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Ohne Hamsi und Haselnüsse geht es nicht – Die türkische Schwarzmeerküste will entdeckt werden

14 Oktober 2012 Drucken Drucken

Ein Adlerhorst in den Felsen – Das Kloster der Heiligen Maria vom Berg Mela bei Trabzon an der Schwarzmeerküste wurde im 4. Jh. gegründet. Foto: Dierk Wünsche

Jedes Jahr zieht es Hunderttausende sonnenhungrige Touristen an die türkische Mittelmeerküste. Der Begriff Antalya ist zum Synonym für Urlaub geworden – rund ums Jahr. Denn die türkische Riviera und die Ägäisküste bieten Erlebnisse aus dem Bilderbuch der Reiseveranstalter. Im Gegensatz dazu zieht es vergleichsweise nur wenige ausländische Touristen an die nördliche Seite Kleinasiens, zur türkischen Schwarzmeerküste. Ein touristisch gesehenes „terra inkognita“. Dabei lohnt es durchaus, die Schätze der Schwarzmeerküste nicht nur auf den üblichen, zeitlich begrenzten, Zwischenstopps einer Rundreise zu entdecken. Zwar gibt der Sommer hier ein kürzeres Gastspiel als im Süden, aber auf die Besucher der rund 1200 Kilometer langen (türkischen) Küste des Schwarzen Meeres warten genauso herrliche Badestrände, Dörfer und Städte mit bedeutendem historischen Hintergrund und als Zugabe, eine berauschende Natur im Hinterland.

Es grünt so grün an der östlichen Schwarzmeerküste

Gerade die Naturschönheit der Schwarzmeerküste ist ein Pfund mit dem sich wuchern lässt. Ausgedehnte Laub- und Nadelwälder, Auenlandschaften, Hänge voller blühender Rhododendren und Hochgebirgslandschaften – die Farbe Grün ist nahezu überall präsent. Bäume, Büsche, Moose und Efeu bedecken die Berghänge. Wer das Hinterland erforscht, beispielsweise das Kaçkar-Gebirge, findet sogar klassische Almwirtschaften wie in der Schweiz. Ob Tageswanderungen oder längere Trekking-Touren, diese Bergwelt ist mit ihren einsamen Seen, Bächen und Quellen das ideale Gebiet zum Wandern und Bergsteigen im Hochsommer in der Türkei. Subtropische Vegetation bestimmt auch in der östlichen Region das Bild und das feuchtwarme Klima lässt alles bestens gedeihen. So ist Rize das Zentrum des Teeanbaus, in Samsun dominiert der Tabak und in Ordu blühen die Haselnussbäume. Das gemäßigte, kontinentale Klima und Wassertemperaturen zwischen 20° und 23°C von Juni bis September, machen selbst den Hochsommer zu einer angenehmen Reisezeit.

Samsun: Ein Ort der türkische Geschichte schrieb

Samsun Foto: Dierk Wünsche

Samsun, die mit über 530.000 Einwohnern größte Stadt der türkischen Schwarzmeer-Region, ist für viele Reisende auf den ersten Blick nur eine Durchgangsstation auf dem Weg nach Trabzon, der weitaus bekannteren Stadt. Dabei hat auch Samsun einiges zu bieten, was einen längeren Aufenthalt lohnt. Das unübersehbare Wahrzeichen der Provinzhauptstadt ist eine Bronzefigur des Staatsgründers Kemal Atatürk zu Pferde. Geschaffen wurde sie 1931 vom österreichischen Bildhauer Heinrich Krippel. Der Hintergrund: Hier in Samsun rief Atatürk am 19. Mai 1919 zum Befreiungskampf auf. So pilgern auch viele Besucher zum Nachbau des Schiffes „Bandırma“ am östlichen Strand von Samsun, mit dem Atatürk einst landete. Wirtschaftlich betrachtet ist die Region um Samsun das größte Anbauzentrum für Tabakpflanzen. Verarbeitet wird der Tabak dann über das größte türkische Hafenbecken am Schwarzen Meer in alle Welt verschifft.

Rund drei Kilometer nördlich des Zentrums findet man auf einem Hügel einige antike Siedlungsreste des alten Amisos, der Vorgängerin des heutigen Samsun. Mit einem schwindelerregenden Sessellift gelangt man von einem Parkplatz neben der Küstenschnellstraße E70 zu den Grabungsstätten. Sind dort Originale zu bewundern, so sind die gerade im Entstehen befindlichen Bauten eines Freizeitparks am Strand, der an das Leben und Wirken der wilden Amazonenkriegerinnen erinnern soll, doch eher märchenhaft. Aber die Silikonfiguren mit Schwert, Bogen und Fellbekleidung geben zumindest ein attraktives Fotomotiv ab.

In Ordu hat man beste Aussichten

Blick auf Ordu, einem Zentrum für Haselnussanbau, an der türkischen Schwarzmeerküste Foto: Dierk Wünsche

Über die Schnellstraße E70 ist auch die Provinzhauptstadt Ordu zu erreichen. Direkt vom Strand schwebt man per Seilbahn, die 2011 von einem südtiroler Unternehmen fertiggestellt wurde, in verglasten Gondeln auf den 550 Meter hohen Hausberg Boztepe. Schon aus der Gondel bietet sich ein fantastischer Blick: satelittenschüsselbedeckte Dächer und Balkone, schlanke Minarette und Moscheenkuppeln. Dazwischen flattert das Blutrot türkischer Fahnen als Blickfang stolz im Wind. Gern schweift das Auge neugierig hinab in enge Gässchen und das quirlig bunte Leben der Stadt. Nach rund zehn Minuten Fahrtzeit ist man auf dem Boztepe angekommen und kann es sich nach einem kurzen Fußmarsch in einem der Restaurants kulinarisch gut gehen lassen. Beste Aussichten auf die Stadt und das im Sonnenlicht glitzernde Meer inklusive. Auf den Tisch kommen gerne lokale Spezialitäten und damit eine eigenständige Küche. Hamsi, ein kleiner silberner Fisch in Sardinengröße, ist ein Muss in der Fangsaison von November bis Februar. Gebacken, gefüllt, zwischen Kartoffeln gebettet, ja sogar als Dessert wird er serviert. Weitere Köstlichkeiten sind Steinbutt und eine nach Knoblauch duftende Schwarzkohlsuppe. Lecker ist auch knuspriges Brot aus Maismehl und eingelegtes Weißkraut, das warm zum Frühstück gegessen wird.

Dermaßen gestärkt schwebt der Besucher wieder herab zum Strand von Ordu, nicht ohne dabei einen Haselnusskern zu knabbern. Denn die Haselnüsse sind das wirtschaftliche Lebenselixier der Region. So kommt weltweit jede dritte Haselnuss aus dem Hochland um Ordu – 700.000 Tonnen waren im Jahr 2008. Denn aufgrund der besonderen biologischen und klimatischen Anforderungen des Haselstrauches ist ein Anbau in größerem Stil weltweit nur an einigen wenigen Orten lukrativ. Und die türkische Schwarzmeerregion ist besonders geeignet.

Trabzon – Hauptstadt eines Kaiserreichs und noch heute voller Leben

Die Villa Atatürks in Trabzon zeugt von hoher Wohnkultur Foto: Dierk Wünsche

Der Endpunkt der Reise ist die Hafen- und Provinzhauptstadt Trabzon. Diese ist vor allem Fußballkennern durch den auch international erfolgreichen Verein Trabzonspor ein fester Begriff. Kein Wunder also, dass Trabzon partnerschaftliche Beziehungen zur Stadt Dortmund in Westfalen unterhält. Überhaupt zeichnen große Namen, eine wechselhafte Geschichte und zahlreiche Sehenswürdigkeiten die überaus pulsierende 300.000 Seelen-Stadt aus. Auch ist sie ein guter Ausgangspunkt für Ausflüge ins malerische Hinterland bis hin zu Tagestouren ins 150 Kilometer entfernte Nachbarland Georgien. Lohnenswert ist ein ausgedehnter Bummel durch die Basare der Stadt. Die schönen Silberwaren aus Trabzon sind weit über die Grenzen bekannt. Und kulinarisch gesehen kommt man auch in Trabzon an Hamsi, gebraten im Fladenbrot oder als Börek serviert, nicht vorbei. Köstlich sind auch duftende, gefüllte Pide-Variationen und Haselnüsse in allen denkbaren Verarbeitungsformen.

Anfang des 6. Jh. v. Chr. gegründet, liegt Trabzon harmonisch eingebettet zwischen drei Hügeln. Noch immer berichten Touristenführer stolz von einem griechischen Söldnerheer, das 400 v. Chr. nach einem langen Marsch von Persien genau hier das Meer erblickte. Zu den berühmten Namen der Stadt gehört der römische Feldherr und Feinschmecker Lucullus, der sie einst eroberte. Sein kulinarischer Verdienst: Er brachte die Kirsche nach Europa. Die Reste einer gewaltigen Stadtmauer und eine trutzige Zitadelle zeugen von der herausragenden Bedeutung der Stadt in römischer Zeit. Die Würde einer Hauptstadt erlangte Trabzon, das damals Trapezunt hieß, zwischen 1204 und 1461. Das kleine Kaiserreich der Großkomnenen, gegründet vom byzantinischen Kronprinzen Alexios Kommenos, hatte hier ihr Zentrum. Auch Atatürk besuchte mehrmals die Stadt, die ihm eine herrschaftliche Villa vermachte. Kurz vor seinem Tode übertrug er den Besitz in seinem Testament, das er in der Villa verfasste, zurück. Umgeben von einem reizvollen Park vermittelt sie eindrucks- und stimmungsvoll Komfort- und Wohnkultur der damaligen Zeit und die Verehrung des Staatsgründers.

Die Hagia Sophia ist eine ehemalige byzantinische Klosterkirche in Trabzon. Die Kreuzkuppelkirche wurde im 13. Jahrhundert errichtet, als Trapezunt die Hauptstadt des gleichnamigen Kaiserreichs war. Foto: Dierk Wünsche

Drei Kilometer westlich des Stadtzentrums sind noch heute Spuren von Kunst und höfischer Prachtentfaltung, inspiriert von Konstantinopel, in der Kirche des Hagia Sophia-Klosters, „Heilige Weisheit“,, zu finden. Malerisch auf einer Hügelkuppe inmitten eines Parks plaziert thront die Hagia Sophia-Kirche wahrhaft königlich hoch über den Dächern der Stadt und dem Meeressaum. Ein Ort, der Frieden und Ruhe ausstrahlt. Der Höhepunkt sind zweifellos die Fresken, die in der Kirchenkuppel zu sehen sind. Diese sind von einer Perfektion, die weder in der byzantinischen Kunst in Istanbul noch in der byzantinischen Kunst in Kappadokien anzutreffen sind. Verborgen unter weiß gestrichenem Wandputz haben sie die Zeit überstanden, in der das Bauwerk als Moschee diente, bevor es nun ein Museum wurde.

Das Juwel in den Bergen – Das Kloster der Heiligen Maria vom Berg Mela

Nicht so gut erhalten, dafür aber in atemberaubender Umgebung liegt das 45 km entfernte Kloster von Sumela. Das meist besuchte und auch bekannteste Highlight der Region. Die gut ausgebaute Straße – früher ein staubiger Karawanenweg in Richtung des 2010 Meter hohen Ziganapasses – schlängelt sich entlang eines tosenden Flusses hinauf ins Gebirge zum Altindere-Nationalpark. Wie ein Schwalbennest klebt das siebenstöckige Gebäude in einer steil abfallenden Felswand, umgeben von sattem Tannengrün. Im 4. Jahrhundert als kleine Kirche gegründet, wurde es mit der Zeit zu einer prachtvollen griechisch-orthodoxen Klosteranlage ausgebaut, die bis 1923 noch bewohnt war. Eine Marien-Ikone des Evangelisten Lukas, der auch Maler war, ließ Sumela zur Pilgerstätte werden. Seit 1931 befindet sich die Ikone nun in einem neu gegründeten Kloster am Berg Athos in Griechenland. Sumela wurde mehrmals zerstört und wieder aufgebaut, wofür sogar die osmanischen Sultane Geld spendeten. Denn Maria wird auch bei den Muslimen hoch verehrt.

Farbenprächtige Fresken machen das Kloster von Sumela zu einem Kleinod. Foto: Dierk Wünsche

Schon aus der Ferne ist Sumela ein wahrhaft atemberaubender Anblick. Zwar liegen in den Bergen versteckt noch weitere Zeugen aus byzantinischer Zeit, aber jeden zieht es magisch in das „Kloster der Heiligen Maria vom Berg Mela“. Nach Luft schnappend kommt man über steile Pfade mit riesigen, ausufernden Baumwurzeln an der Eingangspforte an. Steile Treppenstufen führen weiter hinauf ins Innere der Anlage. Gedanken schießen durch den Kopf: Was für eine Quälerei muss der Bau dieser Anlage gewesen sein? Wie wurden die Mönche versorgt? Wie sieht es hier bei Eis und Schnee aus? Und dann liegt es hinter wehrhaften Mauern da, das Kloster, in der sich der komnenische Kaiser Alexios krönen ließ. Arg geschunden vom Zahn der Zeit und den Menschen – das ist der erste Eindruck. Erbarmungswürdig ist der Zustand der Fresken an den Außenwänden. Vandalismus, Unkenntnis, Ignoranz und das feuchte Klima setzten ihnen zu. Graffitis, zerkratzte Augen der abgebildeten Heiligen und politische Schmierereien machen den Betrachter traurig. Was für ein Kunstfrevel.

Und trotz allem: Irgendwie kann man sich nicht sattsehen an den vielfältigen Motiven und ihren herrlich leuchtenden Farben. Die Atmosphäre der Erhabenheit dieses einsamen Ortes hoch in den Bergen ist zumindest in den Mauern der Grottenkirche geblieben. Man muss sie nur erspüren (wollen). Leuchtend brechen sich Bahnen von Sonnenlicht durch die Fensteröffnungen den Weg und spenden Licht für unzählige Freskenmotive an der Decke, die teilweise noch aus dem 14. Jahrhundert stammen. Klein, ganz klein steht man da, wenn man den Kopf in den Nacken schiebt und den Blick steil nach oben zum Bild Gottes und seinem Sohn richtet. Ganz egal, ob man nun Christ, Moslem oder Jude ist.

Text und Copyright: Dierk Wünsche

Anreise:

SunExpress Boeing 737-800 mit QR-Code Foto: Bildarchiv SunExpress

Die deutsch-türkische Fluggesellschaft SunExpress fliegt im Winter ab 28.10.2012 Samsun jeweils montags ab Frankfurt nonstop an. Trabzon wird im Sommer 2013 nonstop ab Frankfurt einmal pro Woche bedient. Beide Ziele sind zudem täglich mit SunExpress über die Drehkreuze Istanbul oder Izmir zu erreichen.

 

 

 

 

Bildergalerie:

 

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