Luftpost 144: Tempora mutantur

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Haltet die Zeit! – Foto: Archiv Fecker

„Tempora mutantur, nos et mutamur in illis“ lautet ein alter Hexameter von Ovid: ‚Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen‘. Und nicht nur, weil sich die Zeiten ändern, ist heute vielen von uns die Latte Macchiato näher als das Große Latinum. Tja, UND WIE sich die Zeiten ändern! Zum Beispiel jetzt am Wochenende, wo die Uhr mal wieder auf Sommerzeit gestellt wird. Nicht ganz einfach für den Bahnverkehr, wenn Nachtzüge die fehlende Stunde bei der Umstellung auf die Sommerzeit kompensieren müssen und die Aufenthalte an den Bahnhöfen verkürzen.

Im Flug- und Schiffsverkehr ist die Zeitumstellung weniger problematisch. Erstens tritt an diesem Tag der Sommerflugplan in Kraft, bei dem sowieso alles anders ist, weil stillgelegte Flugzeuge entmottet und Flugpläne wieder verdichtet werden. Die Umstellung der Uhr ist aber kein Thema, denn auf der ganzen Welt herrscht im Flugverkehr die UTC, die koordinierte Universalzeit. Deshalb steht auf allen Uhren, die diese Zeit anzeigen ein „Z“ für Zulu. Man spricht auch von der ZULU-Zeit. Das ist die Zeit am Null-Meridian von Greenwich, die von jeher für alle Zeitberechnung in der ganzen Welt maßgeblich war. Damit verhindert man Verwirrung bei Start- und Landezeiten im globalen System der Flugüberwachung, während man für die Passagiere jeweils die Ortszeiten ausrechnet. 12 Uhr mittags UTC in Frankfurt ist für die Piloten 12 Uhr mittags UTC in Caracas, unabhängig davon, dass Venezuela seinen Lebensrhythmus viereinhalb (!) Stunden hinter der Weltzeit ausgerichtet hat. Wenn die Kirchtürme von Caracas 07:30 morgens zeigen, dann ist es auf dem Tower des Flughafens 12 Uhr mittags. Westwärts von Greenwich werden für die Ortszeit je nach Längengrad und Zeitzone bis zu 12 Stunden abgezogen, ostwärts hinzuaddiert, bis man jeweils an die internationale Datumsgrenze kommt.

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Dann allerdings wird es spannend! Einen Schritt westlich davon ist man nicht nur eine Stunde weiter, sondern bereits im nächsten Tag. Fliegen wir einmal gemeinsam von Fagalii auf West-Samoa nach Pago Pago auf American-Samoa. Der Flug dauert keine 30 Minuten und kostet 160 USD hin und zurück. Wir starten zum Beispiel am Freitag, den 1.4. um 08:45 und steigen am Donnerstag, den 31.3. um 08:20 in Pago Pago auf der Ost-Insel wieder aus. Buchen wir den Rückflug für den selben Tag, wird uns die Standard Buchungsmaschine im Internet die klassische Rückmeldung geben: „Rückflug kann nicht vor dem Hinflug stattfinden.“ Doch, kann er. Hotelbuchungen entlang der Datumsgrenze bergen gerne unverhoffte Überraschungen.

Ändern sich die Zeiten wirklich? Über der Ukraine wurde mal wieder eine Boeing abgeschossen. Wie 1983 über Sachalin. Diesmal war’s eine 777 von Malaysia Airlines, damals war es eine 747 von Korean Air. In beiden Fällen kamen hunderte von Menschen ums Leben. Die Boeing 747 hatte übrigens kurz vorher noch der deutschen Condor gehört, die in der kommenden Woche ihren 60. Geburtstag feiert. Auch für diese Airline haben sich die Zeiten geändert. Sie hatte ihren Erstflug 1956 als „Deutscher Flugdienst GmbH“ mit zwei Vickers Viking. Zu ihren Gesellschaftern gehörten unter anderem die Lufthansa und – man höre und staune – die Deutsche Bundesbahn. Früher flog sie im Charter für Neckermann & Co nicht nur nach Bangkok, heute kann man ihre Flüge weltweit direkt buchen. Happy Birthday, Condor.

Ja, die Zeiten ändern sich. Wer erinnert sich noch an die schwarzen Rauchfahnen, die ein startendes Flugzeug hinter sich herzog? Heute ist der Verbrennungsprozess in den Triebwerken so optimiert, dass nicht nur weniger Kerosin verbraucht wird, sondern auch viele enthaltene Schadstoffe verbrannt werden. Das ist sicher nicht so rückstandsfrei, wie uns die Luftfahrtindustrie glauben machen will, aber der Umweltdiesel von VW war wohl auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Wo Treibstoffe verbrannt werden, um Wärme oder Energie zu erzeugen, bleiben nun mal Rückstände vorhanden, mit denen unser Planet wird leben müssen.

Radiologen, Orthopäden träumen vielleicht davon: „Reihenuntersuchung“ im Nacktscanner des Flughafens Domodedovo in Moskau – Foto: Archiv Fecker

In den 1950er Jahren konnten sich nur reiche Leute ein Flugticket leisten, die Klientel war gediegen, zur Reise trugen Frauen ein Kleid, Männer einen Anzug mit Krawatte. Heute fliegt man für 14 Euro von Deutschland nach Moskau, für 15 nach Rumänien und für 30 nach Island. Stammtische verlegen ihre Saufabende mal eben nach Mallorca und schlafen tags darauf ihren Suff auf dem Rückflug aus. Früher einmal konnte man auch unbedenklich in ein Flugzeug steigen, nachdem man bei der Sicherheitskontrolle sein Schweizer Taschenmesser ins Körbchen gelegt hatte und es anschließend wiederbekam. Heute wird man je nach Abflugort durchleuchtet, gefilzt, betatscht, der Gürtel kommt aus der Hose, die Schuhe werden geröntgt, man geht auf Socken durch den Nacktscanner, während sich investigative Blicke auf den Inhalt des Handgepäcks heften, Nagelschere und Shampoo werden genauso beschlagnahmt wie das Quittengelee, das einem Tante Hilde noch vor dem Abschied zugesteckt hatte.

Den Anschlag von Brüssel in der vergangenen Woche hätten die Kontrollen auch nicht verhindert, denn die Mörder sprengten sich schon beim Check-In in die Luft, noch VOR dem Sicherheitsbereich. Was wird das diesmal für Folgen hinter sich herziehen? Werden die ersten Kontrollen außerhalb des Terminals stattfinden? Werden bald alle Flughäfen mit Sprengstoffdetektoren vor den Zugängen ausgerüstet? Die sprichwörtlichen „guten alten Zeiten“ scheinen ein für alle Mal vorbei zu sein. Aber war das nicht schon vor 2000 Jahren so? Wie sonst wäre Ovid auf den oben zitierten klugen Spruch gekommen?

 Von Andreas Fecker

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