Luftpost 337: Tiefflieger

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Foto: Fecker

Leider ist es so, dass Konflikte zwischen Staaten nicht immer durch Diplomatie gelöst werden (können). Daher trainieren Armeen im Frieden für einen solchen Fall. Je höher ein Flugzeug fliegt, desto früher kann man es entdecken. Um den Überraschungseffekt zu nutzen, übt man daher Tiefflug. Die Fähigkeit tief zu fliegen entscheidet bisweilen über Erfolg oder Misserfolg.

Tiefflug trainierten unsere Besatzungen mit den meisten in der Bundeswehr geflogenen Mustern über unbewohnten oder dünn besiedelten Gebieten der USA oder in entlegenen Regionen Kanadas, aus einer Air Base namens Goose Bay in Labrador zum Beispiel. Hartnäckig hält sich eine Geschichte, wo der Kommandant einer Transall nach der Landung einen Mechaniker bat, stillschweigend die Striche am Rumpf wegzubürsten, die ein überraschend auftauchender Baumwipfel dort hinterlassen hatte.

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MC-130J Commando II – U.S. Air Force photo/Staff Sgt. Matthew Plew – Foto: USAF

Moderne Kampfflugzeuge besitzen ein Terrain Following Radar, das man auf verschiedene Bodenabstände einstellen kann. Und natürlich auf die Gangart HART oder WEICH. Der Pilot steuert zwar die Richtung, aber der TFR-Computer hält den gleichmäßigen Abstand zur Topographie des überflogenen Terrains. Man sagt auch „fast and dirty“. Das ist nämlich eine harte Prüfung für die Magennerven des hinten sitzenden Waffensystemoffiziers, der nur eine beschränkte Sicht nach vorn hat. Nachdem sich der WSO eines deutschen Tornados, der von einem besonders sportlichen Piloten geflogen wurde, zum dritten Mal in die Sauerstoffmaske übergeben hatte, beschloss dieser, etwas dagegen zu unternehmen. Er steckte vor dem nächsten Einsatz den Flugzeugwarten vor dem Start ein paar Kiefernzweige zu und bat sie, diese nach der Landung in die Ritzen zwischen den Steuerklappen einzuklemmen.

Nach der Landung, und dem Abstellen der Triebwerke passierte es. Die Crew stieg aus und entdeckte zusammen mit dem zuvor eingeweihten Line Chief die Zweige. Die Techniker gaben sich empört, machten dem Piloten Vorwürfe, stießen Drohungen aus, man würde seine draufgängerische Fliegerei bis nach Bonn melden. Der kleinlaute Pilot wurde immer stiller. Andere Crews wurden hinzugerufen, bis der WSO die Situation unter großem Gelächter aufklärte.

Sicherlich hat der eine oder andere Pilot in seinem Ehrgeiz, besonders tief zu fliegen, schon sein Leben gelassen. Und die Führung der Bundeswehr nahm solche Vorfälle auch stets zum Anlass, Unterschreiten von Mindesthöhen zu unterbinden. Andererseits geraten Piloten bisweilen in Situationen, in denen es um Leben und Tod geht, und in denen die Fähigkeit, bodennah zu fliegen das eigene Überleben sichern kann.

Der Gurkenflieger – Foto: spreewaldverein.de

Wenn es nun einen Wettstreit gibt, wer am niedrigsten über die Grasnarbe bürsten kann, unterbieten sich die Jetpiloten gerne im Meterbereich. Doch wir wissen es besser: Spätestens seit dem Kultfilm Good Bye, Lenin! kennt jeder die Spreewaldgurken. Dort gibt es das oben abgebildete Gerät, bei dem keiner unserer tollkühnen Piloten mithalten kann: Der „Gurkenflieger“. Das ist ein Traktor mit zwei weitausladenden Tragflächen, auf denen liegende Erntehelfer die Gurken pflücken. Nicht fast and dirty, sondern slow and clean.

Andreas Fecker

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