Luftpost 496: App-Rechnung

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Der Autor an seinem ersten Schultag – Foto: Archiv Fecker
Foto: Fecker

(fec) Die Werbebranche frohlockt über sogenannte Kunstgriffe wie „Up, App and away“, „App2Date“, Appgefahren, oder – weil das die Luftpost ist – appgeflogen. Politik und Journalismus bedienen sich der Gendersternchen, Deutschlehrer echauffieren sich über diese und andere R-gernisse und sehen eine Verhunzung unserer Sprache. Und ganz ehrlich: Wir sind zwar inzwischen ein Einwanderungsland und fordern Zuwanderer auf, unsere Sprache zu lernen. Gleichzeitig machen wir es uns selbst, besonders aber Ausländern schwerer als je zuvor. Wenn sogar deutsche Professoren an unserer Regelungswut verzweifeln, was erwarten wir dann von anderen? Wir leisten uns Auswüchse, die an Körperverletzung grenzen! BMW wirbt mit „Hrzrasn & Adrnln“ für seinen neuen Kleinwagen, „8tung“ steht für Achtung, „sry“ für sorry. Dabei haben deutsche Schüler bereits Schwierigkeiten mit Genitiv und Dativ, mit Rechtschreibung, Grammatik, Satzbau und Zeichensetzung. Das-und-dass-Schwächen ziehen sich bis in das Erwachsenenalter. Nur noch wenige Germanistikstudenten, die auf Lehramt studieren, kennen sich in unserer neuen Rechtschreibung aus. Die täglichen Buchstabenrätsel im deutschen Werbealltag sind da keine Hilfe, sondern prägen sich besonders bei Schülern (falsch) ein. Der Aufschrei der Akademiker und der sarkastische Ruf nach einer Sprachpolizei verhallt ungehört.

Überspitzte Stilblüten wie Architekt*innen, statt Innenarchitekten mögen ja noch der Erheiterung dienen. Aber muss man deshalb das bewährte generische Maskulinum und damit auch den geschlechterübergreifenden Plural verappschieden? Die Schüler fanden den stets normal, egal ob sie männlich oder weiblich waren. Schülerinnen wurden deshalb mitnichten unsichtbar. Dafür befleißigen sich schon die ABC-Schützen längst mit handygerechten Chat- und SMS-Kürzeln. LOL ist die Kurzform von „das fand ich lustig“. BRB heißt „ich bin sofort zurück“, 2L8 heißt „zu spät“, OMG „Oh mein Gott“. Lehrer rätseln über verstümmelte und unvollständige Sätze, obwohl oder gerade weil sie seit vielen Jahren Deutsch unterrichten. „Diktat und Aufsatz mangelhaft“ könnten, nein müssten sie jedem zweiten Schüler in das Zeugnis schreiben.

Dann gibt es noch das Er-Sie-Es, oder die diskriminierungssensible, genderinklusive Sprache als Zugeständnis der bisherigen binären Geschlechtszuordnung (m/w) zu einer nichtbinären Geschlechtsordnung (m/w/d), die man bald jährlich durch eine einfache Erklärung beim Standesamt ändern kann! In allen geraden Jahren könnte aus Christian „m“ eine Christiane „w“, in ungeraden aus Emily „w“ ein Emil „m“ werden, während in Schaltjahren der/die/das Toni „d“ getrost ein Toni „x“ bleiben mag. Zur Auswahl stehen ja noch „i, x, gn und a“ für intersexuell, egal oder nicht definiert, geschlechtsneutral und anders. Amerikanische Vornamen wie  Zack-Bumm oder Tick, Trick und Track wären vor dem „a“ dann bestimmt keine Ausnahme mehr. Ja geht’s noch? Leben wir noch im Land der großen Dichter und Denker? »Gegenderte Sprache und identitäre Ideologie werden von einer großen Mehrheit der Bevölkerung nicht mehr nur im Stillen abgelehnt. Sie werden als übergriffig empfunden. Mit jeder gegenderten Nachrichtensendung gehen ein paar Hundert Stimmen mehr zur AfD«, klagt Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Haseloff.

Foto: Fecker

Wer immer diese Gender-Regeln eingebracht und beschlossen hat, muss bekifft gewesen sein. Kiffen ist ja jetzt auch erlaubt, „weil wir es früher angeblich alle mal getan haben“, sagen sogar Minister, die vor Jahresfrist noch ernst zu nehmen waren. Nein, haben wir eben nicht. Und statt mit dem Handy zu daddeln, haben wir Bücher gelesen und uns dabei unbewusst die richtige Schreib- und Ausdrucksweise unserer Sprache eingeprägt.

Ich hatte 1956 in der Grundschule einen besonders jähzornigen „Pädagogen“ namens Polikait als Lehrer. Seine Begabung, bei uns Schulkindern Freude am Unterricht zu erzeugen, bestand aus Tatzen mit dem Rohrstock. Wenn ich beim Singen den Ton seiner gefürchteten Zupfgeige nicht sofort traf, schlug er mir mit dem Rohrstock auf die Hände, bis sich die Finger krümmten! Die 10 machte er stets voll, auch wenn sich die Finger vor Schmerz krümmten und er die Fingernägel traf. Hätte ich bei ihm das Wort „abfahren“ mit pp geschrieben … ich glaube, er hätte mich totgeschlagen. Ich will ihm heute zugutehalten, die Nazis, der II. Weltkrieg und die Folgen für unser Land waren daran schuld, dass er derart appgefuckt war!

Foto: Fecker

Der Schulbus in Ulm fährt sicher nicht für den Duden Reklame, und den Werbetextern der Bahn ist der Deutschunterricht der pendelnden Schüler wurscht. Und der erste Eindruck in ihren späteren bwerbungsschreiben läßt die Werbeagenturen auch unbwegt.
OMG!

Andreas Fecker

(Alle Fotos sind aus dem Leben gegriffen von A. Fecker)
Liebe Journalisten und Zeitungsredaktionen: Der Nachdruck dieses Blog-Posts samt Fotos mit Quellenangabe ist ausdrücklich gestattet.

7 Antworten zu “Luftpost 496: App-Rechnung”

  1. Günther Nowitzke sagt:

    libR Ndy, HB mich seltN so Müsirt. gruS güntR

  2. Monika Sander sagt:

    Lieber Andy,

    wie immer – Du triffst den Nagel auf dem Kopf! Ich stöhne jedesmal innerlich auf, wenn ich im Radio den Glottisschlag hören darf – ein Schlag gegen das Hirn! Wird bei Wiederholung nicht besser, sondern manifestiert den Schaden…. danke für den kritischen Text – und auch für die heiteren Aspekte darin. Herrlich!
    Liebe Grüße
    Monika

  3. Roemer Sabina sagt:

    Eine unglaublich gute Kolumne! Danke für diese so treffend geschriebene Folge über einen „ Zustand“ in der deutschen Sprache, wie sie treffender nicht zu beschreiben ist!!
    Es muss auf jeden Fall weiter gehen mit der Luftpost!
    Nicht nur der deutschen Sprache wegen, sondern auch für die vielen vielen super interessanten Beiträge über Technik, Fliegerei und anderes in diesem Bereich.

  4. Markus sagt:

    Hi Andy,

    Volltreffer! Ich bin sowas von bei Dir. Bei Anschreiben habe ich schon bewusst „Sehr geehrte Damen und Herren – und alle sonstigen“ geschrieben, bei Stellenanzeigen reicht der Platz der Überschrift schon gar nicht mehr aus, wenn wir M/W/D und so weiter schreiben müssen.

    Markus

  5. Helmut Friz sagt:

    Hallo Andy, wie wahr, wie wahr !
    Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man herzhaft drüber lachen.
    Weiter so !
    Helmut

  6. WOLFGANG sagt:

    Lieber Andy,
    Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Vielleicht nähern wir uns wieder dem Mittelalter. Damals konnte nur ein kleiner Teil des Volkes lesen und schreiben. Die große Masse war ungebildet. Mit der verhunzten Sprache von heute bewegen wir uns wieder darauf zu.
    Grüße Wolfgang

  7. Ich bin ja gespannt, wie die verschiedenen staatlichen, privaten, Versicherungs- und Bank-Verwaltungen den Gender-Wahn behandeln. Werden einmal erteilte Vollmachten ungültig? Wie werden Gemeinschaftskonten bei Banken behandelt? Wie möchten Sie in Zukunft angesprochen werden? Mit Ihrer Steuer-ID? Für 1984 wurde das vorhergesagt, 2024 wird es endlich wahr! Vor 30, 40 Jahren habe ich noch den Kopf geschüttelt, dass ich den Kontoeröffnungsantrag meiner Frau mitunterschreiben musste. Heute ist es umgekehrt.
    Man braucht wohl ein Reifealter von 70+x, dass man diese er/sie/es-Klamotte und die geschlechtsoffene Anrede mit dem gebotenen Humor ertragen kann.
    Andreas

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