Luftpost 450: Verantwortung

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Foto: Fecker

1977 wurde die Landshut entführt. Die dramatischen Ereignisse der viertägigen Entführung sind den Zeitzeugen noch lebhaft in Erinnerung. 2017 holte Außenminister Sigmar Gabriel das Flugzeug zurück nach Deutschland, denn es ist ein Teil unserer Geschichte. Es auf einem Flugzeugfriedhof in Brasilien vor sich hingammeln zu lassen, war seiner Bedeutung unwürdig. Doch seitdem steht es in einem Hangar in Friedrichshafen und wartet auf eine Entscheidung, was mit ihr geschehen soll, wo und wie man sie ausstellt, was man mit dem Flugzeug aussagen will. Obwohl Friedrichshafen ja ein geschichtsträchtiger Standort ist, der von Graf Ferdinand von Zeppelin und Claude Dornier geprägt wurde, liegt die Stadt am Bodensee doch etwas weit weg für Berliner oder Hamburger Schulklassen, deren Lehrer den Geschichtsunterricht über den Herbst 1977 durch einem Besuch des Flugzeugs unvergesslich machen könnten. Natürlich kostet es Geld, dieses einmalige Exponat würdig einzubauen. Die Bundeszentrale für politische Bildung ist damit betraut, Wege und Themen zu finden, die man an dieser Flugzeugkarkasse festmachen kann. Nüchtern betrachtet ist es nur eine alte Boeing 737, die total heruntergekommen ist. Vergangene Woche hatte ich die Gelegenheit, das Innere der Maschine zu betreten. Da sie zuletzt als Frachter flog, hatte man alle Sitze entfernt. Doch wenn ich mir vorstelle, wie 91 Menschen fünf Tage unter katastrophalen Bedingungen ohne Essen, Trinken und Toilette darin festgehalten wurden, wie das Flugzeug im Jemen ohne Klimaanlage in der Wüstensonne stand, dann verstummt mir die Sprache, Tränen quellen aus meinen Augen. Bei der Suche nach Themen würde ich schnell fündig: Verantwortung.

Das Cockpit der Landshut – Foto: Fecker

Verantwortung zu übernehmen, bedeutet im Rahmen des eigenen Könnens Entscheidungen für sich oder Anvertraute zu treffen, deren Folgen man abzuschätzen hat und für die man geradesteht. Für Eltern, Lehrer, Trainer, Polizisten, Piloten, Kapitäne, Firmenlenker, Vorgesetzte in allen Bereichen, auch für gewählte Politiker sollte das eine Selbstverständlichkeit sein. Oft ist es das aber nicht.

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Oberleutnant Jürgen Schumann wechselte 1968 von der militärischen Laufbahn als Starfighterpilot in Büchel zur Lufthansa. Damals konnte er nicht ahnen, dass er neun Jahre später sein Leben im Dienst der Airline für 90 Menschen opfern würde, für die er in jenem Moment verantwortlich war. Jürgen Schumann war damals Käpten der Landshut, als die Boeing 737 nach dem Start in Mallorca von Palästinensern entführt wurde. Sein Kopilot Jürgen Vietor flog früher als Marineoffizier in Nordholz den U-Bootaufklärer Breguet Atlantic. Fünf Tage sollte die Entführung dauern. Nach einem Irrflug über Rom, Larnaca, Bahrain und Dubai, nach verweigerten Landungen in Beirut, Damaskus, Amman, Bagdad, Kuweit, Masirah und Rivan erzwang Käpten Schumann die Landung in Aden. Zwar wurde auch dort die Landegenehmigung verweigert und die Piste mit Fahrzeugen blockiert. Doch der Treibstoff war aufgebraucht. Jürgen Schumann setzte das Flugzeug neben der Runway auf. Wider Erwarten blieb das Fahrwerk dabei intakt.

Die Passagierkabine der Landshut. Hier harrten 90 zu Tode geängstigte Passagiere fünf Tage in der Wüstensonne aus – Foto: Fecker

Nach zähen Verhandlungen und schrecklichen Szenen an Bord durfte Jürgen Schumann das Flugzeug verlassen, um das Fahrwerk zu kontrollieren. Unter dem Flugzeug traf er den jemenitischen Verkehrsminister. Während Kapitän Schumann die Möglichkeit erwog, das intakte Fahrwerk zerstören zu lassen, damit der Irrflug ein Ende habe, bot ihm der Minister an, ihn zum Schein verhaften zu lassen, damit er nicht mehr in das Flugzeug müsse. Doch Kapitän Schumann fürchtete, die Entführer könnten in ihrer Wut alle Passagiere umbringen. Er war entschlossen, seine Verantwortung für alle Menschen an Bord bis zum Ende wahrzunehmen und kehrte ins Flugzeug zurück. Der Anführer der Terroristen schrie ihn an, warum er so lange weg war. Er witterte Verrat,  zwang ihn vor den Passagieren auf den Boden zu knien und schoss ihm von hinten in den Kopf. Das war am 16.10.1977. Nach angedrohter Sprengung des Flugzeugs wurde die Maschine aufgetankt und Jürgen Vietor flog die Boeing alleine nach Mogadischu. Die GSG-9 folgte ihr. Im Schutz der Nacht stürmten die Bundespolizisten das Flugzeug und befreiten alle Geiseln unverletzt, während drei der vier Entführer erschossen wurden.

Die Bundeszentrale für politische Bildung sucht für dieses Flugzeug eine würdige Rolle – Foto: Fecker

Auch die Leistung der Flugbegleiterinnen, ihr Pflichtbewusstsein und ihr Durchhaltevermögen, unter widrigsten Umständen den Passagieren Mut zuzusprechen und an ihren Lebenswillen zu appellieren, ihnen Hoffnung zu machen, obwohl sie selbst am Verzweifeln waren, kann nicht hinreichend gewürdigt werden. Man muss sich dieses Psychodrama einmal vorstellen: Alle 15 Reihen mit jeweils 6 Sitzen waren voll besetzt mit Urlaubern, die sich auf zuhause freuten! Alle Mittelsitze belegt. Das ist schon auf einem Zwei-Stunden-Flug sehr beengt. Wie wird das erst nach fünf Tagen und Nächten! Keine Chance, sich die Beine zu vertreten. Auf den Toiletten keine Spülung, und kein Klopapier mehr. Gestank und Hitze überall. Todesangst.

Und schließlich ist da noch die GSG-9, die Antiterrortruppe, die nach dem Olympia-Attentat aufgestellt wurde. Dank ihrem hohen Ausbildungsstand gelang ihnen das Kunststück, ein vollbesetztes Flugzeug zu stürmen und die Entführer zu überwältigen, ohne einen einzigen Passagier zu verletzen. Auch der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt hatte Verantwortung übernommen und seinen Rücktritt vorbereitet, wäre die Befreiung der Landshut schiefgegangen. All dies sind Themen, die man mit diesem Flugzeug realistisch und beeindruckend illustrieren kann: Die Landshut darf nicht wie jetzt als Aschenputtel verschämt in einer Ecke stehen. Sie braucht ihren Platz in einer museumsähnlichen Halle, Wüstenboden unter dem Fahrwerk, mit kompletter Bestuhlung, die Hitze von mindestens 40° im Inneren muss für die Besucher spürbar sein. Original Soundbytes von damals.  Man muss es nur wollen und das Geld dafür bereitstellen.

Wenn wir unseren Bürgern, jung oder alt, ein Exponat für Verantwortung und Pflichterfüllung, ein Beispiel für Mut und Durchhaltevermögen geben wollen, hier ist es.

Andreas Fecker

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