Luftpost 400: Der Sandwichkrieg von 1958

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Foto: Fecker

In der 400. Ausgabe der Luftpost sei mir ein Rückblick auf das goldene Zeitalter des Luftverkehrs gestattet. Damals überboten sich die Fluggesellschaften mit Luxus. Man konnte meinen, es handelte sich um fliegende Rauchsalons, Cocktail Bars mit Barhockern, Plüschsesseln, Marmortischen, Partyräumen, aber auch Schlafabteilen.  Hauptsache der Service war exklusiv und für die privilegierte Klientel angemessen.

Die skandinavische SAS führte am 1. April 1958 die Economy Klasse ein. Mit preisgünstigen Tickets konnte so eine neue Zielgruppe erschlossen werden. Aber die internationale Airline Association IATA regulierte die Tarife bis ins kleinste Detail. Sogar das Bordessen durfte in der Economy nicht dem der Ersten Klasse entsprechen. Statt Champagner und Steaks gab es eben Kaffee, Tee, Mineralwasser und ein paar einfache, kalte, billige Sandwiches. Die Konkurrenz aus Übersee wachte argwöhnisch darüber, dass die angebotenen Speisen den Regeln entsprachen. Pan American und Trans World Airways schickten gar Service-Spione an Bord der europäischen Konkurrenz. Übertretungen wurden der IATA gemeldet. Der Airlinezusammenschluss hatte jedoch nicht mit dem Erfindungsgeist europäischer Kundenmanager und Küchenchefs gerechnet. Wo steht denn, wie ein Sandwich auszusehen hat? PanAm und TWA verstanden darunter ihre typisch amerikanischen Sandwiches wie Eiersalat, Käse, Roastbeef oder Schinken zwischen zwei dicken Brotscheiben.

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Da entdeckte einer der Spione, dass SAS einen „Paradies-Sandwich“ mit (nachgezählt) fünf Scheiben Ochsenzunge servierte, garniert mit einem Salatherz, Spargelspitzen und geschnittenen Karotten. Und unter der Herrlichkeit lag eine Scheibe Brot als Alibi. Empört meldete er das an seine Geschäftsleitung. PanAm erkannte darin eine massive Störung des Wettbewerbs, da sich der üppige Service in der Economy Klasse garantiert herumsprechen und Passagiere von den amerikanischen Sparbrötchen-Airlines weglocken könnte. Swissair sprang der kundendienstbeflissenen SAS zur Seite, denn die Schweizer waren selbst für ihre kreativen Sandwiches bekannt. Sie servierten eine Kollektion von zwölf köstlichen Vorspeise-Sandwiches, gefolgt von einem Pfirsich auf Zwieback. KLM Royal Dutch Airlines und Air France boten ähnliche Extravaganzien an. Ein Swissair-Sprecher stellte fest: „Jeder Mensch hat seinen eigenen Anspruch auf sein Sandwichkonzept. Wir haben unseres, welches wir bis zum Ende verteidigen werden“. Der Luftkrieg um die Brötchen zehntausend Meter über dem Atlantik war in vollem Gang. Die Skandinavier eskalierten in einem Kundenbrief weiter: „In unseren Flugzeugen finden Sie keine in Zellophan verpackten gummiartigen und unverdaulichen Lebensmittel.“ Worauf amerikanische Airlines drohten, europäische Fluggesellschaften aus dem amerikanischen Luftraum verbannen zu lassen.

Die Medien griffen den immer hitziger werdenden Sandwichkrieg auf 30.000 Fuß genüsslich auf, ihre von Sarkasmus triefenden Kommentare brachten die IATA dazu einzuschreiten. Sie berief eine Sandwich-Sondersitzung nach London ein. Diese endete allerdings mit einer Enttäuschung für die Liebhaber belegter Brote, denn die PanAm hatte die IATA offenbar in der Tasche. Nach ihrem Urteil musste ein Sandwich fortan „kalt, einfach, schnörkellos und preiswert“ sein. Es musste außerdem „aus einem wesentlichen und sichtbaren Stück Brot bestehen“. Alle Zutaten, die „normalerweise als teuer oder luxuriös angesehen werden, wie Räucherlachs, Austern, Kaviar, Hummer, Wild, Spargel oder Gänseleberpastete“ sowie „übergroße oder verschwenderische Portionen, die den Geldwert der Einheit überstiegen“, waren verboten. (Hatte sich die spätere EU von dieser Regulierungswut eine dicke Scheibe abgeschnitten?) Und nachdem die große Sandwichkonferenz von London im Sinne der Amerikaner gelaufen war, bestand die PanAm als Satisfaktion für die „unverdaulichen in Zellophan verpackten Lebensmittel“ auf eine Geldstrafe von 20.000 US Dollar gegen die SAS, wahrscheinlich zahlbar am folgenden Tag im Morgengrauen.

Doch dann kam 1970 die große Deregulierung des Luftverkehrs, und die Speisung der Eco-Paxe wurde freigegeben. Das war für manche Kunden gut, für andere schlecht, denn jetzt durfte alles serviert werden, vom Gourmet-Häppchen bis zur Unverschämtheit. SAS aber kehrte zu seinen üppigen Sandwiches zurück. Seit allerdings auch die Ticketpreise freigegeben wurden, herrscht ein Preiskrieg mit den Billigfliegern. SAS überführte ihre kulinarischen Kreationen in den Bordverkauf. Und während so mancher Low Cost Passagier lustlos ein staubtrockenes Brötchen mit einer Spur Käse zerkaut, mag er sich an die Zelophanbrötchen der alten PanAm erinnern. Gott hab sie selig. Sowohl die PanAm, als auch ihre Sandwiches.

Andreas Fecker

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