Leseprobe 21- USA West, Ein Trekkingführer

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Foto: Verlag

Dieses Buch ist 1995 erschienen und nur noch im Antiquariat erhältlich. Spätestens unter Trump hat sich in den USA sehr viel verändert. Trotzdem ist das Buch nach meiner subjektiven Meinung lesenswert, weil es zahlreiche allgemeingültige Tipps zum Genießen der freien Natur abseits von Touristenströmen hat. Es ist mit Humor und Sarkasmus geschrieben. Einige Auszüge daraus will ich heute verkosten:

Tierwelt

Der Bär. Der Schwarzbär wird 1,50 bis 2 Meter groß, er muß nicht immer schwarz, sondern kann auch braun oder zimtfarben bis blond sein. Der Grizzly wird – aufgerichtet – bis zu 3 Meter groß. Sein Fell kann ebenfalls fast schwarz über grau und braun bis fast weiß sein. Die Farbe ist also keine Hilfe, den Bären zu bestimmen. Der Grizzly hat hohe, kräftige Schultern mit einem starken Buckel, dem Schwarzbären fehlt dieses Merkmal. Der Grizzly hat deutlich sichtbare, lange, gebogene Krallen an seinen Vorderfüßen, die des Schwarzbären sind kürzer.


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Bären sind in allen Regionen zu finden, in denen es noch Vegetation gibt. Sie sind Allesfresser. Bären in freier Wildbahn zu beobachten gehört zu einem der großartigsten Erlebnisse beim Trekking, sofern man einige grundsätzliche Verhaltensregeln beachtet (siehe nächstes Kapitel).

Der Bison ist hauptsächlich in den nordwestlichen Staaten beheimatet. Diese wolligen, scheinbar gemütlichen und behäbigen Fleischberge bringen zwar eine runde Tonne auf die Waage, kommen im Galopp jedoch auf 60 km/h. Sich ihrer Kraft bewußt, machen sie einen gutmütigen Eindruck, wiegen vorwitzige Fotografen in Sicherheit, die versuchen, diese Steiftierchen formatfüllend durchs Weitwinkelobjektiv abzulichten, um dann mit ein paar hastigen Sätzen die Fotografen zurück in den Bus zu scheuchen. Bisone leben in Herden, ziehen sich im Sommer auf höher gelegene Wiesen zurück, bisweilen sind jedoch auch Einzelgänger zu finden.

Rotwild. Was wir unter Elch verstehen, heißt in Amerika Moose. Die Amerikaner wiederum nennen unseren Wapiti Elk. Unser Hirsch heißt Stag oder Deer, und das Mule Deer ist kein Maultier, sondern ein Weißwedel­hirsch. Schließlich ist unser Rehbock ein Roebuck oder ebenfalls ein Deer. Alle hier aufgeführten Rotwildarten sind in den bewaldeten Zonen der westlichen USA zu Hause. In den Rockies und natürlich in Kanada und Alaska leben Millionen von Caribous, etwas größere Rentiere. Im Frühjahr wächst den Bullen ein neues Geweih, im Sommer schält sich der Samt davon ab, und im Herbst dienen die Geweihe als ‘Kampfausrüstung’ für spektakuläre Brunftkämpfe um die Kühe. Im Winter verlieren die Tiere ihr Geweih. Ganz besonders für Elchkühe mit Jungen gilt: Respektvoll Abstand halten. Elche bevorzugen flache Seen und sumpfiges Gebiet, wo sie sich von Wasserpflanzen ernähren. Der Yellowstone National Park hat einen durchschnittlichen Bestand von 600 Tieren.

Der Koyote. Ein nützliches Tier von der Größe eines Schäferhundes. Seine Nahrung besteht aus Nagetieren aller Art. Für Menschen ist er ungefährlich. Wenn Indianer jemanden beleidigen wollten, sagten sie ‘er sei ein feiger Koyote’.

Schlangen. Von den zahlreichen Schlangen, die in Nordamerika leben, soll nur die Klapperschlange genannt werden. Sie lebt überwiegend in dem Wüstengürtel Südkalifornien, Arizona, Nevada, Utah, New Mexico und Texas, ihr Habitat reicht jedoch bis auf 2000 Meter hinauf. Sie ist bei weitem nicht die giftigste, aber sie wird am häufigsten genannt, und auch am meisten gesehen.

Stinktiere. Vorsicht. Ein Lebewesen, vor dem die restliche Tierwelt respektvollen Abstand hält, ist der Skunk. Schwarzweiß längs gestreift, mit buschigem Schwanz, niedlich und neugierig. Skunks haben keine Feinde. Ihre hochwirksame Waffe ist die Stinkdrüse, die sie auf einen vermeintlichen Störenfried richten und diesen über 3-4 Meter hinweg zielsicher mit einer übelriechenden Flüssigkeit bespritzen. Da nützt dann alles Waschen nichts mehr. Kleidung kann man zwar verbrennen, auf der Haut aber wirkt das strenge Parfum noch tagelang nach. Auch hier ist Klugheit gefragt: Ein sauberes Camp und stilles Beobachten, wenn die putzigen Tierchen zwischen den Zelten nach Nahrung suchen.

Eichhörnchen. Landplagenartig huschen sie an den Parkplätzen und Aussichtspunkten hin und her, machen Männchen, geben sich lieb und zart und nett und lassen sich von Touristen (verbotenerweise) füttern. Damit erübrigt sich ihre Hauptaufgabe, Samenzapfen der Koniferen zu öffnen und die Samen zu verteilen. Statt sich unter Bäumen zu bewegen, verbringen sie die Touristensaison ungeschützt unter freiem Himmel und werden so eine leichte Beute für Raubvögel. Das Gleichgewicht der Natur ist gestört.

Vielleicht nicht so häufig zu Gesicht erhält man Wildpferde, Bergziegen, Pumas, Gabelantilopen, Vielfraße, Waschbären, Dachse, Luchse, Flußottern, Rotfüchse, Moschusratten, Schneeschuhhasen, Biber, Marder, Hermeline, Stachelschweine oder Nerze.

Der Graue Wolf. Im Januar 1995 wurden im Yellowstone Park nach 20-jährigem Streit zwischen Wissenschaftlern, Jägern, Vieh­züch­tern, Umwelt- und Tierschützern 30 graue Wölfe ausgesetzt. Die Befürworter einer Repopulation behaupteten sich, nun wurde dem Ökosystem das fehlende Glied wieder ersetzt. Elche, Hirsche, Büffel, Caribou und Großhornschafe hatten keine natürlichen Feinde. Kein Bär, kein Koyote griff sie jemals an. Die Aufgabe, schwache und kranke Tiere ‘auszusortieren’, war von jeher dem Wolf zugefallen. Nach der industriemäßigen Ausrottung der Büffel gegen Ende des letzten Jahrhunderts, durchgeführt vor allem um den Indianern ihre Lebensgrundlage zu nehmen, verlagerten die Wölfe ihre Jagd auf Rinder. Daher wurde ihnen von den Viehzüchtern erbarmungslos nachgestellt. In den Rocky Mountains galten die Wölfe als nahezu ausgestorben. In der Tat beträgt die Restpopulation in den gesamten 48 Staaten ganze 3000 Tiere, die sich auf Michigan, Minnesota, Montana, Washington, Wisconsin und Wyoming verteilen. Alaska hat etwa 6 – 7000, während Canada stolze 40.000 Wölfe besitzt.

Es gibt keinen bewiesenen Fall, daß ein gesunder, wilder Wolf einen Menschen angefallen hat.

Verhalten beim Zusammentreffen mit gefährlichen Tieren.

Bären. Was ist der Unterschied zwischen einem Schwarzbären und einem Grizzly? Wenn er einem auf den Baum nachklettert, ist es ein Schwarzbär. Wenn er einen runterreißt, ist es ein Grizzly! Der Westen der USA ist Bärenland, Warnungen findet man überall. Bären sind Allesfresser und 50 km/h schnell, wenn es sich lohnt. Sie ernähren sich von Beeren genauso gerne wie von Fleisch. Aber auch Honig, Marmelade, eine deftige Pfeffersalami aus dem Rucksack, Müsliriegel aus dem Zelt und angeblich sogar die Zahnpasta mit Himbeergeschmack aus dem Waschbeutel eines sorglosen Campers dienen Meister Petz dazu, seinen Speisezettel zu bereichern.

Bären mögen keine Überraschungen. Sogenannte Bären­glöckchen am Rucksack verraten den Pelztieren schon von weitem die Anwesenheit eines Menschen. Mir persönlich geht das Gebimmel jedoch auf die Nerven. Lieber unterhalte ich mich mit meinem Partner, wenn vorhanden, oder man singt leise vor sich hin, wenn niemand da ist. Das stört zwar auch die Stille und vertreibt womöglich auch die anderen Tiere, aber es ist eine brauchbare Methode gegen aufkommende Angst, wenn man erstmals allein in der Wildnis ist. Was aber bei einem urplötzlichen Zusammentreffen mit einem erschrockenen Bären nützlich sein kann, ist eine Trillerpfeife. Sie gehört sowieso ins rasch zugängliche Survival Kit.

Bärenregel Nummer 1: Niemals Eßbares im Zelt aufbewahren. Egal ob man gerade da ist oder nicht. Man verpackt seine Speisen möglichst luftdicht und hängt sie, während man lagert, mit einem Seil an einen Ast mindestens 4 m über dem Boden und 1,50 vom nächsten Baumstamm weg. Ist kein Baum in der Nähe, tut’s auch ein Felsen. Schwarzbären sind zwar gute Baumkletterer, aber weniger sicher am Fels. Eine weitere Möglichkeit ist, den Futtersack an einem Seil in eine Felsspalte zu hängen, wie sie besonders im Yosemite Park häufig anzutreffen sind. Bisher jedenfalls gibt es keine Hinweise darauf, daß ein Bär den Küchensack am Seil aus dem Felsen gezogen hat.

Man teilt auch seinen Lagerplatz in Koch- und Schlafzone auf. Küchenabfälle sollten möglichst verbrannt werden.

Parfums oder stark riechende Deodorantien sind zu vermeiden. Der U.S. Park Service rät sogar Frauen während der Menstruation ab, in Bärenland zu gehen. Da sich das aber nicht immer vermeiden läßt, sollten statt Binden Tampons benutzt werden, die nach Gebrauch entweder in einen luftdicht verschließbaren Beutel gepackt oder verbrannt werden sollen. Auf keinen Fall dürfen diese Utensilien vergraben werden. Bären könnten, befürchtet der National Park Service, „auf den Geschmack kommen und gezielt menstruierenden Frauen nachstellen“ (Used tampons or pads will provide a small food reward and may attract bears to other women menstruating).

Bärenregel Nummer 2: Nicht weglaufen, wenn man von einem Bär gesehen wurde! Man erweckt sonst seinen Jagdtrieb und wird sofort zur Beute. Die Chancen, einem Bären davonzulaufen, sind sowieso gleich Null. Statt dessen sollte man ihm seinen Respekt zollen und freundlich auf ihn einreden. In der Aufregung der ungewohnten Situation fällt einem möglicherweise nichts, aber auch gar nichts ein, was man mit einem Bären reden könnte. Es mag skurril anmuten, aber das Beste ist der übliche Small Talk, im Plauderton, freundlich und unverbindlich. Man könnte ihn zum Beispiel fragen, wie’s ihm geht usw., Bären sind da nicht sehr anspruchsvoll. Er hat außerdem gar nicht vor, dem Menschen etwas zu tun.

Bären sind kurzsichtig, und sie wollen wissen, womit und mit wem sie es zu tun haben. Steht der Wind für ihn günstig, nimmt er Witterung auf, weiß sofort, so penetrant stinkt nur ein Homo Sapiens, er wird sich würdevoll trollen. Riecht er den Menschen nicht, kommt er auf ihn zu und schaut ihn aus der Nähe mit seinen kurzsichtigen Augen an. Man möge mir das glauben, Bären haben auch nicht gerade den Frische-Atem von Odol erfunden. Aber er weiß nun, daß er nichts zu befürchten hat und wird den Wanderer in Ruhe lassen. Manchmal reitet der Bär einen Scheinangriff, um zu sehen, ob er mit dem Menschen ein Spielchen machen kann und dieser für ihn doch noch zur Beute wird. Nicht beeindrucken lassen, ist der leicht dahergesagte Rat des National Park Service. Was aber tun, wenn der Bär nicht blufft?

Bärenregel Nummer 3: Totstellen. Gerät ein Mensch versehentlich zwischen eine Bärenmutter und ihre Jungen, wird die Bärin zum Berserker! Empfehlung des Park Service: Rucksack anbehalten, um die Rückenpartie zu schützen, auf den Boden legen und fötale Stellung einnehmen. Wahrscheinlich verliert der Bär dann das Interesse. Die Park Ranger im Denali Park in Alaska empfehlen als letzte Chance: Sollte die Tot-Stell-Taktik nichts nützen, sollte man anfangen zu kämpfen mit allem, was man hat. In den meisten Fällen wird dies der eigene Überlebenstrieb sein, evtl. die Trillerpfeife und die nackte Panik.

Wölfe. Gesunde Wölfe haben noch nie nachweislich einen Menschen angefallen. Trotzdem einige Grundregeln:

  • Nicht an Wolfsrudel herangehen,
  • Wölfe nicht beim Fressen stören,
  • Still beobachten, mit schußbereiter Kamera. Diese Chance kommt nie wieder.

Schlangen, Skorpione und Giftspinnen. Zur Beruhigung: Ich habe ein halbes Jahr in Arizona gelebt und als Cowboy in Klapperschlangengebiet gearbeitet. Ich habe in der Wüste mit und ohne Zelt geschlafen, bin barfuß Canyons rauf und runter gelaufen, ich habe schon viele Klapperschlangen gesehen, aber keine hat mir je etwas getan. Die Buzzworms, wie sie geringschätzig genannt werden, Summwürmer, sind überwiegend in der kühleren Tageszeit aktiv, also morgens und abends. Tagsüber suchen sie Schatten, nachts Wärme.

Auswahl des Zeltplatzes. Tote Kakteengerippe sind bevorzugte Behausungen für Giftspinnen. Rucksack und Stiefel werden nachts mit ins Zelt genommen, damit sich dort nichts einnistet. Vor dem Verlassen des Zeltes nachts oder morgens, kann man ein paarmal gegen das Gestänge klopfen, damit sich Schutz oder Wärme suchendes Getier entfernt. Bei Wanderungen sollte man allerdings mit dem Fuß nur dorthin treten, wo man auch sehen kann, beim Hinaufklettern auf Felsen ist es besser, die Spalten und Vorsprünge zu prüfen, bevor man mit der Hand hineinfaßt.

Wenn es schließlich passiert sein sollte, eine Klapperschlange hat zugebissen, keine Panik. Vom Klapperschlangenbiß ist noch selten jemand umgekommen. Er ist ärgerlich, schmerzhaft, lähmend, aber nicht zwingend tödlich. Nicht aufgeregt herumlaufen, sonst verteilt sich das Gift im ganzen Kreislauf.

In 50% der Fälle kommt die Klapperschlange nicht dazu, ihr Gift zu injizieren. Sollte die Wunde in kürzester Zeit nicht stark schmerzen und anschwellen, ist die Chance groß, daß gar kein oder wenig Gift in den Körper gelangt ist. Die häufigsten Komplikationen nach einem Schlangenbiß entstehen durch vermurkste und meist unnötige Selbstbehandlung.

Für Reisen nach Arizona, Snake River in Idaho, Texas, New Mexico und Nevada, ganz zu schweigen vom Death Valley, gehört allerdings ein Snakebite Kit greifbar in die Hosen- oder Hüfttasche. Darin ist alles enthalten, was man zur Erste Hilfe benötigt: Eine Schnur zum Abbinden, eine rasiermesserscharfe Klinge, ein Gläschen Antiseptikum und die Gebrauchs­anweisung. Das Ganze steckt in zwei als Sauger zu gebrauchenden Gummihülsen. Einige Zentimeter oberhalb (herzwärts) abbinden, Bißwunde mit sterilisierter Klinge aufschneiden und Gift 60 Minuten lang absaugen. Wenn das alles schnell geschieht, werden bis zu 50% des injizierten Giftes dadurch entfernt. Der Rest ist, wie gesagt, lästig. Sollte allerdings ein Arzt in der Nähe sein, ist dieser so schnell wie möglich aufzusuchen. Gefährlicher als die gemeine Klapperschlange (Diamond-Back-Rattlesnake) ist die Korallenschlange. Ihr Gift wirkt schneller und ist durchaus tödlich, wenn nicht sofort Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Sie ist allerdings seltener und auffällig gezeichnet mit weiß/roten Ringen um ihren schwarzen Leib.

Aus USA-West mit Rocky Mountains, Trekkingführer von Andreas Fecker. Vergriffen, nur noch im Antiquariat oder bei Ebay erhältlich. ISBN 978-3765427855. Achtung, die Neuauflage von 2005 enthält nicht den hier behandelten umfangreichen praktischen Teil, sondern im Wesentlichen nur die Tourenbeschreibungen.