Luftpost 395: Schwerelos

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Andreas Fecker

Es gibt wissenschaftliche Experimente, bei denen die Erdanziehungskraft ein Störfaktor ist. Also verlegt man sie in den Weltraum. Doch der logistische, zeitliche und operative Aufwand, die Versuche auf der Internationale Raumstation ISS durchzuführen, kostet viel Zeit und noch mehr Geld. Also greift man zu anderen Möglichkeiten. Da wäre zum Beispiel der Parabelflug. Man kennt das aus der Achterbahn, wenn das Gefährt bergauf rast und jenseits des oberen Bogens gleich wieder nach unten saust. In dem kurzen Moment, bei dem es uns aus den Sitzen hebt, haben wir für einen Moment die Schwerkraft überwunden und befinden uns in einem Schwebezustand, wenn auch nur für eine Sekunde. Mit mehr Aufwand kann man die Schwerelosigkeit auch mit einem Flugzeug erfliegen. Die DLR hat dazu einen Airbus A300 ausgerüstet. Bodenmatten verhindern Verletzungen, das Flugzeug ist mit Messinstrumenten ausgestattet. Ein sogenannter Parabelflug beginnt mit einer Anlaufphase in 17.000 Fuß, gefolgt von einem Steigflug auf 28.000.

Während der Steigflug endet und das Flugzeug in einen Sturzflug übergeht, befinden sich die Insassen für gut 20 Sekunden in einem weltraumähnlichen Schwebezustand. Man kann solche Zero-G Flüge buchen. Da dieser schwerelose Übergang in den Freien Fall das Gleichgewichtsorgan durcheinanderbringt, reagieren manche Menschen darauf mit Übelkeit und Erbrechen. Das führt dazu, dass diese Flugzeuge auch Kotzbomber genannt werden. Ein Flug kostet 6000 Euro pro Person. Dabei werden 12 Parabeln geflogen. Es muss dabei aber klar sein, dass man nicht aussteigen kann, wenn man sich bei der ersten Parabel vom Frühstück trennen musste. Dann kommen die anderen elf nämlich auch noch.

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Wenn auf solchen Flügen wissenschaftliche Experimente durchgeführt werden, sind natürlich keine zahlende Passagiere an Bord. Gleichwohl ist es eine unruhige Arbeitsumgebung, bei der man bestimmte Experimente nicht durchführen kann. Dafür hat man 1988 den Fallturm von Bremen am Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) gebaut. Der Turm ist 146 m hoch. In seiner Mitte befindet sich eine 110 m hohe Stahlröhre, die auf einem Katapult im Untergeschoss steht. Die Röhre lässt sich mit 18 Pumpen fast komplett „evakuieren“, d.h. alle Luft wird abgesaugt bis ein Vakuum von 10-4 bar erreicht ist.

Die Experimente zur Materialforschung, Strömungstechnik oder Biologie finden in einer Kapsel statt, die auf einem Katapult im 10 m tiefen Unterbau der Röhre sitzt. Mit Druckluft wird ein Kolben beschleunigt, der die Experimentierkapsel mit dem etwa Zwanzigfachen der Erdbeschleunigung auf eine Endgeschwindigkeit von 168 km/h beschleunigt. Wegen des Vakuums in der Röhre benötigt die Kapsel für den Anstieg genauso lange wie für das anschließende Herunterfallen. Während der gesamten Steig- und Fallphase herrscht in der Kapsel Schwerelosigkeit. Die für Experimente zur Verfügung stehende Zeit wird durch den Einsatz des Katapults somit verdoppelt. Der gesamte Vorgang dauert 9,6 Sekunden.

Eine nette Besonderheit hat der Fallturm auch noch. In seiner Spitze befindet sich ein Konferenzraum, der auch als Hochzeitszimmer für Trauungen verwendet werden kann. Diese darf dann auch gerne länger als 9,6 Sekunden dauern.

Andreas Fecker

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