Über den Wolken zocken – was ist aus der Idee geworden?

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Foto: Simon Pannock / airportzentrale.de

Zurücklehnen und bei einem kühlen Drink im Netz surfen, Filme gucken oder ein paar Runden zocken – gerade für Langstreckenflüge gab es in den vergangenen Jahren etliche attraktive Szenarien, wie sich die Passagiere die Zeit vertreiben könnten. Doch die Wirklichkeit über den Wolken sieht derzeit noch meist anders aus.

Obwohl die meisten Airlines ein mehr oder weniger umfangreiches Entertainmentprogramm anbieten, das unter anderem Filme, Musik und Spiele enthält, scheitert die große Freiheit im Internet zumeist am Wi-Fi. Wer kostenlos ins Netz darf, findet meist langsame Download-Zeiten und eng begrenzte Datenmengen, die das reibungslose Streamen vom eigenen Gerät häufig scheitern lässt. Und ständiges aufhängen oder abstürzen verdirbt das Vergnügen zu hohem Maße.

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Sogar Passagiere, die bereit sind, in die Tasche zu greifen und entweder im Flugzeug zu zahlen oder beim eigenen Provider Datenmengen hinzuzukaufen, beziehungsweise sich damit abzufinden, dass womöglich eine unerwartet hohe Rechnung auf einen zukommt, müssen mit Beschränkungen rechnen. Dabei hat sich die Unterhaltung im Flugzeug längst vom Lesen von Magazinen und Büchern oder dem Gucken auf dem eingebauten Mini-Bildschirm auf die Benutzung des eigenen Handys oder Laptops verlegt, und die dort eigentlich allgegenwärtige Verfügbarkeit von schnellem WLAN wird oft schmerzlich vermisst. Dabei wäre es bei einer stabilen Internetverbindung selbst tausende von Metern über dem Erdboden möglich, im Flugzeug online den MegaMillions Jackpot im Lotto zu knacken.

Gerade schnelle Spiele eignen sich zum Abschalten zwischendurch, während stundenlanges Zocken oder Filme gucken mit Pech unbequem werden kann, wenn von vornherein nicht genug Beinfreiheit oder Verstellmöglichkeiten bei den Sitzen vorhanden sind.

Auch deshalb hatten zwei französische Designer sich bereits vor einigen Jahren daran gemacht, ein echtes Bordcasino über den Wolken zu entwerfen. Dabei schwebte ihnen vor, aus meist ungenützten Flächen im Laderaum in eine echte fliegende Spielbank umzuwandeln. Blackjack- und andere Spieltische, Bar und Sofas sollten den Passagieren die Zeit vertreiben. Elegant und stilvoll sollten die Bordcasinos werden, wenn auch ohne den in den noblen landbasierten Spielbanken üblichen Kleidercode. Während der Leinwandspion James Bond sich beim Zocken und einem gerührten Martini wohlgefühlt hätte, wäre auch sein einstiger Gegenspieler Auric Goldfinger in seinen Shorts, Sandalen und dem Hawaiihemd willkommen gewesen.

Die Idee von der Spielbank auf Flugreisen ist nicht neu. In den frühen 80er Jahren bot Singapore Airlines ihren Fluggästen in den Gängen Spielautomaten an, während Swiss Air im Jahrzehnt darauf Programme für Poker, Blackjack und Keno in ihr Unterhaltungsangebot aufnahm. Doch nach einem Flugzeugabsturz, für den die Zockersoftware als Ursache in Verdacht geraten war, wurde aus Sicherheitsgründen aufs Glücksspiel im Flieger verzichtet.

Um den populären Freizeitspaß erneut anzubieten, hatte Virgin Airlines zwischendurch mit dem Gedanken geliebäugelt, in einigen der mehrstöckigen A380 Doppelbetten und Casinos anzubieten. Verwirklicht wurde diese Idee zumindest bislang nicht.

Das heißt nicht, dass es unterwegs langweilig zugehen muss. Spiele, die nur Minuten dauern und wenig aufwendige Grafiken besitzen, verbrauchen entsprechend geringere Datenmengen. Wer die jeweiligen Apps auf seinem Handy oder seinem Laptop installiert hat, kann ohne allzu großen Sorgen um Abstürze oder einen riesigen Datenverbrauch drauflos zocken. Ein mobiles Ladegerät zur Hand zu haben ist stets empfehlenswert, um nicht plötzlich mitten im Spiel, beim Emailen oder beim Streamen mit einem leeren Akku und einem schwarzen Bildschirm dazusitzen.

Etliche Streamingdienste bieten die Möglichkeit, vorab Filme herunterzuladen und sie dann offline gucken zu können, wobei sich allerdings die Speicherfrage unerfreulich bemerkbar machen kann. Gute Kopf- oder Ohrhörer sind ein Muss, um Musik und Soundtracks genießen zu können, ohne seine Sitznachbarn zu stören oder durch deren Unterhaltung abgelenkt zu werden.

Dass die Flugzeit eher als lästige Verzögerung empfunden wird, ehe man am Zielort ist, um zu arbeiten oder sich zu vergnügen, ist relativ neu. Jahrzehntelang galt das Reisen durch die Luft als etwas Besonderes, und vor allem in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts warfen sich die Passagiere schick in Schale, um das Abenteuer über den Wolken anzutreten. Die Stewards und Stewardessen, wie die Flugbegleiter lange Zeit hießen, mussten bei der jungen Lufthansa unter anderem lernen, wie Flugzeugtechnik funktioniert, und auch einiges an psychologischem Einfühlungsvermögen aufbringen, um Fragen beantworten und die vor allem bei ruckelige Reisen nervösen Gäste beruhigen zu können.

Flugtickets waren teuer, und die Abstecher in die Ferne galten als Statussymbole. Ein bordeigenes Hochglanzmagazin, mit einem Lächeln servierte Cocktails und alkoholfreie Getränke sowie Flugzeugküche hatten den Hauch des Besonderen, der spätestens mit dem Siegeszug der Pauschalreisen verloren gegangen ist. Heutzutage ist die Anzahl der Fluglinien und Flugziele fast unüberschaubar groß, die Preiskämpfe werden immer intensiver, und eine Investition in schnelles, stabiles Internet zum Nulltarif können sich die meisten Fluglinien gar nicht erst leisten, wenn sie wettbewerbsfähig bleiben wollen, selbst auf Langstrecken.

Dafür bringen immer mehr Passagiere ihre eigenen Unterhaltungssysteme mit, um sich die Zeit zwischen Abflug und Ankunft zu vertreiben, während Fluggesellschaften versuchen, die Internetmöglichkeiten an Bord zu verbessern.

Die Zahl der Flugreisenden steigt kontinuierlich. Allein im Zeitraum von April bis Oktober 2018 verzeichneten die deutschen Flughäfen rund 80,5 Millionen abfliegende Passagiere, wobei vor allem Geschäftsreisende als Vielflieger die Zahlen nach oben getrieben haben. Im Vergleich zum Vorjahr war das ein Zuwachs um rund 2,4 Millionen. Während vor allem Novizen ihre Zeit über den Wolken damit verbringen, die Neuheit zu genießen, geht es erfahrenen Fluggäste zumeist darum, die Zeit zu nutzen, ob es nun zum Arbeiten, Filme gucken oder zocken ist, selbst wenn der Traum vom geknackten Jackpot in 3000 Meter Höhe wohl noch längere Zeit nur ein Wunsch bleiben wird.

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