Luftpost 358: „Bananenstaat“

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Andreas Fecker – Bild: Archiv Fecker

Amerikanische Flugbegleiter haben dieser Tage Angst, ihren Dienst anzutreten, besonders auf den Routen, die aus Washington D.C. in den Rest der USA führen. Die Zahl der frustrierten Passagiere häuft sich derart, dass zumindest United, Frontier, Southwest und American Airlines auf diesen Strecken den Bordausschank von Alkohol eingestellt haben. Passagiere, die sich als Anhänger des noch amtierenden Präsidenten zu erkennen geben, werden an Bord offen angefeindet, die rote Baseball Mütze mit der Bestickung „Make America great again“ wird spätestens seit dem Sturm aufs Capitol als Provokation verstanden. Gate Agents und Bordpersonal versuchen, auf die frustrierten Unterstützer einzuwirken, um keine gefährlichen Situationen an Bord aufkommen zu lassen. Was einst ein großartiges Land war, das ich übrigens trotz aller Fehler und Unzulänglichkeiten innig liebte und bewunderte, hat ein einzelner Mann eigenhändig zu einem Bananenstaat degradiert. Das ist nicht etwa mein Urteil, sondern die Einschätzung früherer amerikanischer Präsidenten, wie zum Beispiel Barack Obama oder George W. Bush.

Warum wohl hat jeder Leser dieser Überschrift sofort verstanden, dass ich von den USA rede? Da lädt der amtierende Präsident dieses Landes nach verlorener Wiederwahl 30.000 seiner Hard Core Unterstützer aus ganz USA nach Washington zu einem „Rettet-America-Marsch“ ein. Er hält eine Rede vor dem Weißen Haus, in der er sie auffordert, mit ihm die Pennsylvania Avenue zum Capitol zu marschieren. Denn dort tagten in einer gemeinsamen Sitzung Kongress und Senat, um in einer feierlichen Zeremonie das Ergebnis der Präsidentschaftswahl bekannt zu geben. Als Krönung seiner jahrelangen Gehirnwäsche stachelt dieser Präsident seine verblendeten Verehrer zum „Kampf um Amerika“ auf, um es „den korrupten Politikern und Stimmendieben“ zu zeigen und die Wahl doch noch zu seinen Gunsten zu drehen. Die Menschen jubeln ihm zu und marschieren zum Capitol, der Herzkammer der amerikanischen Demokratie. Einer seilt sich rechtzeitig ab und verfolgt das angerichtete Chaos am Fernseher des Weißen Hauses: Der Anstifter selbst.

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Erst nach Stunden, während alle Welt fassungslos auf die Bilder starrte, und nachdem ihn seine Parteifreunde ultimativ dazu aufforderten, rief er seine Anhänger in einer Videobotschaft dazu auf, nach Hause zu gehen. Er schloss mit den Worten „Ihr seid etwas Besonderes!“ Twitter und Facebook löschten sein Video und sperrten inzwischen seinen Account permanent. Tags darauf erst musste er – offenbar auf Druck der republikanischen Partei – einen Text verlesen, der so gar nicht zu seinen jahrelangen Hassbotschaften passte: ‚Man habe die amerikanische Demokratie besudelt, und die teilnehmenden Chaoten würden zur Rechenschaft gezogen‘.

Hoffentlich vergisst man den Kopf der Schlange nicht, kann ich da nur sagen. Wollte er den Notstand provozieren? Wer aber glaubt, der Lügner-in-Chief sei in den letzten Tagen seiner implodierenden Präsidentschaft zur Besinnung gekommen, irrt sich. Denn, während fünf Tote beklagt und die Verletzten gezählt wurden, während das FBI nach der Herkunft von zwei nicht explodierten Rohrbomben im Capitol fahndete, während wie jeden Tag in amerikanischen Krankenhäusern wieder 3500 Menschen an Corona starben, zeichnete er drei Golf-Freunde mit der amerikanischen Freiheitsmedaille aus. Nancy Pelosi forderte inzwischen das Pentagon auf, dem unzurechnungsfähigen Präsidenten den Zugang zu Atomwaffen zu sperren, während von mehreren Seiten gefordert wird, ihn mit sofortiger Wirkung aus dem Amt zu entfernen. Es steht aber zu befürchten, dass das Verfahren und seine emotionalen Folgen der neuen Administration noch viel Sauerstoff für die Reparatur des über vier Jahre angerichteten weltweiten Schadens entziehen wird.

Andreas Fecker

2 Antworten zu “Luftpost 358: „Bananenstaat“”

  1. Hallo Andreas,
    im DFLD-Forum wurdest du schon vor Wochen heftig angegriffen, weil du von der Gefahr eines Bürgerkriegs gesprochen hast. Und wie recht hast du behalten. So wie es aussieht, herrscht wieder oder immer noch der Geist des Sezessionskriegs. Und in Deutschland gibt es immer noch oder wieder die Gleichschaltung bis in die Justiz.

  2. Andreas Fecker sagt:

    Trump Fans überschwemmen die asozialen Netzwerke mit Aufforderungen wie diesen: „If you don’t know how to shoot: You need to learn. NOW.“ – „We will storm the government buildings, kill cops, kill security guards, kill federal employees and agents, and demand a recount.“

    Demand a recount??? Ja wieviele denn noch?

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