Luftpost 233: Kay Barnes

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The Honorable Kay Barnes, Mayor of Kansas City mit dem Autor – Foto: Archiv Fecker

Vor 15 Jahren erschien eine Buchreihe von mir: „Hinter den Kulissen des Luftverkehrs“. Die Reihe, die aus den Büchern „Fluglotsen“, „Piloten“ und „Flughäfen“ bestand war so angelegt, dass Sachinformation kapitelweise in eine Hintergrundgeschichte eingebettet waren. Im Flughafenbuch stelle ich in einer Vorgeschichte die Person vor, die den Leser durchs Buch führt, den Almbauer Adalbert Fürchtegott Obermoser von der Hintermoosalm. Der wird vom Bürgermeister von Kansas City eingeladen. Das Buch ist mittlerweile vergriffen, deshalb kann ich getrost daraus zitieren. Und diese Luftpost handelt von dem Slapstick, der später daraus entstand.

Adalbert Fürchtegott Obermoser winkte dem Postboten schon von weitem zu und ging in die Küche um eine neue Flasche Obstler zu entkorken. Schließlich kam es selten vor, dass sich der Briefträger Fridolin Weihrather auf den beschwerlichen Weg auf die Hintermoosalm in den Allgäuer Alpen machen musste. Es war verabredet, dass alles was nach Postwurfsendungen aussah, auf der Post gelagert wurde, und nur Briefe, Mitteilungen von Behörden, und alles was sonst noch eine Briefmarke trug, ausgeliefert wurde.

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Der raubeinige aber gutmütige Adalbert lebte – ohne Telefon, Elektrizität oder gar Fernsehen – gut zwanzig Kilometer vom nächsten Ort. Er war einsam aber glücklich und wer zu ihm kam, erfuhr eine sehr nachhaltige Gastfreundschaft, vom genannten Obstler über die Brotzeit bis zum deftigen Abendessen. Und wer sich nicht energisch genug verabschiedete, dem blieb keine andere Wahl als bis zum nächsten Tag zu bleiben. Nicht einmal der Briefträger konnte sich dieser Gastfreundschaft entziehen. Daher beugte er jedes Mal vor und verschlang schnell noch den Inhalt einer Dose Ölsardinen, bevor er sich zu Fuß auf den Weg zur Hintermoosalm machte. Das heißt, die ersten 14 Kilometer ließ er sich meist vom Wacker-Schorsch fahren. Doch dann hörte die Straße auf, und die restlichen 6 Kilometer begab er sich nach alter Postillon Tradition auf Schusters Rappen.

„Griaß-di’Gott, Friedel, wia isch des Le’m drunt’n im Toal?“
„Griaß-di’Gott, Adelbert, net goas so oansom wia doa hero’m.“
„Hoascht a Brüaf füa mi?“
„Ha jo! N’ goas a dick’n! Woas denksch denn worum i do ruf kim? Woi’s goa so gspaßig isch?“

(Anmerkung des Autors: Im bisherigen Teil der Unterhaltung haben sich die beiden Herren begrüßt und sich über die Einsamkeit einer Allgäuer Bergalm unterhalten, worauf der Briefträger dem Almbauer Adalbert Fürchtegott Obermoser mitteilte, dass er einen dicken Brief für ihn habe. Der Rest der Unterhaltung wird nun überwiegend in Schriftdeutsch wiedergegeben, damit sich die Untertitel in Grenzen halten)

„Hier ist ein Brief aus Amerika, und ich bin ganz sicher, dass der von dem Amerikaner ist. Von dem aus Kansas City, der wo letztes Jahr da war.“ Dabei sprach er das „C“ in Kansas City wie ein „Z“ aus.
„Ja der Dschonn! Der amerikanische Preuße, der wo sich hier im Nebel auf meine Alm verirrt hat! Bürgermeister war der doch, in Kansas Zity! Aber der kann doch bloß Englisch! Hoffentlich hat er was in den Brief geschrieben, wo ich lesen kann!“
„Wenn nicht, dann schick ich dir am Freitag meinen Sohn vorbei, der kann dir das übersetzen.“
„Jetzt setzt dich erst einmal in die Stub’n, und dann trinken wir einen Obstler und dann machen wir erst einmal den Brief auf. Und dann schau’n mer moal, noche seh’n mer scho!“

Und dann setzten sie sich nieder, auf die lange Holzbank, am langen Holztisch, die Flasche Obstler und zwei Gläser zwischen sich. Beim ersten Obstler wurde der Brief geöffnet. Beim zweiten Glas entdeckten sie, dass der Brief auf Deutsch geschrieben war. Beim dritten Glas entdeckten sie, dass neben dem Prospekt von Kansas City ein längliches Heftchen ohne Bilder beilag, auf dem „Flight Coupon“ stand. Beim vierten Glas entdeckte Adalbert Fürchtegott Obermoser, dass sein Name in dem Ticket stand: OBERMOSER, ADALBERT F., MR. Aber er hielt das für einen Zufall, bis er beim fünften Glas den Brief las und erfuhr, dass er einen Flugschein von Frankfurt über Chicago nach Kansas City in den Händen hielt.
„Jetzt brauch i a Schnaps!“
„Ich auch“.
Das Schicksal nahm seinen Lauf. „Almbauer meets Airport“, zwei Welten prallen aufeinander. 

Soweit die Vorgeschichte im Buch. Die Erlebnisse des Fürchtegott Obermoser gaben mir Gelegenheit, die vielen Facetten eines Megaflughafens zu beschreiben, mal sachlich, mal augenzwinkernd. Nun brauchte ich noch jemandem, der mir ein Vorwort für das Buch schrieb. Warum eigentlich nicht der Bürgermeister von Kansas City? Google schockte mich mit dem Ergebnis: Kansas City wurde damals von einer Frau regiert, Mrs. Kay Barnes. Der Text war schon durchs Lektorat, ihn umzuschreiben war nicht mehr möglich. Ich musste zusehen, wie ich aus dieser Nummer wieder herauskam.

Also schrieb ich nach Kansas City und erklärte Mrs. Barnes, wie ich mich in diese Bredouille gebracht hatte und dass ich sie trotzdem um ein Vorwort bitte. Das schickte sie mir auch zusammen mit einem Foto zu. Ich versprach, ihr eine signierte Ausgabe persönlich nach Kansas City zu bringen. Bei unserem Zusammentreffen in ihrem Büro im 29. Stock der Stadtverwaltung erklärte ich der sympathischen Lady noch einmal, wie es zu dieser Geschichte kam. Sie lachte herzlich und sagte: „Seien Sie versichert, irgendwann ist der Bürgermeister unserer Stadt wieder ein Mann. Dann stimmt Ihre Geschichte wieder. Und wenn Sie wieder nach Frankfurt kommen, grüßen Sie Petra Roth von mir. Ich bewundere diese Frau.“
Seit ein paar Jahren regieren dort tatsächlich wieder Männer die Stadt. In Frankfurt übrigens auch.

Von Andreas Fecker

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3 Antworten zu “Luftpost 233: Kay Barnes”

  1. Markus sagt:

    Guten Morgen Andy. danke für den Schmunzler zum Wochenende! Alles Gute und bis zur nächsten Jubiläumsausgabe der Luftpost 😉 Viele Grüsse Markus

  2. Joe sagt:

    Hallo Andy, schön durch Dich wieder einmal zum Schmunzeln verleitet zu werden! Danke!!

  3. Andreas Fecker sagt:

    „dann schau’n mer moal, noche seh’n mer scho!“
    Jetzt weiß ich, woher der Beckenbauer den Spruch hat!