Luftpost 115: „Charlotte“

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Vergangene Woche an Bord einer Boeing 767 von Condor auf dem Flug von Las Vegas nach Frankfurt. Zaneta Hucikova, 34, ein tschechisches Model, hatte in ihrer Designer-Handtasche ihre kleine Katze „Victoria“ an Bord geschmuggelt. Um den Flug nicht zu verzögern und die Crewdienstzeiten nicht zu gefährden wurde mit Frau Hucikova vereinbart, dass die Katze in einem nicht genutzten Waschraum versorgt wird, aber diesen zum Schutz der anderen Passagiere nicht verlassen darf. Nach dem Start war die Lady allerdings nicht mehr damit einverstanden. Victoria sei kein gewöhnliches Tier, sondern eine „Trost-Katze“ und die brauche sie jetzt bei sich. Sie stieß wilde Flüche aus und attackierte sogar eine der Flugbegleiterinnen. In ihrer Wut drohte sie, das Flugzeug zum Absturz zu bringen, denn sie habe Kontakte zur Mafia. Statt jetzt 225 Passagiere der Hysterie einer durchgeknallten Katzen-Mama auszusetzen, erklärte der Käpten einen Inflight-Emergency wegen eines Unruly Passengers. Air Marshals, wie wir sie in der Luftpost von letzter Woche kennengelernt haben, waren keine an Bord. Aber in den USA gibt es seit 9/11 noch weitere erprobte Verfahren für Luftzwischenfälle aller Art: Die Kavallerie.

Zwei Kampfflugzeuge vom Typ F-16 starteten in Buckley Air Force Base, setzten sich dicht neben die Condor und eskortierten das Flugzeug nach Denver zur Landung. Dort kamen Polizisten und FBI Agenten an Bord und begleiteten die hysterische Lady samt ihrer verwöhnten Katze von Bord. 225 Passagiere applaudierten, Grund genug für das überspannte Model den Passagieren noch zuzurufen: „Ich weiß nicht, was ihr habt! Ich habe gekriegt, was ich wollte.“

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Ob sie da mal nicht etwas voreilig war? Außerplanmäßige Landegebühren in Denver, Wartung und Auftanken des Flugzeugs, 240 Hotelübernachtungen für Passagiere und Crew, 28 Stunden Zeitverlust, Verspätungsgebühren, Mehrkosten, da das Flugzeug nicht mehr im Flottenkreislauf war. Grob überschlagen, mit einer halben Million Euro ist die Lady dabei. Ob die US Air Force auch noch eine Rechnung für den bewaffneten Escort-Service schickt, bleibt abzuwarten. Man gönnt sich ja sonst nichts! Zu allem Überfluss fiel den Behörden jetzt auch noch auf, dass Frau Hucikova länger in den USA verweilt hatte, als ihr B2-Visum es erlaubte (Visa Overstay). Sie war am 2. Oktober 2014 eingereist. Das Besuchervisum ist normalerweise für sechs Monate gültig. Sie wurde bis zur Gerichtsverhandlung in Haft genommen. Ohne ihre Trost-Katze.

F-16 Eskorte – Foto: USAF

Katzenfreunde werden kein Verständnis für die Zwischenlandung haben. ‚So ein Theater wegen eines Schoßkätzchens!‘ Dabei wird allzu schnell übersehen, dass es Menschen mit mehr oder weniger ausgeprägter Katzenallergie gibt. Das hat nichts mit ein paar Katzenhaaren zu tun, sondern mit den Allergenen, die das Tier über den Speichel absondert. Diese verteilen sich als Schwebeteilchen über den Klimakreislauf im Flugzeug. Alles verstärkt durch die Enge der Kabine und die veränderten Luft- und Druckverhältnisse. Das Immunsystem allergischer Passagiere reagiert zum Beispiel mit Niesanfällen, andauerndem Schnupfen, roten und tränenden Augen, Kopfschmerzen, Nesselsucht und Quaddeln auf der Haut, sogar mit Atemwegsproblemen bis hin zu Asthmaanfällen. Und plötzlich hat man ein ganz anderes Problem an Bord.

Condor hatte früher schon einmal Erfahrungen mit Tieren an Bord gemacht. Eine Stammkundin pflegt regelmäßig mit ihrer Schildkröte „Armenia“ zu fliegen, die sie im Handgepäck mitführte. Als das eines Tages auffiel, berief sie sich darauf, sie habe das Tier schon früher mit an Bord gehabt. Nach langem Hin- und her sah sich die reptilophile Dame vor die Wahl gestellt, entweder das Tier bleibt zu Hause oder sie müsse sich ein anderes Transportmittel suchen. Irgendwo müsse eine Grenze gezogen werden. Hunde und Katzen bis zu einem Gewicht von 6 Kilo im verschlossenen Käfig unter dem Vordersitz können gegen eine Gebühr mitgenommen werden, sofern das Behältnis einen wasserdichten Boden hat. Reptilien werden vom Transport ausgeschlossen, sonst bringt eines Tages jemand seine Anakonda mit. Es gibt dazu tatsächlich eine Geschichte aus dem Kongo: Am 25.8.2010 brachte ein Passagier ein kleines Krokodil in seinem Seesack mit an Bord der Kongolesischen Filair. Kurz vor der Landung entkam das Tier, 20 Passagiere flüchteten in den vorderen Teil der LET-410. Dadurch wurde das Flugzeug kopflastig und stürzte einen Kilometer vor dem Zielflugplatz Bandundu ab. Nur ein Passagier überlebte.

Ein Orden wider den tierischen Ernst gebührt dem Bodenpersonal der US Airways in Philadelphia. Am 17.10.2000 buchte Maria Tirotta Andrews einen Flug von Philadelphia nach Seattle in der Ersten Klasse für sich und ihr Begleittier. Amerikanisches Recht sieht vor, dass therapeutische Tiere als Begleitung von Menschen mit einer Behinderung befördert werden müssen. In diesem Fall wurde Mrs. Andrews sogar telefonisch zugesichert, dass das Begleittier umsonst befördert werden würde. Die Ground Crew staunte jedoch nicht schlecht, als Maria Andrews mit einem 150 Kilo schweren vietnamesischen Hängebauchschwein eincheckte, das auf den Namen „Charlotte“ hörte. Mrs. Andrews bestand darauf, sie bräuchte das Schwein auf dem sechsstündigen Flug zur Beruhigung ihres schwachen Herzens bei sich. Während des Landeanflugs wachte das Tier jedoch auf und wurde wild. In Panik rannte die Sau gegen die Cockpittür und randalierte anschließend in der Bordküche. Sie quiekte und schrie und verteilte ihren Kot in der Ersten Klasse, ein Umstand an den sich Mrs. Andrews in einer späteren Stellungnahme nicht mehr erinnern konnte, die mitreisenden Passagiere hingegen umso lebhafter. US Airways verfasste selbst einen Zwischenfall-Bericht für die Luftfahrtbehörde. Diese entschied einen Monat später, dass die Airline im Rahmen geltender Gesetze gehandelt hatte, das Tier mitzubefördern. Trotzdem gab US Airways bekannt, dass dies das erste und letzte Mal war.

Von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 115: „Charlotte“”

  1. Andreas Fecker sagt:

    Von der amerikanischen Behörde für Immigration und Customs Enforcement war inzwischen zu erfahren, dass Frau Hucikova 14 Tage inhaftiert war. Ihre Katze war in dieser Zeit in einem Tierheim. Ein klein wenig Selbstbeherrschung hätte dem Model viel Ärger erspart. Zaneta Hucikova verließ die USA am 15. September an Bord einer Maschine nach Brüssel ohne weitere Zwischenfälle. Geht doch!