Leseprobe 60 – Neuer Roman

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Ausschusstraining mit Martin-Baker-Sitz am Ausschussturm – Foto: BMVg

Red Deer Air Force Base, Alberta

Yves Monton zerknitterte sei­nen Trinkbecher.
„Abscheulicher Kaffee“, murmelte er und schüt­telte sich, „kalt, bit­ter und ab­scheulich. Besten­falls als Möbelpolitur oder WC-Reiniger zu ge­brau­chen. Pfui Teufel!“
Angewidert schleuderte er den Papierbecher in den Ab­fallei­mer neben dem Kaffeeau­tomaten und verließ die Cafe­teria.
„Sergeant Monton bitte in Han­gar IV. Sergeant Monton bitte in Han­gar IV“.
„Ich bin ja schon unterwegs“, quittierte der Fran­kokanadier die Lautsprecherdurchsage un­wirsch.  Als er die eiserne Tür zum Hangar IV öffnete, er­schrak er.
„Schon wieder eine Besucher­gruppe! Das muss die 700ste in diesem Jahr sein! Na, dann wol­len wir mal.“
Er setzte eine freundliche Miene auf, ließ die Tür hin­ter sich ins Schloss fallen und schritt auf die Gruppe junger Menschen zu, die sich in der Mitte der Halle um einen Star­fighter scharte. Der Star­figh­ter war aller­dings nicht ein x-belie­biger. Das war die 872, die MAPLE LEAF, das Flaggschiff von Red Deer Air Force Base, ein stolzer Vogel. Ihr schlanker Rumpf glänzte sil­bern, die scharf­kantigen Tragflächen wa­ren weiß gespritzt, am Heck prangte ein roter Stabi­lisa­tor mit einem weißen Ahorn­blatt. Die 872 war die ein­zige CF-104 mit dieser auf­fälligen Bema­lung. Sie wurde an Festtagen für Flug­vorfüh­rungen benutzt. Zu die­sem Zweck waren die Kanone und ein Teil der Elektronik aus­gebaut, dafür der Innen­tank ver­größert worden.
„Sie haben mich ausrufen las­sen, Sir“, meldete sich Mon­ton bei Lieu­­tenant Striver, der die Be­su­cher­gruppe be­treute.
„Ah, da sind sie. Gents, dies ist Sergeant Mon­ton, Flug­zeug­mecha­niker und Schleuder­sitz­spezia­list. Sergeant, ich habe hier eine Schul­klasse aus Calgary. Bitte erklären Sie den Schülern die Funk­tion der Ret­tungssysteme.“
„Wieviel Zeit habe ich?“
Striver warf einen theatralischen Blick auf seine Rolex-Imita­tion.
„16 Minuten. Ich gehe der­weil in die Cafeteria.“
„Ja, tun Sie das. Genießen Sie den Kaffee, Sir. Er ist heute be­sonders gut!“
„Also gut, Jungs. In zehn Mi­nuten seid Ihr Ex­per­ten in Sachen Schleudersitz, Fall­schirm, Schlauchboot, Überlebenspack und Notradio. Lasst mich mal auf die Leiter, ich setze mich jetzt auf den Sitz.“
Dabei prüfte er, ob der Ab­zugs­griff durch einen Splint gesi­chert war.
„Stellt euch vor, ein Flug­zeug­wart – das ist schon ein paar Jahre her – wollte einer Besu­cher­gruppe den Schleuder­sitz erklären.  Dabei zog er vor lau­ter Eifer den Abzug, und schoss sich gegen das Hallen­dach!“
Die Jugendlichen lachten.
„Ja, lacht nur. Das Hallen­dach hatte starke De­formie­rungen, der Flugzeugwart wurde zer­quetscht. Die Besu­chergruppe hatte nicht nur Ver­brennungen, hervorgeru­fen durch den Ra­ke­ten­start des Sitzes, sondern wurde auch noch von dem wieder herab­stür­zenden Schleuder­sitz und dem Toten ge­troffen und schwer ver­letzt.“ So, also, der Sitz ist si­cher, uns kann nichts pas­sie­ren. Zu den Sy­stemen:
Wenn der Pilot die Maschine be­steigt, trägt er au­ßer sei­nem Helm und seiner Maske eine auf­blas­bare Schwimmwe­ste, einen Fallschirm und Fang­gurte an beiden Fußge­len­ken. Er steigt nun in den Sitz und schnallt sich an. Dieser kleine Gurt hält das Überle­benspack, der Vier­punktgurt, der großzügiges Vor­beugen erlaubt, hält den Pilo­ten auf dem Sitz. Die Fußriemen werden in zwei Ka­bel einge­hängt, die hier un­ten aus dem Sitz kom­men und über gefederte Räder ge­spannt gehal­ten werden. Der Sitz läuft mit Rollen in zwei U-Schie­nen, unten ist er mit­tels Schlös­sern und Soll­bruchbolzen befe­stigt. Er ruht jedoch gänzlich auf ei­nem Rake­tenkata­pult.
„Diese beiden Sicherheits­stifte werden erst kurz vor dem Start gezogen. Jetzt ist der Sitz ‘heiß, wie wir sa­gen. Sollte sich der Flug­zeug­führer nun aus ir­gendwel­chen Gründen hinaus­schießen müs­sen, man sagt auch ‘aus­steigen’, zieht er die­sen Ring hier mit bei­den Händen ganz heraus. Drei Ka­bel sind an dem Abzug be­fe­stigt…“
Yves unterbrach sich.
„Wenn ich zu ausführlich werde, sagt mir das bitte. Wollt ihr wirk­lich, dass ich euch all das er­zähle, was in diesem techni­schen Wun­derwerk vor sich geht?“
„Was denn für ein Wunder­werk?“, fragte ein et­was vor­lauter Schüler mit glatten Haaren und Po­po­schei­tel. „Der Raketenmotor zündet, der Sitz zischt ab, der Pilot zieht den Fallschirm und lan­det. Ich sehe kein Wunder­werk, nur einen eiser­nen, wahr­schein­lich recht un­bequemen Stuhl.“
„Dann Pass mal gut auf. In die­sem eisernen un­be­quemen Stuhl laufen nacheinander 96 Funk­tio­nen inner­halb von 3 Sekunden ab. Habt ihr begrif­fen, was ich da gerade ge­sagt habe? 96 Funktio­nen in drei Sekunden! Die wichtigsten werde ich euch jetzt be­schreiben.
„Also. Das kürzeste der drei Kabel feuert den Zün­der. Aus einer Gaspatrone kommt Druck auf den Ab­spreng­mechanismus des Kabinenda­ches. Fast gleichzeitig wird vom zweiten Kabel eine weitere Patrone gezündet, deren Gasdruck die ‘Vor-Ausschuss-Druckkartusche auslöst. Sie treibt einen hy­drau­lisch ge­dämpften Kolben an, der alle Ausschuss-Vorbe­rei­tungs-Funk­tionen steuert. In­zwischen ist das Kabi­nen­dach weg­geflogen.
Ein Exzenter an beiden Seiten des Sitzes wir­belt herum. Des­sen Schaft verhindert, dass die Knie des Piloten während des Ausschus­ses nach außen stehen. Gleichzei­tig wird ein eng­maschi­ges Netz über Schul­tern und Arme ge­zogen. Im Sitz be­ginnt eine Trommel zu laufen, auf die die Fuß­rück­holka­bel aufgewickelt wer­den. So wer­den die Füße an den Sitz gebun­den, während der Pilot eng an den Sitz gefes­selt ist.
„Seit dem Ziehen des Ringes sind jetzt 0,3 Se­kun­den ver­gan­gen. Null Komma drei Se­kun­den! Jetzt löst der Kolben eine weitere Patrone aus, de­ren Gasdruck in die Katapult-Kar­tu­sche schießt.  Die Schlös­ser gehen auf, die Bol­zen brechen, der Kartuschendruck schießt das tele­skopartige Kata­pult mit zwölffacher Erd­be­schleunigung, kurz ‘G’ ge­nannt, nach oben. Der Sitz hat das Cockpit noch nicht verlassen, da zündet der Ra­ke­ten­mo­tor unter mir. Weitere fünf bis sieben ‘G’ beschleu­ni­gen den Sitz für genau 0,3 Se­kunden, dann hat der Feuer­stuhl die Gipfelhöhe von 70 Metern über der Ausschuss höhe er­reicht.
„Während der Sitz das Cockpit verließ, hat er ei­nen Schal­ter aus­gelöst, der auf einer Not­fre­quenz einen Heulton sendet, den alle Flugsi­che­rungssta­tio­nen in großem Um­kreis em­pfan­gen und anpei­len können. Zudem wird ein Notsi­gnal übermittelt. Auf allen Radargerä­ten, die das ent­sprechende Gebiet ab­decken, wird die Absturz­stelle mit ei­nem auffälligen, blinken­den Code markiert. Zeit vom Zie­hen des Ringes bis zum Zünden des Ra­keten­motors: eine halbe Se­kunde.
„Während sich der Sitz vom Flug­zeug trennt, wird das Sitz/Mann-Trennungssystem ak­tiviert. Ein Bolzen schlägt auf einen Zünder, der mit ei­ner Se­kunde Verspätung – am Schei­telpunkt der Flug­bahn – rea­giert. Gasdruck dringt in die Kol­benzy­linder der beiden Fuß­ka­belschneider, die die Fußfes­seln durchtrennen. Der Überschussdruck löst eine wei­tere Gasdruck­patrone aus, de­ren En­ergie durch einen dün­nen Schlauch in den Verschluss des Vierpunktgur­tes ge­rät. Das Schloss springt auf. Wie­derum wird durch den Überschussdruck eine weitere Pa­trone gefeu­ert. Die Gurte und Armnetze wer­den aufgerollt, die Trennbänder mit 1.800 Pfund gespannt. Wäh­rend sich der Sitz vom Mann trennt, wird die Reißleine des Fall­schirms her­aus­gezogen. Das setzt den barometri­schen Zün­der in Gang. Dieser öffnet den Schirm bei einer bestimm­ten Mindesthöhe, bzw. eine Se­kunde nach der Tren­nung, wenn der Ausschuss unter­halb dieser Höhe erfolgen sollte.
Der Pilot bekommt von all dem nichts mit. Wäh­rend der Sitz aus dem Cockpit ‘zischt’, wie du vor­hin so treffend sag­test, sackt das Blut in Rich­tung der Beine. Das Gehirn wird nicht mehr ver­sorgt. Black Out nennt man das. Der Pi­lot kommt erst wieder zu sich, wenn er am Schirm hängt, sein Überlebens­gepäck unter dem Hin­tern“
„Menschenskind!“ rief einer der Schüler.
„Toll!“
„Funktioniert das immer? Das sind doch kompli­zierte tech­ni­sche Ab­läufe!“
„Ich freue mich, dass du das fragst. Die wichtig­sten Funk­tio­nen sind nämlich doppelt gesi­chert. Ich erwähnte ein­gangs, dass der Ab­zugsring an drei verschieden lan­gen Ka­beln be­festigt ist, von denen die bei­den kürzeren die ge­nannten Funk­tionen einleiten. Das läng­ste Kabel, etwa 20 cm, feuert einen Zünder, der mit einer Se­kunde Ver­zögerung das Katapult startet, egal ob die Funktio­nen nun abgelau­fen sind oder nicht. Eine zweite Patrone durchtrennt das Fuß­kabel mit 0,3 Sekun­den Ver­zö­gerung auf das erste Sy­stem.
Zusätzlich können die Fußka­bel­schneider auch noch ma­nuell aus­gelöst werden.“
„Was ist, wenn das Dach aus ir­gendwelchen Grün­den nicht abge­sprengt wird?“


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Ab die Post – Foto: BMVg

„Dann fliegt der Pilot mit­samt sei­nem Sitz durch das Glas. Das Helmvisier springt dabei auto­ma­tisch vor das Ge­sicht des Flug­zeugführers. Wei­ter schlimm ist das nicht.“
„Wie lange dauert es, bis der Mann am geöffne­ten Schirm hängt?“
4.4 bis 5,1 Sekunden.“
„Kann sich der Pilot auch wäh­rend einer missglückten Landung heraus­schießen?“
„Ja, das heißt, es kommt dar­auf an, wie hart die Bruch­landung ist.“
„Was ist, wenn der Pilot mit dem Schirm im Was­ser landet?“
„Dann wird er erst einmal nass…“
Alles lachte.
„… Und diese Berührung mit Wasser bläst seine
Schwimmweste auf…“
„Wie soll denn das funktio­nie­ren?“
„Du glaubst wohl auch nicht alles, was? Ich werde es dir erklären: Wasser tritt in die Öff­nung des Auslöse­mechanis­mus. Dort hält eine ganz ge­wöhnliche Aspirintablette einen ge­spann­ten Schlagbolzen von einem Zündhüt­chen fern. Das
Wasser löst die Tablette auf, der Schlagbolzen knallt auf das Zünd­hütchen, das öffnet das Ventil ei­ner Pressluftpatrone, und die gibt ihre Luft in die Schwimmweste ab. Glaubst du es jetzt?“
Der Schüler nickte betreten.
„Das gleiche passiert mit dem Schlauchboot, das wir Dinghi nen­nen. Der Pilot hat nämlich in sei­nem Survival-Kit, das er am Hin­tern hatte und hof­fentlich kurz vor dem Landen oder Was­sern aus­klinkte, ein zusammengepresstes orangefar­biges Dinghi. Und bis sich der gute Mann von sei­nem nas­sen Fall­schirm und dem Gewirr von Lei­nen entledigt hat, schwimmt ne­ben ihm ein aufge­bla­senes Schlauchboot.
„Hat er es geschafft, da hin­einzu­kriechen, eine Kunst für sich, hat er alles zur Verfü­gung: Notra­dio, Rauch­kerzen, Verpflegung für zwei Wochen, Meerwas­serentsal­zungsgerät, Si­gnal­spiegel, An­gel­zeug, Paddel, Lampe und Batte­rien, Kompass, Moskitonetz und warme Klei­dung. Außer­dem für ein längeres La­ger an Land: Axt, Feile, ein zerleg­tes Gewehr, Muni­tion, Fallendraht, Streichhölzer, und und und. Für den Mann ist wirk­lich ge­sorgt. Hauptsache er kommt gut aus der Maschine. Und das garan­tiert der C-2 Sitz, auf dem ich mich be­finde.“
Und zu dem Schüler mit dem Po­po­scheitel, der vorhin die ge­ring­schätzige Bemerkung über den ‘unbeque­men eisernen Stuhl’ ge­macht hatte:
„Ich hoffe, wir sind über dieses System der glei­chen Meinung.“
„Es ist ein Wunderding“, murmelte er ehrfürch­tig.
Yves Monton stemmte sich lä­chelnd aus dem Sitz und klet­terte aus dem Cockpit der 872 MA­PLE LEAF.
‘Ein zeitlos schöner Vogel’, stellte der Mechani­ker zum 100.000sten Mal fest, ‘der schönste, der je ge­baut wurde. ’
Während er mit seiner rechten Hand liebko­send über den glän­zenden, elegant geschwun­genen Ansaug­schacht des Star­fighters strich, konnte er nicht ahnen, dass die Maschine in 18 Stunden zu ih­rem letz­ten Flug starten würde.

Andreas Fecker

Eine Antwort zu “Leseprobe 60 – Neuer Roman”

  1. Günther Nowitzke sagt:

    Hallo Andy, Es gefällt mir sehr, wenn Romane ganz dicht an der Realität sind. Die hier enthaltene Beschreibung des Schleudersitzes ist ein schönes Beispiel dafür.
    Gruß Günther

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