Luftpost 289: Ypsilon-Reisen

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Foto: Fecker

Gelegentlich müssen Soldaten auf Auslandsdienstreisen gehen. Ich zum Beispiel hatte viele Jahre in Decimomannu auf Sardinien zu tun. Wenn keine zivile Transportmöglichkeit zur Verfügung steht, dürfen (oder müssen) wir auf Militärflugzeuge zurückgreifen. Auch Familienangehörige des Ständigen Kommandos benutzen dieses Transportmittel. Wegen des „Y“ auf dem KFZ-Kennzeichen von Bundeswehrfahrzeugen werden diese Flüge bisweilen als Y-Reisen bezeichnet. Ja, ich weiß, die Beförderung von Personen ist nicht der Hauptzweck der regelmäßig verkehrenden, aber überstrapazierten Transportflugzeuge, sondern die Beförderung von Material für die verschiedenen Einsätze. Das geht nicht immer glatt, wie man in der folgenden Geschichte sehen wird. Improvisationstalent wird deshalb ganz großgeschrieben.

Sonntag. Abends um 18 Uhr im Februar 1994 packte ich hastig meine Koffer, weil unvermittelt ein Schneeschauer das Voralpenland mit einer fünf Zentimeter dicken Schneedecke überzog. Ich wollte nicht riskieren, die Transall Landsberg-Decimomannu zu verpassen, die am Montagmorgen um 9.00 Uhr starten würde. Also küsste ich Frau und Kinder zum Abschied und kämpfte mich mit dem Wagen die 60 Kilometer nach Landsberg, um vor Ort in der Kaserne zu übernachten.

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Montag. Eine Transall vom LTG 62 in Wunstorf landete pünktlich. Sie sollte mit uns über Köln nach Deci fliegen. Aber in Köln tobte ein Sturm, der eine Landung unmöglich machen würde. Zwischen Münster, Köln, Wunstorf und Landsberg glühten die Telefondrähte. Nörvenich bei Düren war als Drehkreuz für die Passagiere nach Deci in Italien, Beja in Portugal und Cottesmore in England im Gespräch. Irgendjemand in Köln hatte jedoch die Nerven verloren und die Kölner Passagiere wieder nach Hause geschickt: „Morgen wieder, selbe Zeit, selber Ort.“ Damit war auch für uns Landsberger die Chance geplatzt, heute noch nach Deci zu kommen. Meine Family staunte nicht schlecht, als ich plötzlich wieder in der Tür stand.

Dienstag. 6.00 Uhr. Wenn das vorgestern ein Schneesturm war, so war dies eine Schneekatastrophe. Doch pünktlich zur Meldezeit fanden sich alle wieder ein. Alle Transall-Flugzeuge auf dem Vorfeld waren eingeschneit. Die Enteisung verzögerte den Start nach Köln um zweieinhalb Stunden. Wir Passagiere applaudierten begeistert, als unser Flugzeug schließlich abhob und die Räder einzog. Flughafen Köln-Bonn. Kein Lüftchen regte sich. Die Sonne schien uns in die Herzen, alles freute sich auf Deci. Da traf es wie ein Blitz aus heiterem Himmel: „Deci ist zu – wegen starkem Sturm.“

Übernachtung also in Köln. Für den Großteil der Passgiere findet sich dienstliche Unterkunft in Zehn-Mann-Buden. Die Crew kommt jedoch nicht unter. 14 Hotels werden angerufen. Nichts. Kein Zimmer mehr frei. In Köln ist Messe. Domotechnica. Die Crew lässt sich nach Wunstorf zurückbeordern. Also Ladung raus, Paletten in die Halle, und Tschüss bis morgen.

Mittwoch. Jetzt tobte der Sturm wieder in Köln. Die ganze Nacht über. Orkanböen brachen Äste von den Bäumen usw. Wir kennen das. 8.00 Uhr Meldezeit. Neuigkeiten? Und ob! „Sie werden mit einem Bus nach Ahlhorn gebracht. Dort wartete eure Maschine schon auf euch! Die Trall kann bei diesem Seitenwind nicht in Köln auf der kurzen Piste landen. Und die lange ist geschlossen.“ „Was? und wieso geht nachher eine Challenger nach Deci?“ „Das ist die Mittwochsroutine. Anderer Flugzeugtyp. Die darf starten.“

Transall der Luftwaffe im Anstrich der Vereinten Nationen – Bildarchiv Fecker

Ahlhorn! Bei Bremen! Schlappe 300 Kilometer nach Norden. Eigentlich wollten wir doch nach Deci, und das liegt im Süden! Ein Kapitänleutnant der Bundesmarine, der in Sardinien an Bord eines Schiffes gehen sollte, brach soeben am Telefon zusammen: Er hatte erfahren, dass sein Schiff vor einer halben Stunde – ohne ihn – aus dem Hafen von Cagliari ausgelaufen war. Sein Koffer war derweil am gestrigen Dienstag versehentlich in die Transall nach Beja, Portugal, geladen worden. Man würde ihn heute zurückschicken. Der „Kaleu“ war übrigens tags zuvor aus Ahlhorn gekommen. „Y-Reisen,“ schimpfte er, „wir buchen, Sie fluchen!“

Zwei Herren vom MAD, seit Montag von München über Landsberg und Köln vergeblich unterwegs nach Deci gaben entnervt auf. Sie ließen sich zum Bahnhof fahren, kauften sich zwei Zug-Tickets zurück nach München. Das Angebot mit Lufttransport ins bayerische Landsberg zu fliegen, lehnten sie entsetzt ab. Hatten sie Angst, in den derzeit laufenden AMF-Express nach Bardufoss, Norwegen, zu geraten?

Ahlhorn also. Mit dem Bundeswehr-Bus. 300 Kilometer! Tolle Aussichten. Kaum war der Bus angefordert, wieder was Neues: „Ihr könnt nach Ahlhorn fliegen!“ „Fliegen? Ich denke de Wind ist zu stark in Köln?“ „Ja, aber nicht für die Challenger.“ „Moment mal, in einer halben Stunde geht die Challenger nach Deci. Wollt ihr uns erzählen, dass sie einen Teil der Passagiere erst nach Ahlhorn bringt und dann die anderen nach Deci?“ „Nein. Die Challenger nach Deci ist voll. Aber gleich fliegt eine Regierungsmaschine nach London. Die lässt euch dann in Ahlhorn raus.“ „Hoffentlich.“

An Bord der Challenger kurz nach dem Start in Köln: „Meine Damen und Herren“, informiert uns der Kommandant, „es gibt Schwierigkeiten mit der Landung in Ahlhorn. Die haben dort TACEVAL, eine NATO Überprüfung, und der Kommodore will uns nicht landen lassen.“ „Fliegen wir dann nach Deci?“ fragt jemand scherzhaft. „Nein. Außenminister Kinkel wartet in London auf uns. Mitsamt seinem Stab. Das heißt, wenn wir in Ahlhorn nicht landen können, fliegen wir durch nach England. Und ihr könnt dann auch nicht mit uns zurück.“ „Vielleicht kriegen wir dann einen Flug mit der Royal Air Force nach Gibraltar und kommen von dort nach Deci?“

Der Kommodore in Ahlhorn hatte aber doch ein Einsehen. Wir landeten bei strömendem Regen. Unsere Transall war tatsächlich auch da. „Hallo Jungs. Kennen wir uns nicht?“ „Gleich geht’s ab nach Deci! Hurra!“ „Einen Moment, wir warten noch“, dämpfte die Crew unser Reisefieber. „Die Paletten, die wir gestern in Köln ausgeladen haben, werden gerade mit einem Sattelschlepper nach Ahlhorn gebracht.“ „Waaaaaas?“ „Fracht ist wichtig.“ „Fein. Und wir nicht?“ „Da sind verderbliche Waren dabei.“

Ich hatte auch verderbliche Waren dabei. Am Montag, 20 Brezen. Leberkäs für meine bayerischen Kameraden in der italienischen Diaspora …

Um 11.20 Uhr erhielten wir Nachricht, dass Köln-Bonn wieder anfliegbar sei. „Shit! Ist der Sattelschlepper schon unterwegs?“ „Ja“. „Wann ist er losgefahren?“ „Vor einer halben Stunde.“ „Ruft die Autobahnpolizei an. Der soll umdrehen! Sobald wir die Rückmeldung von Euch haben, dass er zurückfährt, fliegen wir los.“

Warten. Kaffee. Die beiden nächsten Passagiere, eine Mutter mit ihrem kleinen Kind, steigen aus dem Unternehmen aus. Die beiden waren vor zwei Tagen in Ahlhorn gestartet. Trotz allem, die nicht gerade gute Stimmung ist in Galgenhumor umgeschlagen. Eine abgegriffene Bildzeitung fällt uns in die Hände. Wir ziehen die Sterne zu Rate. So stand zutreffenderweise im Horoskop:

Steinbock (22.12.-20.1.): „Sie stehen in den Startlöchern für eine große Herausforderung …“

Krebs (22.6.-29.9.): „Ihr Leben scheint derzeit vom Zufall bestimmt zu werden. Planungen gestalten sich zähflüssig bis schwierig. Lassen Sie den Kopf nicht hängen, und ziehen Sie sich wie Münchhausen am eigenen Schopf aus dem Sumpf.“

Jungfrau (24.8.-24.9.): „… schon in wenigen Tagen (!) ernten Sie die Früchte Ihres Einsatzes.“

Endlich kommt die Information, dass die Autobahnpolizei den Sattleschlepper am Kamener Kreuz gestoppt und die neuen Instruktionen weitergegeben hatte. Unsere Transall wird aufgetankt. Rückflug nach Köln-Bonn. Wir sahen sie alle wieder, die Maschinen, die gestern nach Beja geflogen waren, die Challenger, die erst heute Morgen nach Deci ging; sie standen wieder in Köln. Sogar das Flugzeug, das uns heute Morgen nach Ahlhorn gebracht hatte, war inzwischen nach England geflogen, hatte Herrn Kinkel und seine Entourage abgeholt und nach Bonn gebracht.

Der Kapitänleutnant – der nach Deci – umarmte seinen Koffer – den aus Beja – und bestellte sich ein Taxi zum Bahnhof. Nur wir, die wir seit Tagen wie Irrlichter durch die verschiedenen Cafeterien der Republik geisterten, uns von Kaffee, Würstchen, Nuts, Bi-Fi’s und Gerüchten ernährten, verfolgten die neuesten Meldungen über die Wind- und Wetterentwicklungen zwischen Mittelmeer und Norddeutschland. Schließlich war es 15.30 Uhr, als wir – wieder einmal – starteten. Diesmal vielleicht wirklich nach Deci?

Das geschrumpfte Häuflein Deci-Passagiere saß mit leidgeprüfter Gelassenheit in den Segeltuchbänken der Transall, gähnende Leere in Augen und Magen. Dröhnenden Ohres erinnerte ich mich an die dramatischen Fernsehbilder von überstandenen Flugzeugentführungen. Die Opfer bekamen nach der Landung stets Decken übergeworfen und schwenkten glücklich Blumensträuße, die man ihnen im Blitzlichtgewitter der Weltpresse in die kraftlosen Hände gedrückt hatte.

Großes stand uns bevor. Um 18.46 Uhr rollten wir in Deci aus. Keine Reporter. Keine Big Band. Nur der „Gigi“, mein alter Bekannter. Ich sprang aus der Mühle und drückte ihm einen dicken Schmatz auf beide Wangen.

Irgendjemand hatte mal in meine Beurteilung geschrieben: „… verliert auch unter Belastung nicht seinen Humor …“

Andreas Fecker (Hptm a.D.)

 

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