Luftpost 378: Intercept

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Dass man mit Ryanair schon mal irgendwo anders landet als erwartet, ist hinreichend bekannt. Diesmal aber war es nicht die Schuld der irischen Billigairline. Die in Polen registrierte Boeing war am 23. Mai 2021 unterwegs von Griechenland nach Litauen und überflog gerade weißrussisches Staatsgebiet, als sie von der Flugsicherung über eine angebliche Bombendrohung informiert wurde. Die Crew wurde wiederholt aufgefordert, in Minsk zu landen. Zwar mißtraute der Captain der Meldung, entschloss sich aber doch noch, der Anordnung zu folgen. 35 km vor der rettenden Grenze zu Litauen zeigte sich eine MiG-29 am Cockpit. Wird ein Flugzeug von der Luftwaffe eines Staates, in dessen Luftraum es sich befindet zur Landung aufgefordert, hat die Crew keine Wahl mehr. Der Abfangjäger führte die Boeing zu einem Nebenflugplatz. Der im Exil lebende Oppositionsaktivist Roman Protassewitsch war einer der Passagiere. Er zeigte sich besorgt und bat ein Crewmitglied, nicht in Minsk zu landen, man würde ihn umbringen. Er übergab seiner Freundin Sofia Sapega seinen Laptop.

Nach der Landung wurden die Passagiere in Fünfergruppen zum Verlassen des Flugzeugs aufgefordert. Die Pässe wurden kontrolliert, Protasewitsch und Sapega abgeführt. Sie hatten sich nach den Protesten gegen Lukaschenko ins Ausland abgesetzt. Sieben Stunden später durfte die Boeing wieder starten, ohne die beiden. Vier oder fünf russische Passagiere, wahrscheinlich KGB Agenten, blieben ebenfalls in Minsk. Europäische Union, Regierungen rund um die Welt und Luftfahrtorganisationen bezeichneten die Aktion als Luftpiraterie und Staatsterrorismus. Man traf sich in Brüssel und reagierte mit Sanktionen gegen Belarus. Die weißrussische Airline Belavia erhielt Einflugverbot in den Luftraum der westlichen Welt, womit sie auf Flüge in das russischen Einflussgebiet beschränkt ist. Bankkonten wurden eingefroren, Einreiseverbote erteilt. Alle westlichen Airlines haben weißrussische Ziele aus ihrem Flugplan gestrichen. Lukaschenko mag es recht sein. Es bindet ihn noch näher an Russland.

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Andere Diktatoren werden die weitere Entwicklung aufmerksam verfolgen. Wenn Lukaschenko dank russischer Unterstützung weitgehend ungeschoren davonkäme, könnte das zur Blaupause für totalitäre Staaten werden. Regierungskritische Journalisten zwischen China und Südamerika müssten in Angst leben, denn die Aktion trägt die Botschaft: „Egal wohin ihr flüchtet, wir kriegen euch!“ Oder, mit den Worten von George W. Bush: „You can run, but you can’t hide.“ Es gibt ja in der jüngeren Vergangenheit Beispiele ähnlicher Aktionen, die allerdings geschickter eingefädelt waren: Zur Zeit der Snowden Affäre hatte der bolivianische Präsident Evo Morales an einer Konferenz in Moskau teilgenommen. Als er sich auf dem Rückflug nach Bolivien befand, vermutete der amerikanische Geheimdienst, Edward Snowden könnte sich an Bord befinden. Also veranlassten die Amis für diesen Flug die Sperrung der Lufträume von Italien, Frankreich, Spanien und Portugal. So musste das Flugzeug einen Tankstopp in Wien einlegen. Pässe wurden kontrolliert, Snowden war bekanntlich nicht an Bord. Nach einer Nacht in der VIP-Lounge konnte Evo Morales seinen Flug mit dickem Hals und vollen Tanks fortsetzen. War das rechtens? Das Überfliegen von Drittländern für den öffentlichen Luftverkehr ist in der Chicago Convention garantiert. Das gilt allerdings nicht pauschal für Regierungsmaschinen. Der Überflug kann in diesem Fall ohne Angabe von Gründen verweigert werden.

Wie auch immer, der Schaden in Belarus ist angerichtet, es wird viel Druck und diplomatisches Geschick bedürfen, die beiden Passagiere lebend freizukriegen, die Wogen zu glätten und die Sanktionsspirale abzuflachen. Staatlich gesponsorte Luftpiraterie war eben bisher noch kein Thema. Vielleicht sollten Jan Böhmermann und andere Satiriker bei ihrer nächsten Flugreise auf das Routing achten. Auch so kann man die Rede- und Meinungsfreiheit torpedieren. Sogar in anderen Staaten.

Andreas Fecker

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