Luftpost 385: Militärdiplomatie

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Foto: Archiv Fecker

Während meiner Arbeit in der Luftfahrtbehörde von Bosnien-Herzegowina um die Jahrtausendwende war ich gelegentlich zu Gast bei den Hauspartys des amerikanischen Militärattachés. Aus solchen informellen Treffen ließen sich Erkenntnisse gewinnen, die sonst nur mühsam zu erfahren waren. So stand ich einmal schweigend hinter einem amerikanischen Diplomaten, der in die Unterhaltung mit einem Bosnier vertieft war. „Die Deutschen zahlen euren Landsleuten ein Flug- oder Busticket in die Heimat, locken sie mit einer Rückkehrprämie. Alles in allem pro Familie ungefähr 10.000 Dollar. Das Geld reicht vielleicht für die Renovierung ihres Hauses. Dann kommt jemand und jagt das Haus aus lauter Neid und Missgunst in die Luft. Und das war’s dann. Und was machen wir? Wir sanieren eine örtliche Fabrik. Dann finden die Rückkehrer Arbeit und können sich ihr Geld selbst verdienen.“ Es ist nie damit getan, einen Bürgerkrieg oder einen Völkermord zu beenden. Man muss auch bereit sein, das geschundene Land wieder aufzubauen, um dem erzwungenen Frieden eine Chance zu geben. Dafür hat wohl jede Nation ihren eigenen Ansatz.

Bei einer anderen Gelegenheit kultivierte ich den Gedanken von Versöhnung und Gemeinsamkeit. Da es auch zu meinen Aufgaben gehörte, einen Such- und Rettungsdienst aufzubauen, um das Land wieder ICAO-tauglich zu machen, schlug ich einem bosnischen General vor, bosnische, kroatische und serbische Hubschrauberpiloten auf einen gemeinsamen SAR-Lehrgang nach Deutschland zu schicken. Der General winkte ab. „Und wer gibt uns die Hubschrauber dazu? Die Amerikaner haben dieses Programm ‚Train & Equip‘. Unsere Piloten reisen auf Einladung der Amis nach Fort Rucker in Alabama, lernen dort auf dem späteren Einsatzmuster fliegen. Der Lehrgang läuft nebenher. Und danach erhalten wir auch noch die Hubschrauber von ihnen. Die Ausbildung der Techniker übernimmt Hughes oder Boeing. Bestimmt ist das deutsche Angebot gut gemeint, aber die amerikanische Lösung ist um ein Vielfaches attraktiver.“ Das T&E-Programm wurde zwischen Bill Clinton und Alija Izetbegovic ausgehandelt und war 500 Millionen Dollar schwer.  Es trug die Handschrift von James William Pardew Jr., der sich große Verdienste um den Frieden in Bosnien erworben hatte. Im Juni 2021 ist er im Alter von 77 Jahren verstorben. Klar, dass da knallharte wirtschaftliche Interessen dahintersteckten. Denn mit einem solchen „Starter Set“ konnte man das Land langfristig von den eigenen Produkten abhängig machen und an sich binden.

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Nach jeder neuen Erkenntnis suchte ich unsere diplomatische Vertretung auf und erstattete unserem Militärattaché Bericht. Alles was ich mit den Amerikanern absprach, teilte ich auch mit unserer eigenen Vertretung. Immerhin waren wir ja als NATO und SFOR mit einem gemeinsamen Auftrag im Land: Zu helfen, aufzubauen und zu integrieren. Nichts blieb im Verborgenen. Feedback erhielt ich allerdings nie. Stattdessen bekam ich ein Jahr nach meiner Rückkehr aus Bosnien kuriosen Besuch.

Als „Schlapphüte“ bezeichnet man im Volksmund die Mitarbeiter von Geheimdiensten im In- und Ausland.  Zwei dieser hochgeschätzten Herren des MAD erschienen auf meiner neuen Dienststelle in Frankfurt zu einem zweistündigen „Debriefing“. Sie befragten mich ausführlich über meine Arbeit im Krisengebiet. Sie wollten unter vielem anderen natürlich wissen, ob ich Kontakt zu bosnisch-kroatisch-serbischem Militär hatte. Na klar, täglich. Dafür wurde ich doch entsandt. Sie fragten, ob ich von fremden Diensten „abgeschöpft“ wurde. Nein, ich habe der örtlichen Luftfahrtbehörde Vorschläge gemacht, Kompromisse herbeigeführt, ICAO-Regeln durchgesetzt und Verträge vorbereitet. Viel Raum widmeten die beiden der subtilen Unterstellung von irgendwelchen amourösen Abenteuern mit der weiblichen Bevölkerung. Immerhin war ich ja ein Jahr im Land. Das konnte ich noch überzeugend entkräften. Dann aber zeigten sie sich darüber entsetzt, dass ich Luftraumstruktur, An- und Abflugrouten, sowie Instrumentenverfahren für Sarajevo, Mostar, Tuzla und Banja Luka im Internet veröffentlicht und gar noch einen NOTAM-Dienst eingerichtet hatte (Nachrichten für Flugzeugbesatzungen). Scharfsinnig schlossen die Herren auf Geheimnisverrat und glaubten sich am Ziel. ‚Das hätten Sie doch alles geheim halten müssen!‘, meinten sie. Im Gegenteil! Ob es mir gelang, die luftfahrtfernen Verdachtschöpfer zu überzeugen, dass davon das Leben und der sichere Transport von 25.000 SFOR-Soldaten aus zwei Dutzend Nationen abhing, glaube ich nicht. Zumindest darin bin ich wohl gescheitert.

Andreas Fecker

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