein, keine sozialen Kontakte. Anfang September waren die neue Luftraumstruktur und alle Verfahren für das ganze Land und alle vier bosnischen Flughäfen fertig berechnet, gezeichnet, im Simulator unter allen Bedingungen getestet, flugüberprüft und genehmigt. Der Teamleiter entschied, das ganze Paket mit einem Big Bang so schnell wie möglich in Betrieb zu nehmen. Da Samstag/Sonntag erfahrungsgemäß wenig Flugbetrieb herrschte, fiel seine Wahl auf das Wochenende vom 07./08. September 1996, Punkt Mitternacht. Der Teamleiter war auch der Überzeugung, eine Woche Vorlauf müsste unter diesen Umständen genügen, alle 25 Nationen zu informieren, die sich an der Stabilization Force (SFOR) beteiligten. Obwohl das Nachkriegsbosnien unter militärischer Aufsicht der SFOR stand, erhielten auch die zivilen NOTAM-Büros das Material, um es in die Nachrichten für Luftfahrer einzuschleusen. Zusätzlich wurden alle Änderungen auf der Internetseite von NATO TERPS veröffentlicht. Der Begleittext für den Flughafen Sarajevo, mit dem der Teamleiter die Verfahren zum Stichtag in Kraft setzte, lautete kurz und knackig: „Aircrews not in possession of the new procedures will not land at Sarajevo. Piloten, die nicht im Besitz der neuen Verfahren sind, werden nicht in Sarajevo landen.“ Er schloss damit aus, dass Flugzeuge mit alten Verfahren den Verkehr durcheinander brächten.

Niemand hatte dem Teamleiter vorher verraten, was am Wochenende des 8. September in Sarajevo stattfinden würde. Er wusste nicht, dass sich an diesem Tag die Eröffnung der XIV. Olympischen Winterspiele von Sarajevo zum zwölften Mal jährten. Er hatte keine Ahnung, dass ausgerechnet dies der verkehrsreichste Tag des Jahres am Sarajevo Airport sein würde. Er wusste auch nicht, dass Regierungs- und Charterflugzeuge aus aller Welt einschweben würden, beladen mit Olympiasiegern von damals, mit Presse und VIPs aus Politik und Sport. Als erstes erwischte es ausgerechnet den griechischen Minister für Sport, der bei der Veranstaltung das Mutterland der Olympischen Spiele vertreten sollte. Jede Diskussion war zwecklos, sein Flugzeug musste umkehren und nach Athen zurückfliegen. Einige weitere folgten. Verschiedene Zeitungen aus aller Welt schrieben später über die bewegende Feier, über ein Fest des Friedens, erwähnten aber auch die beschwerliche Anreise.
Warum ich diesen Event zeitlebens nicht vergessen werde? Ich war damals der Teamleiter von NATO TERPS, der diese Entscheidung traf. Nichts lag mir nach den Wochen ununterbrochener Arbeit ferner als irgendein olympischer Gedanke. Hätte ich mich damals schlau gemacht, eine Woche später hätte es auch noch getan. Easy. Trotz nachträglicher Kritik, die Entscheidung blieb ohne negative Folgen für mich. Ich habe aber zwei Dinge daraus gelernt:
• Man kann sich gar nicht genug informieren
• Es ist trotzdem immer möglich, dass Umstände aus einer Richtung zu Störfaktoren werden können, die man vorher nicht für möglich hielt.
Möge der olympische Friede die ganze Welt, alle Völker und alle Regierungen umspannen! Jetzt! Sofort! Hörst Du, Wladimir Wladimirowitsch? Hör auf mit dem Scheiß!
Andreas Fecker

Eine Antwort zu “Luftpost 497 Mein persönlicher 8. September”

  1. Manfred Neumann sagt:

    Der letzte Satz spricht mir aus der Seele. Danke dafür

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