Luftpost 347: Gesichtserkennung

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Beispiel für die geometrische Erfassung von Gesichtszügen – Foto: Fecker

An verschiedenen Flughäfen ist sie bereits flächendeckend in Gebrauch, die Gesichtserkennung. Meist ist sie noch halbautomatisch, d.h. man legt seinen Pass auf einen Scanner, das Bild wird ausgelesen, eine Kamera richtet sich auf die Größe der Person ein, die auf einer Markierung steht. Der Computer vergleicht das Bild mit den Daten aus dem Pass und öffnet die Tür. Der Fluggast ist erkannt, die Ein- oder Ausreise ist genehmigt und natürlich auch registriert. Theoretisch geht das schon jetzt ohne Pass, Big Data macht’s möglich. Fluggesellschaften experimentieren längst damit, ob man ganz auf Ticket und Boardingpass verzichten kann. Das menschliche Antlitz als Personalausweis, als Schlüssel für alles, was man darf, oder auch als Steckbrief für die Fahndung nach Straftätern. Diebstahl von Pässen oder Kreditkarten, wäre dann kein Thema mehr. Sogar Autos könnten dann nur noch von einer registrierten Person gestartet werden, wenn man das so will. Gesichtserkennung ist ein wirksames Mittel gegen Identitätsdiebstahl. Dabei werden markante Punkte mit Strecken miteinanderverbunden, deren Länge und Winkel bekannt sind. Hinzu kommt künstliche Intelligenz, die anhand von Trainingsdaten ebenfalls einen Output generieren.

Es gibt Versuche, die biometrischen Merkmale durch Fotografien, Silicon-Masken, kopierte Finger- oder Handabdrücke und Iris-Erkennung zu täuschen. Dabei ist die biometrische Gesichtserkennung wegen der Vielzahl dreidimensionaler Merkmale von allen gängigen Methoden noch die sicherste, so Paravision, einer der Marktführer auf diesem Gebiet. Deren Software hat sich sogar im Corona Härtetest bei Maskenträgern bewährt. Längst öffnet man jedes Smartphone mit posensicherer Gesichtserkennung.

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Die Gefahr dabei ist die fließende Grenze. Dem Überwachungsstaat werden damit Tür und Tor geöffnet. Aber auch die Industrie könnte stillschweigend ihre Berechtigungen ausbauen und zusätzliche Datenbanken verknüpfen. Und da bekanntlich die Delinquenten den Rechtschaffenen stets einen Schritt voraus sind, ist auch hier kriminelle Energie zu erwarten. Die russische App „FindFace“ könnte zum Beispiel von einem Elektronikladen eingesetzt werden und sich das Gesicht eines Kunden merken, der sich eine Waschmaschine angeschaut hat. Die App sucht dann die sozialen Netzwerke ab, findet das Gesicht, findet den Emailkontakt, und schon könnte dieser potentielle Kunde gezielte Werbung erhalten. Ohne es zu wissen, hat er im Geschäft sein ‚Cookie‘ hinterlassen.

Aber auch nützliche Spielarten sind möglich: Wenn mir meine Kreditkarte unbemerkt entwendet wurde und der Dieb im Bankvorraum an mein Geld will, könnte eine Stimme ertönen: „Sie sind nicht Andreas Fecker. Sie sind Gregor Geyerhahn aus X-Stadt. Die Karte wird eingezogen, die Türen sind jetzt verriegelt, die Polizei ist bereits unterwegs hierher. Bitte reagieren Sie besonnen und bringen sich nicht in noch größere Schwierigkeiten.“ Am Flughafen könnte der Security Check beschleunigt werden. Statt wie früher seine Iris registrieren zu lassen, werden die biometrischen Gesichtsdaten registriert. Das könnte eine nahtlose Reise ermöglichen von der Buchung, zur Gepäckaufgabe, bis zum Check-in, durch die Sicherheitsschleuse bis hin zum Boarding. Intelligente Bildschirme könnten einem Reisenden den schnellsten Weg zu seinem Gate zeigen und ihn obendrein noch darüber informieren, wieviel Zeit er noch bis zum Abflug hat. Der Zugang zur VIP-Lounge könnte gesteuert werden. Grenzübertritte, Ein- und Ausreise am Zoll können beschleunigt werden. Die Möglichkeiten sind unendlich.

Chinesische Polizisten in Beijing und Shanghai testen Sonnenbrillen mit Kamera. Innerhalb von Sekunden wird ein Gesicht mit einer Personenkartei abgeglichen, der Name eingespiegelt und möglicherweise der Befehl zur Festnahme erteilt. Natürlich können so auch ausländische Journalisten überwacht werden. Die Systeme sind mit Überwachungskameras vernetzt.

China treibt das bereits mit geschätzten 600 Millionen dieser intelligenten Augen auf die Spitze. Über 50 m Entfernung kann man so Personen in einer Menschenmenge identifizieren, ohne dass die Person in die Kamera schauen muss. Manche Fußgängerampeln sind mit hochauflösenden Kameras ausgestattet, die das Wohlverhalten eines jeden einzelnen überwacht. Wer bei Rot die Straße überquert, bekommt Minuspunkte auf seinem Verhaltenskonto, das mit dem Sozialsystem der chinesischen Bürger verknüpft ist. Angeblich befinden sich schon über zehn Millionen Bürger aus dem Reich der Mitte auf schwarzen Listen und sind vom Kauf eines Schnellzug- oder Flugtickets ausgeschlossen.  Dieses System kann auch den Ausschlag geben, ob einem eine Wohnung oder eine Arbeitsstelle zugeteilt wird. Dagegen ist die Zuteilung von Klopapier in öffentlichen Toiletten eher grotesk. Dort arbeiten Automaten mit Gesichtserkennung. Man erhält pro erkanntem Gesicht 60 cm Klopapier. Reicht das nicht, kann die gleiche Person erst neun Minuten später einen zweiten Streifen erhalten!

Andreas Fecker

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2 Antworten zu “Luftpost 347: Gesichtserkennung”

  1. Henry sagt:

    Gibt es Informationen bzw. Tests wie zuverlässig diese Systeme (eineiige) Zwillinge unterscheiden können?

    • Andreas Fecker sagt:

      Sehr gute Frage. Laut führendem Provider funktioniert es zwar bei Zwillingen, solange man den Schwellwert hoch genug setzt. Allerdings kann es eineiige Zwillinge nicht unterscheiden.

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