Luftpost 105: Amelia Earhart

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Seit jeher gibt es in unserer männlich dominierten Welt  Frauen, die ihren Job mindestens genauso gut machen wie die vermeintlichen Herren der Schöpfung. Bevor ich auf die Luftfahrt zu sprechen komme erlaube ich mir einen kurzen Ausflug in den Frauen-Alltag eines noch immer viel zu großen Teils der Welt. Es mag sich von Land zu Land in Nuancen unterscheiden, aber die Frauen rocken das Leben: Sie bestellen die Felder, bringen die Ernte ein, sie versorgen die Familie, bringen die Kinder zur Welt und ziehen sie groß, kochen, waschen, sorgen für Kleidung und tragen das Wasser eimerweise ins Haus. Währenddessen sitzen die Männer pfeiferauchend im Schatten und führen „wichtige Männergespräche“ im Dorf. Das soll nicht bedeuten, dass der Mann nicht seit der Steinzeit die gefährliche Rolle des Jägers hatte, der die Beute erjagte und nach Hause brachte, während die eher herdgebundenen Aufgaben einer Familie von den Frauen zu bewältigen waren. Die Männer wiederum beschützten die Familie vor den Gefahren, die um sie herum lauerten. Im Verlauf der Evolution wurde die Jagd durch die Industrie ersetzt, die Männer tauschten Speer und Gewehr gegen Federhalter und Schraubenschlüssel.

In diese Zeit wurde Amelia Earhart am 24. Juli 1897 geboren. Ihr Medizinstudium schmiss sie nach dem zweiten Semester hin. 1920 beschloss sie, Fliegen zu lernen. Die gewachsene Geschlechterrolle verpflichtete die Männerwelt aber noch immer, die holde Weiblichkeit zu beschützen und von den Gefahren des Fliegens fernzuhalten. Flugbegeisterte Frauen hatten es ausgesprochen schwer, in diese Domäne einzudringen. Bis heute mussten sie besser sein als die Männer, um überhaupt in außergewöhnlichen Tätigkeiten akzeptiert zu werden. Und hier gab es viele Namen, die sich unauslöschlich in die Luftfahrtgeschichte und in die Hall of Fame der Pioniere eingebrannt haben. Die Baronin Raymonde de la Roche in Frankreich war die erste Frau, die 1910 eine Pilotenlizenz erwarb. Kathrine Stinson, Elly Beinhorn, Hanna Reitsch, Jeana Yeager, Patty Wagstaff, Beate Uhse, Melli Beese, Thea Rasche, Marga von Etzdorf, Liesel Bach, Thea Knorr, Jacqueline Cochran und Jacqueline Auriol hatten mit Amelia Earhart vier Dinge gemeinsam: Den unbändigen Willen zu fliegen, Ausdauer, Mut und Durchsetzungsvermögen. Aber der passive Widerstand schlug ihnen allerorts entgegen: Es fanden sich nicht viele – natürlich männliche – Geldgeber, die sich von dem Vorurteil freimachen konnten und weibliche Flug- oder gar Rekordversuche unterstützten. Schließlich ist „Der Rekord“ schon vom Genus her männlich.

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Earhart arbeitete in zwei Dutzend Jobs, um sich das Geld für ein Flugzeug zu verdienen, womit sie dann auch gleich den Höhenweltrekord für Frauen aufstellte (4300 m). 1929 organisierte Amelia Earhart das erste National Air Derby mit einem Luftrennen von Santa Monica, Kalifornien, nach Cleveland, Ohio. Ein Humorist nannte es spöttisch Powder Puff Derby, Puderquastenderby. Und schon war es aus dem Sportteil der Zeitungen auf Seite Eins gelandet. Jetzt erst wurde die Nation so richtig aufmerksam, dass über ihren Köpfen bereits so viele Frauen flogen, dass man ein ganzes Derby veranstalten konnte! Immerhin kämpften Frauen in dieser Zeit noch um das Wahlrecht! Um überhaupt eine Chance zu haben, gestand Amelia Earhart dem starken Geschlecht zu, dass Frauen ihre eigenen Rekord-Kategorien haben sollten. Trotzdem kämpfte sie gegen das Vorurteil, dass Frauen in der Luft eigentlich nichts zu suchen hätten. Die Presse machte den Frauenwettbewerb lächerlich. Amelia Earhart war es, die deshalb den Club der Ninety Nines gründete. 99 Pilotinnen schlossen sich darin zusammen, sprachen mit einer Stimme und förderten die Belange und Rechte der Frauen in der Luftfahrt. Bald wurden auch Pilotinnen aus anderen Ländern zugelassen. Heute ist die von Amelia Earhart gegründete Ninety Nines die weltweit größte Pilotinnenvereinigung mit Sektionen in fast allen Ländern der Erde, auch in Deutschland.

Amelia Earhart – Foto: Public Domain

1932 überquerte Amelia Earhart als erste Frau den Atlantik, fünf Jahre nach Charles Lindbergh. Wie Lindbergh setzte sie sich auch für politische und gesellschaftliche Ziele ein, insbesondere für die Rechte von Frauen. 1935 flog sie als erster Mensch alleine von Hawaii nach Kalifornien. Im Alter von 40 Jahren startete sie mit einer Lockheed Electra Model 10E zu einer Erdumrundung entlang des Äquators. Von Kalifornien über Florida nach Brasilien, Westafrika, Indien, Birma und Neuguinea war sie mit ihrem Navigator Fred Noonan unterwegs zur Howlandinsel, einem kleinen Atoll zwischen Australien und Hawaii. Ein Schiff wartete dort auf sie, das ihr als Peilhilfe dienen sollte. Während der Schiffsfunker ihre Anrufe empfing, erhielt Amelia die Funksprüche des Schiffes nicht, folglich war auch eine Funkpeilung nicht möglich. Im Pazifik ohne Peilung ein kleines Atoll zu treffen, war damals so gut wie unmöglich. Amelia Earhart suchte offenbar noch nach irgendeinem Korallenriff bevor ihr der Treibstoff ausging und sie irgendwo auf dem Wasser aufsetzte. Man schrieb den 2. Juli 1937.

Die Nachricht löste die bis dahin größte Suche in der Geschichte der Luftfahrt aus: 64 Flugzeuge und 8 Kriegsschiffe waren daran beteiligt, 400.000 km² Meer wurden abgesucht. Zwei Wochen später wurde die Suche eingestellt und Amelia Earhart und ihr Navigator für „verschollen, vermutlich tot“ erklärt. 500 km südlich, auf Gardner Island fand man Jahrzehnte später einen Damenschuh, einen Fetzen Stoff, der von einer Fliegerjacke stammen konnte und ein möglicherweise weibliches Skelett, das aber im Laufe der Untersuchungen auf Fidschi verloren ging. Ein Flugzeugwrack wurde nie gefunden.

Ihr zu Ehren machte sich 1997 die hierzulande unbekannte Amerikanerin Linda Finch auf, diesen Flug auf der ursprünglichen Route mit einer restaurierten Lockheed Electra Model 10E nachzufliegen und an Amelia Earharts 100. Geburtstag zu vollenden. Dass Frauen in der Fliegerei genauso wie in tausend anderen Berufen zu Hause sind, sieht man an eben dieser Geschäftsfrau aus San Antonio, Texas. Bisher restaurierte sie in Eigenarbeit bereits sechs historische Flugzeuge aus zusammengekauften, flugunfähigen Wracks, die sie anschließend auch noch persönlich flog. Linda Finch hat 8.000 Flugstunden in ein- und mehrmotorigen Flugzeugen im Log. Doch bescheiden wie sie ist, möchte sie nur an die Leistung von Amelia Earhart erinnern, knapp 80 Jahre vor ihrer Zeit. Sie möchte Earharts Werk lebendig erhalten. Ich kenne Männer, die denken anders.

Von Andreas Fecker

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2 Antworten zu “Luftpost 105: Amelia Earhart”

  1. Frank Schüler sagt:

    Amelia, nicht Amalia, lieber Andy!

  2. Andreas Fecker sagt:

    Danke! Das kommt davon, wenn man eine Amalie in der Verwandtschaft hat.