Luftpost 429: Murphy’s Law

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Foto: Fecker

AI 182 war ein Jumbo der Air India. Der Flug sollte von Toronto über Montreal nach London, Delhi und Bombay führen. Beim Start in Montreal waren 329 Menschen an Bord, darunter die 22-köpfige Crew. Am 23. Juni 1985, um 02:18 UTC (Weltzeit) zog die Boeing nach dem Start in Montreal das Fahrwerk ein. Sie wurde um 08:33 Uhr UTC in London erwartet. Um 07:15 UTC, kurz vor Erreichen der irischen Küste zerriss eine Bombe im vorderen Gepäckraum das Flugzeug. Zwar wurden an den Wrackteilen, die man aus 2000 m Tiefe bergen konnte, keine Hinweise auf eine Bombe gefunden. Trotzdem ist man hinreichend sicher, dass es eine Kofferbombe gewesen sein muss, denn nur 55 Minuten vor der Explosion an Bord von AI 182 explodierte eine Kofferbombe in Tokyo Narita. Der Koffer war ein unbegleitetes Gepäckstück, das mit einem Canadian Pacific Flug von Vancouver nach Tokyo von einem Passagier aufgegeben worden war, der auf der Warteliste stand, sich aber später nicht an Bord befand. Das Gepäck sollte weiterverladen werden auf den Flug von Air India 301 nach Bangkok. Der Koffer wurde vorschriftswidrig von einer CP-Angestellten eingecheckt. Die japanische Polizei konnte anhand der Überreste die Spur zu einem Sanyo Radio zurückverfolgen, von dem 2000 Stück in Vancouver verkauft wurden. Und schließlich wurde auch das Geschäft gefunden, in dem sich eine Verkäuferin erinnerte, dass sie wenige Wochen vorher zwei Radios an zwei Inder verkauft hatte, deren Turban auf Sikh-Angehörige schließen ließ.

Nun tappte Air India nicht ganz blindlings in die Falle. Es gab mehrere redundante Gelegenheiten, das Unglück zu verhindern. Doch durch unglückliche Umstände fiel eine nach der anderen aus. Wegen der weltweiten Terrorwarnung für Air-India-Flüge hatte die Airline Röntgengeräte für alle Flughäfen im Air-India-Netz beschafft und unterzog natürlich auch das Transitgepäck einer Kontrolle. Der Scanner in Toronto lief jedoch tags zuvor heiß, nachdem man etwa 50 bis 70% des Gepäcks für AI 182 kontrolliert hatte. Die Fluggesellschaft wurde darüber nicht informiert, da der Stationsleiter in Urlaub war und keinen Vertreter bestimmt hatte. Die mit der Kontrolle beauftragte Sicherheitsfirma setzte daraufhin Handsniffer ein. Bei der Geräteeinweisung hatte der Vorführer jedoch vergessen zu erwähnen, dass man während des Gebrauchs einen leichten Druck auf das Gepäckstück ausüben musste, damit die Luft darin entweicht. Das wäre die letzte Chance gewesen, 329 Menschen das Leben zu retten. Die Dynamik einer negativen Entwicklung führte schnurstracks in die Katastrophe.

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Edward A. Murphy Jr. war ein Ingenieur der US Air Force, der 1947 an einem Raketenexperiment beteiligt war, bei dem alle 16 Antriebsbeschleuniger falsch installiert waren – was ihn zu der Erkenntnis führte, dass „alles, was falsch gehen kann, passieren wird, und zwar zum am wenigsten geeigneten Zeitpunkt.“ Quod erat demonstrandum.

Andreas Fecker

2 Antworten zu “Luftpost 429: Murphy’s Law”

  1. Günther Nowitzke sagt:

    Hi Andy,
    Zum Glück passiert so etwas aber nur so oft, dass man sich Murphy merken kann und bleibt ansonsten eher bei dem was die Wahrscheinlichkeiten als möglich erscheinen lassen. Allerdings habe ich dabei das Gefühl, dass da wohl öfter etwas schief laufen muss, damit so eine Konstellation einen nennenswerten Wert an Wahrscheinlichkeit bekommt.
    Viele Grüße, Günther

    • Andreas Fecker sagt:

      Lieber Günther
      Ich glaube, wenn Leben davon abhängen fährt man gut damit, mit der Summe der Unwahrscheinlichkeiten zu rechnen statt mit den Wahrscheinlichkeiten. Der Zwischenfall mit dem Blowout der Frontscheibe konnte auf derart viele lächerliche, aber entscheidende Faktoren zurückgeführt werden, von denen jeder einzelne disaströs war: Erster Tag nach dem Urlaub, Regen, nicht genug Platz in der Halle, falsche Arbeitsbühne, alleine statt zu zweit, falscher Drehmomentschlüssel, falsches Lesegerät für die Arbeitsanweisung, falsche Schraube als Vergleich, Ersatz im Zentrallager, schlecht beleuchtet, vergilbtes Etikette, unpassende Brille, keine Supervision, weil er selbst Supervisor war.
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