Luftpost 451: Zuhören!

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Foto: Fecker

Wer kennt die Angewohnheit nicht: Man erhält einen Telefonanruf, der Anrufer stellt eine Frage oder gibt eine Information. Der Angerufene will sich kurz mit anderen Anwesenden im Raum besprechen und nimmt dazu den Hörer vom Ohr und hält ihn an die Brust. Der Anrufer soll ja nicht an dem kurzen Gespräch im Raum beteiligt werden. Außerdem stört es, wenn er womöglich weiterredet. Inzwischen hat man sich schlau gemacht, nimmt den Hörer wieder ans Ohr und schließt das Gespräch ab. Millionen Menschen machen das jeden Tag.
Szenenwechsel. Auf dem Kontrollturm eines deutschen Militärflughafens rief eines Tages die Radar-Anflugkontrolle an und informierte den Tower, dass eine bestimmte Maschine ihren Flug abgebrochen hat und vorzeitig zurückkommt. Der Koordinator, der den Anruf entgegennahm, hielt den Hörer an die Brust und informierte den Controller darüber. Der nickte und legte den Flugplanstreifen auf Live Traffic. Der Koordinator nahm den Hörer wieder ans Ohr und sagte:  „Roger, schickt ihn auf unsere Frequenz. Wir haben gerade keinen Verkehr.“
Der Starfighter kam schnell und tief, der Pilot sprach kein Wort und bat auch nicht um eine Landefreigabe. Er setzte hart auf der Piste auf, zog den Bremsschirm und brachte das Flugzeug bereits in der ersten Hälfte der Ausrollstrecke mit einer Gewaltbremsung zum Stehen. Dann öffnete er das Kabinendach, kletterte heraus, rutschte über die Tragfläche auf den Beton. Dort riss er sich den Helm vom Kopf und wälzte sich vor Schmerzen. Jetzt erst löste der Tower Unfallalarm aus.
Was der Koordinator im Tower nicht gehört hatte während er den Hörer an die Brust hielt, war folgendes: „… Der Pilot hat Schmerzen in der Stirnhöhle sobald er in den Sinkflug geht. Er hat Nasenbluten, die Atemmaske ist voller Blut. Er kann nicht sprechen. Er wird versuchen zu landen und den Bock auf der Piste abstellen. Er braucht dann sofort den Fliegerarzt und die Sanis. Wir brauchen die gesamte Crash Crew.“

Dass der Pilot eine Stirnhöhlenvereiterung hatte und eigentlich gar nicht hätte fliegen dürfen, steht auf einem anderen Blatt. Hier lag eine gigantische Fehlleistung des Towers vor, die noch heute bei allen Beteiligten für Gänsehaut sorgt. Als ich später junge Fluglotsen ausbildete, nahm ich stets diese typische Angewohnheit zum Anlass, um die Übung abzubrechen und diese haarsträubende Geschichte zu erzählen. „Das könnt ihr im Gespräch mit Tante Ingeborg machen, aber nicht in der Flugsicherung!“
Andreas Fecker

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