Luftpost 401: Gabelstapler

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

American Airlines Flug AA 191 war eine DC-10. Die Maschine startete in Chicago am 25.05.1979 um 15:02 Uhr mit 271 Menschen an Bord zu einem Flug nach Los Angeles. Während des Abhebens löste sich das linke Triebwerk mitsamt der Aufhängung, bäumte sich auf, rutschte über die linke Tragfläche und krachte auf die Piste. Die Maschine flog weiter und stieg auf 300 Fuß, dann begann sie nach links zu rollen, die Nase zeigte nach unten. Während des Sinkflugs standen die Tragflächen fast senkrecht. Die DC-10 schlug in einem Trailerpark 1500 m vom Pistenende auf. Alle 271 Menschen kamen ums Leben.

Für die Ursachensuche musste man zwei Monate zurückgehen. Bei mir erzeugt das Gänsehaut:

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  1. In der Flugzeug-Werft von American Airlines in Tulsa gibt es Gabelstapler jeder Größe. Das Triebwerk einer DC-10 wiegt netto etwas über fünf Tonnen. Der einzige Gabelstapler, der am 29. März 1979 ganztägig zur Verfügung stand, hatte acht Tonnen Tragkraft. Wegen eines kleinen Defekts gab die Hydraulik bei längerer Beanspruchung ein wenig nach. Das wurde vom Bediener manuell justiert.
  2. Bei der Grundüberholung eines Flugzeugs werden auch die Triebwerke abgehängt. Das Handbuch des Herstellers sieht vor, zuerst das Triebwerk abzumontieren und danach die Aufhängung. Um aber Zeit und Kosten zu sparen, ließ sich American Airlines von ihrem Technik-Chef ein vereinfachtes Verfahren genehmigen. Die Aufhängung sollte an der Triebwerk-Karkasse bleiben, während die ganze Einheit von der Tragfläche entfernt wird. So geschah es an jenem 29. März in der Werft von American Airlines in Tulsa. Mit dem Gabelstapler wurde das Triebwerk gehalten, während es mitsamt dem Träger abmontiert wurde. Das ist keine Arbeit von Minuten, sondern von Stunden.
  3. Während dieser Prozedur fand ein Schichtwechsel statt. In dieser Zeit blieb der Gabelstapler unbeobachtet. Wegen des nachlassenden Hydraulikdrucks des Staplers senkte sich die Gabel um 2,5 cm, das schwere Triebwerk kippte leicht zur Seite, während es noch nicht vollständig abmontiert war.
  4. Von außen war nur eine große Beule in der Verkleidung zu sehen. Im Inneren der Aufhängung waren jedoch einige Teile angebrochen. Das blieb unbemerkt, auch nachdem das Flugzeug wieder in Betrieb genommen wurde.

Bei jedem Flug arbeitete das Metall seitdem in der Aufhängung. Ein 100 Tonnen schweres Flugzeug verzeiht keine fehlerhaften Aufhängungen an den Triebwerken mit je fünf Tonnen Eigengewicht. Die Brüche wurden größer und schließlich riss sich das Triebwerk beim Start unter Volllast los, die DC-10 stürzte ab. Der für die Überwachung der Wartung zuständige Chefmechaniker brachte sich kurz vor der Gerichtsverhandlung um.

Diese und andere haarsträubende Geschichten sind nachzulesen in Die spektakulärsten Flugunfälle von Andreas Fecker

Eine Antwort zu “Luftpost 401: Gabelstapler”

  1. guenther sagt:

    So etwas dürfte eigentlich nicht wahr sein. Und doch passiert so etwas immer wieder wenn eine Kette an Ursachen ungünstig zusammen wirkt. Uns solange man Vorschriften vereinfachen darf um Geld zu sparen, wird so etwas begünstig. D.h.: Fliegen muss wieder teuer werden, damit man sich teuere / angemessene Wartung leisten kann.

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