LUFTPOST 18: Fliegeruhren

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Andreas Fecker Foto: Bildarchiv Fecker

Dick, manchmal klobig, meist auffällig, gerne auch protzig. Und trotzdem funktional: Die Fliegeruhr am Handgelenk eines ganzen Mannes. Die meisten Fliegeruhren werden von Männern getragen, die nie in die Nähe eines Pilotenscheines kommen. Sie sind zu Statussymbolen geraten. Aber sie werden auch von Liebhabern gehortet, denn die berühmteren unter ihnen sind teure Geldanlagen und formschöne Wunderwerke.

Ich wünsche allen Menschen, dass sie nie in eine Lage geraten, in der sie – auf sich alleine gestellt – ihre Überlebenskünste anwenden müssen. Und doch ist es in Anbetracht der grenzenlosen Mobilität des modernen Menschen gar nicht so weit hergeholt. Ich denke da gar nicht erst an den Absturz eines Passagierflugzeugs in der Arktis oder in der Sahara. Es kann auch auf einer Pauschalreise zum Beispiel durch eine Hügel- oder Dünenlandschaft passieren, wo man während einer Pause aus dem Bus aussteigt, und sich ein paar Meter von der Straße entfernt, um ein paar reizvolle Motive zu fotografieren. Fünfzig, hundert Schritte zwischen den Hügeln, dreimal umgedreht, und man findet den Weg zurück zur Straße nicht mehr. Wohl dem, der sich daran erinnert, wie er seine Armbanduhr als Kompass verwenden kann! Man richtet den kleinen Zeiger auf die Sonne. Die Winkelhalbierende zwischen 12 Uhr und dem kleinen Zeiger ist die Südrichtung, Norden liegt logischerweise gegenüber. Vor 6 Uhr morgens und nach 6 Uhr abends muss man den größeren Winkel zur 12 halbieren. Aber Achtung: Da wir im Sommer unsere Uhren um eine Stunde vorstellen, muss das kompensiert werden. Viele Pilotenuhren haben einen verstellbaren Ring, der diese Korrektur erleichtert.

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Noch banaler ist die Orientierung in einer fremden Großstadt. Kennt man die Lage zum Beispiel seines Hotels zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten in der Stadt, kann man sich beim Rückweg von einem Spaziergang zumindest grob an die Richtung halten, statt zuerst eine halbe Stunde entgegengesetzt zu gehen. Hat man gar einen Stadtplan zur Hand, muss man nur den oberen Kartenrand nach Norden halten, und schon wird man herausfinden, in welcher Richtung das Hotel zu finden sein wird. Beim Einnorden der Karte hilft schon wieder die oben beschriebene Methode.

Sie sind mit dem Mietwagen in einer fremden, einsamen Region unterwegs, die Tankanzeige ist defekt und der Sprit ist alle? Sie erinnern sich vage, dass Sie schon zwei Stunde gefahren sind, ohne durch eine Ortschaft gekommen zu sein? Bei Tempo 100 km/h könnten das also etwa 200 km bis zu dieser Ortschaft sein. Es ist heiß und Sie haben kein Wasser? Sie haben auch keine Karte? Ihr Mobiltelefon hat kein Netz und ein GPS haben Sie auch nicht. Was tun? Für den Moment nutzt die Einsicht, sich schlecht vorbereitet zu haben recht wenig. Es hängt von Fall zu Fall, vom Gelände, von der Belebtheit der Gegend, vom Wetter und von der persönlichen Konstitution ab, ob man sich entscheidet, am Wagen zu bleiben oder sich zu entfernen. Dies ist auch nicht Gegenstand dieses Artikels. Sollten Sie sich aber nach reiflicher Überlegung entscheiden, zu Fuß Hilfe zu holen, hinterlassen Sie eine Notiz am Wagen, wo Sie Datum, Uhrzeit und Absichten aufschreiben, damit eventuelle Retter wissen, wo sie suchen müssen. (Nicht vergessen, im Kühler und in der Scheibenwaschanlage ist Wasser. Schmeckt nicht, aber es kann das Leben verlängern.) Die Uhr am Handgelenk kann Ihnen helfen, die Wegelänge abzuschätzen und den Tag bzw. die Nacht einzuteilen. Bei Hitze gilt es, nicht ins Schwitzen zu geraten. Ein Tempo von 100 Schritten pro Minute ist wahrscheinlich der beste Kompromiss zwischen Fortkommen und körperlicher Anstrengung. Bei einer Schrittlänge von durchschnittlich 85 cm wird man dabei fünf km pro Stunde zurücklegen können. Bei Nacht kann man schneller gehen. Allerdings sind 140 Schritte pro Minute nur von gut trainierten Personen zu erreichen. Das würde bei der gleichen Schrittlänge 7 km pro Stunde bedeuten.

All diese Rechnungen sind reichlich theoretisch. Es soll auch nur aufgezeigt werden: Wenn alles andere scheitert, Sie haben an Ihrem Handgelenk eine Uhr, einen Sekundenzeiger, eine Stoppuhr, einen Tachometer, einen Kalender, einen Kompass, der Ihnen hilft Entschlüsse zu fassen und sie umzusetzen.
Gehen wir einen Schritt weiter, dorthin, wo die Fliegeruhren eigentlich herkommen, in die Fliegerei. Jetpiloten, Hubschrauberpiloten, Marineflieger sind oft in Gegenden unterwegs, in die üblicherweise kein Mensch zu Fuß hinkommt. Manchmal reicht ein Vogelschlag oder ein aussetzendes Triebwerk, und der Pilot muss sich mit Schleudersitz und Fallschirm retten. Der Dienstherr hat für solche Fälle viel Geld investiert, um seine Piloten jetzt nicht hilflos sich selbst zu überlassen. Mit dem Fallschirm wird auch noch ein Survival-Kit aus dem Cockpit gezogen, das unter anderem auch ein Notfunkgerät enthält. Nun nutzt es wenig, fernab der Zivilisation in das Funkgerät zu quasseln und um Hilfe zu rufen, je länger umso öfter, denn die Lebensdauer einer Batterie ist begrenzt, besonders im Winter bei womöglich arktischen Temperaturen. Zu diesem Zweck gibt es seit dem Titanic-Unglück eine international festgelegte Funkstille, während der jeder Funkverkehr von Schiffen, aber auch von Suchflugzeugen zu unterbleiben hat. Das sind jeweils die ersten drei Minuten nach der vollen und nach der halben Stunde, auf einer bestimmten Frequenz zusätzlich auch nach jeder Viertelstunde. Auf Schiffsuhren ist dieser Zeitraum extra markiert, denn im Gegensatz zum Flugverkehr wird man auf Schiffe in Not nur durch SOS Rufe aufmerksam.

Ein ähnliches Verfahren kam im Kosovokrieg zum Tragen, als der amerikanische Tarnkappenbomber vom Typ F-117 abgeschossen wurde. Der Pilot Dale Zelko landete am Fallschirm auf serbischem Gebiet. Natürlich setzte die serbische Armee alles daran, ihn zu finden, bevor ihn ein amerikanisches Combat-Rescue Team herausholen konnte. Zelko hielt sich diszipliniert an die abgesprochene Funk-Prozedur, er schaltete sein Funkgerät nur für wenige Sekunden in einem zuvor vereinbarten Zeitfenster an, um Kontakt herzustellen und seine Koordinaten durch zugeben. Das genügte, um seine Rettung zu planen. Beim nächsten vereinbarten Check-in meldete er sich wieder. So kommunizierte man in kurzen Funkpaketen über AWACS, wo er sich hinbegeben muss, um ihn trotz der vorhandenen Hochspannungsleitungen mit Hubschraubern abzuholen. Heute sind die Kontrahenten von einst, Dale Zelko und der serbische Flak-Kommandent Zoltan Dani, engste Freunde.

Fliegeruhren sind also mehr als nur ein nützliches, viel zu großes Utensil am Handgelenk eines ganzen Mannes. Man weiß nie, wann man sie braucht.

von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “LUFTPOST 18: Fliegeruhren”

  1. Frank Schüler sagt:

    Lieber Andy, ich meine mich daran zu erinnern, dass Du damals die Rettung des Piloten koordiniert hast!? Ich bin selbst stolzer Besitzer einer Tissot T-Touch, die mir einmal in Turkmenistan während eines Sandsturms das Leben gerettet hat. Ich war allein in der Wüste, alle Straßen zugeweht, ich konnte kaum die Hand vor Augen sehen. Der Kompass in meiner Uhr brachte mich zurück nach Ashgabat. Danke TISSOT! Heute trage ich bereits die 2., verbesserte Auflage.