In der Leseprobe 40 habe ich Lärmerlebnisse beschrieben. Heute will ich mit Stilleerlebnissen dagegenhalten. Wir sollten uns öfter einmal stille Stunden gönnen. Stille wird besser bezeichnet als Lautlosigkeit. Es ist die Abwesenheit einer jeglichen Bewegung, die ein Geräusch verursachen könnte.
Vor fast vier Jahrzehnten erfüllten meine junge Frau und ich uns den Traum unseres Lebens: Wir fuhren zwei Wochen im Winter nach Grönland. Wir hatten gerade geheiratet und während andere Paare von Florida, Hawaii oder der Italienischen Riviera träumten, wollten wir die Schönheit und Abgeschiedenheit des Nordens erleben, die Kraft des Eises und die Stille der Kälte. Meine Frau studierte, ich war ein junger Soldat, beide kratzten wir jeden Pfennig zusammen und kauften uns Flugtickets von Kopenhagen nach Kangerlussuaq mit anschließendem Hubschrauberflug nach Sisimiut. Von dort brachte uns ein eisgängiges Schiff nach Itivdleq, einem kleinen Küstenort ohne Strom. Das Thermometer stand auf Minus 35° Celsius, das höchste, was unsere daunengefütterte Polarkleidung und die Angora-Unterwäsche aushielt.
Da stehst Du nun in der Einsamkeit. Eine feierliche Stille bemächtigt sich deines ganzen Wesens, hüllt dich in Watte. Du kannst diese Stille sogar sehen, wenn du deinen Blick über die nackte, eisige Landschaft streichen lässt, wenn du das winterdunkle Blau-Weiß des Himmels, das weiche Blau-Weiß der schneebedeckten Berge, das zarte Blau-Weiß des Eises auf dich wirken lässt. Da ist kein störender Farbton dazwischen, kein Schwarz, kein Rot, kein Grün, nicht einmal Weiß; nur stilles, zartes Blau-Weiß ohne harte Konturen, eiskalt und freundlich zugleich, weich, samtig, großartig, wie in einem Traum.
Die Stille wird zu dir sprechen, während du sie in Andacht und Ehrfurcht absorbierst: »Komm zu mir, Fremder, der du in deinem geschützten Kokon stehst, komm, ich zeige Dir, wie großartig ich bin, ich zeige Dir meine Schönheit, ich zeige dir was Stille wirklich bedeutet!«
Mittlerweile hat uns das Leben mehrfach um die Welt geführt, aber nie mehr haben wir eine solche totale, menschenferne Geräuschlosigkeit erfahren, wie auf dieser Winterreise nach Grönland.
Ich erinnere mich auch gerne an eine laue Zeltnacht am Yukon, dem großen Strom im Norden von Kanada. 150 Meter breit, eine gewaltige, schnell fließende Wassermasse. Trotzdem ist der Fluss so ruhig, zieht das Wasser so geräuschlos und friedvoll, dass wir uns nur zu flüstern getrauen. Wir vermeiden jedes Papierrascheln. Ein paar Vögel zwitschern, es ist fast Mitternacht und noch hell. Lautlos treiben Baumstämme vorbei, Fische springen, das Feuer knistert, ein Topf voller Nudeln mit Bouillon köchelt still vor sich hin.
Die Baumwipfel der dunklen Wälder zeichnen sich scharf gegen den blassblauen Himmel ab, der von hauchdünnen Rosastreifen unterbrochen wird. Die spiegelglatte Oberfläche des Flusses reflektiert das Licht in purpurvioletten Falschfarben. Kostbare Stunden. Ein kleiner Hermit flattert heran, setzt sich ans Ufer, beäugt uns neugierig, die wir am Feuer sitzen und segelt wieder davon, zentimetertief über dem Wasser.
Aber ist es nicht eine Ironie, dass es ausgerechnet das Flugzeug war, das uns diese unvergleichlichen Erlebnisse der Stille gebracht hat?
Andreas Fecker, Auszug aus meinem Buch Fluglärm
