Red Deer Air Force Base, Alberta
Yves Monton zerknitterte seinen Trinkbecher.
„Abscheulicher Kaffee“, murmelte er und schüttelte sich, „kalt, bitter und abscheulich. Bestenfalls als Möbelpolitur oder WC-Reiniger zu gebrauchen. Pfui Teufel!“
Angewidert schleuderte er den Papierbecher in den Abfalleimer neben dem Kaffeeautomaten und verließ die Cafeteria.
„Sergeant Monton bitte in Hangar IV. Sergeant Monton bitte in Hangar IV“.
„Ich bin ja schon unterwegs“, quittierte der Frankokanadier die Lautsprecherdurchsage unwirsch. Als er die eiserne Tür zum Hangar IV öffnete, erschrak er.
„Schon wieder eine Besuchergruppe! Das muss die 700ste in diesem Jahr sein! Na, dann wollen wir mal.“
Er setzte eine freundliche Miene auf, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und schritt auf die Gruppe junger Menschen zu, die sich in der Mitte der Halle um einen Starfighter scharte. Der Starfighter war allerdings nicht ein x-beliebiger. Das war die 872, die MAPLE LEAF, das Flaggschiff von Red Deer Air Force Base, ein stolzer Vogel. Ihr schlanker Rumpf glänzte silbern, die scharfkantigen Tragflächen waren weiß gespritzt, am Heck prangte ein roter Stabilisator mit einem weißen Ahornblatt. Die 872 war die einzige CF-104 mit dieser auffälligen Bemalung. Sie wurde an Festtagen für Flugvorführungen benutzt. Zu diesem Zweck waren die Kanone und ein Teil der Elektronik ausgebaut, dafür der Innentank vergrößert worden.
„Sie haben mich ausrufen lassen, Sir“, meldete sich Monton bei Lieutenant Striver, der die Besuchergruppe betreute.
„Ah, da sind sie. Gents, dies ist Sergeant Monton, Flugzeugmechaniker und Schleudersitzspezialist. Sergeant, ich habe hier eine Schulklasse aus Calgary. Bitte erklären Sie den Schülern die Funktion der Rettungssysteme.“
„Wieviel Zeit habe ich?“
Striver warf einen theatralischen Blick auf seine Rolex-Imitation.
„16 Minuten. Ich gehe derweil in die Cafeteria.“
„Ja, tun Sie das. Genießen Sie den Kaffee, Sir. Er ist heute besonders gut!“
„Also gut, Jungs. In zehn Minuten seid Ihr Experten in Sachen Schleudersitz, Fallschirm, Schlauchboot, Überlebenspack und Notradio. Lasst mich mal auf die Leiter, ich setze mich jetzt auf den Sitz.“
Dabei prüfte er, ob der Abzugsgriff durch einen Splint gesichert war.
„Stellt euch vor, ein Flugzeugwart – das ist schon ein paar Jahre her – wollte einer Besuchergruppe den Schleudersitz erklären. Dabei zog er vor lauter Eifer den Abzug, und schoss sich gegen das Hallendach!“
Die Jugendlichen lachten.
„Ja, lacht nur. Das Hallendach hatte starke Deformierungen, der Flugzeugwart wurde zerquetscht. Die Besuchergruppe hatte nicht nur Verbrennungen, hervorgerufen durch den Raketenstart des Sitzes, sondern wurde auch noch von dem wieder herabstürzenden Schleudersitz und dem Toten getroffen und schwer verletzt.“ So, also, der Sitz ist sicher, uns kann nichts passieren. Zu den Systemen:
Wenn der Pilot die Maschine besteigt, trägt er außer seinem Helm und seiner Maske eine aufblasbare Schwimmweste, einen Fallschirm und Fanggurte an beiden Fußgelenken. Er steigt nun in den Sitz und schnallt sich an. Dieser kleine Gurt hält das Überlebenspack, der Vierpunktgurt, der großzügiges Vorbeugen erlaubt, hält den Piloten auf dem Sitz. Die Fußriemen werden in zwei Kabel eingehängt, die hier unten aus dem Sitz kommen und über gefederte Räder gespannt gehalten werden. Der Sitz läuft mit Rollen in zwei U-Schienen, unten ist er mittels Schlössern und Sollbruchbolzen befestigt. Er ruht jedoch gänzlich auf einem Raketenkatapult.
„Diese beiden Sicherheitsstifte werden erst kurz vor dem Start gezogen. Jetzt ist der Sitz ‘heiß, wie wir sagen. Sollte sich der Flugzeugführer nun aus irgendwelchen Gründen hinausschießen müssen, man sagt auch ‘aussteigen’, zieht er diesen Ring hier mit beiden Händen ganz heraus. Drei Kabel sind an dem Abzug befestigt…“
Yves unterbrach sich.
„Wenn ich zu ausführlich werde, sagt mir das bitte. Wollt ihr wirklich, dass ich euch all das erzähle, was in diesem technischen Wunderwerk vor sich geht?“
„Was denn für ein Wunderwerk?“, fragte ein etwas vorlauter Schüler mit glatten Haaren und Poposcheitel. „Der Raketenmotor zündet, der Sitz zischt ab, der Pilot zieht den Fallschirm und landet. Ich sehe kein Wunderwerk, nur einen eisernen, wahrscheinlich recht unbequemen Stuhl.“
„Dann Pass mal gut auf. In diesem eisernen unbequemen Stuhl laufen nacheinander 96 Funktionen innerhalb von 3 Sekunden ab. Habt ihr begriffen, was ich da gerade gesagt habe? 96 Funktionen in drei Sekunden! Die wichtigsten werde ich euch jetzt beschreiben.
„Also. Das kürzeste der drei Kabel feuert den Zünder. Aus einer Gaspatrone kommt Druck auf den Absprengmechanismus des Kabinendaches. Fast gleichzeitig wird vom zweiten Kabel eine weitere Patrone gezündet, deren Gasdruck die ‘Vor-Ausschuss-Druckkartusche auslöst. Sie treibt einen hydraulisch gedämpften Kolben an, der alle Ausschuss-Vorbereitungs-Funktionen steuert. Inzwischen ist das Kabinendach weggeflogen.
Ein Exzenter an beiden Seiten des Sitzes wirbelt herum. Dessen Schaft verhindert, dass die Knie des Piloten während des Ausschusses nach außen stehen. Gleichzeitig wird ein engmaschiges Netz über Schultern und Arme gezogen. Im Sitz beginnt eine Trommel zu laufen, auf die die Fußrückholkabel aufgewickelt werden. So werden die Füße an den Sitz gebunden, während der Pilot eng an den Sitz gefesselt ist.
„Seit dem Ziehen des Ringes sind jetzt 0,3 Sekunden vergangen. Null Komma drei Sekunden! Jetzt löst der Kolben eine weitere Patrone aus, deren Gasdruck in die Katapult-Kartusche schießt. Die Schlösser gehen auf, die Bolzen brechen, der Kartuschendruck schießt das teleskopartige Katapult mit zwölffacher Erdbeschleunigung, kurz ‘G’ genannt, nach oben. Der Sitz hat das Cockpit noch nicht verlassen, da zündet der Raketenmotor unter mir. Weitere fünf bis sieben ‘G’ beschleunigen den Sitz für genau 0,3 Sekunden, dann hat der Feuerstuhl die Gipfelhöhe von 70 Metern über der Ausschuss höhe erreicht.
„Während der Sitz das Cockpit verließ, hat er einen Schalter ausgelöst, der auf einer Notfrequenz einen Heulton sendet, den alle Flugsicherungsstationen in großem Umkreis empfangen und anpeilen können. Zudem wird ein Notsignal übermittelt. Auf allen Radargeräten, die das entsprechende Gebiet abdecken, wird die Absturzstelle mit einem auffälligen, blinkenden Code markiert. Zeit vom Ziehen des Ringes bis zum Zünden des Raketenmotors: eine halbe Sekunde.
„Während sich der Sitz vom Flugzeug trennt, wird das Sitz/Mann-Trennungssystem aktiviert. Ein Bolzen schlägt auf einen Zünder, der mit einer Sekunde Verspätung – am Scheitelpunkt der Flugbahn – reagiert. Gasdruck dringt in die Kolbenzylinder der beiden Fußkabelschneider, die die Fußfesseln durchtrennen. Der Überschussdruck löst eine weitere Gasdruckpatrone aus, deren Energie durch einen dünnen Schlauch in den Verschluss des Vierpunktgurtes gerät. Das Schloss springt auf. Wiederum wird durch den Überschussdruck eine weitere Patrone gefeuert. Die Gurte und Armnetze werden aufgerollt, die Trennbänder mit 1.800 Pfund gespannt. Während sich der Sitz vom Mann trennt, wird die Reißleine des Fallschirms herausgezogen. Das setzt den barometrischen Zünder in Gang. Dieser öffnet den Schirm bei einer bestimmten Mindesthöhe, bzw. eine Sekunde nach der Trennung, wenn der Ausschuss unterhalb dieser Höhe erfolgen sollte.
Der Pilot bekommt von all dem nichts mit. Während der Sitz aus dem Cockpit ‘zischt’, wie du vorhin so treffend sagtest, sackt das Blut in Richtung der Beine. Das Gehirn wird nicht mehr versorgt. Black Out nennt man das. Der Pilot kommt erst wieder zu sich, wenn er am Schirm hängt, sein Überlebensgepäck unter dem Hintern“
„Menschenskind!“ rief einer der Schüler.
„Toll!“
„Funktioniert das immer? Das sind doch komplizierte technische Abläufe!“
„Ich freue mich, dass du das fragst. Die wichtigsten Funktionen sind nämlich doppelt gesichert. Ich erwähnte eingangs, dass der Abzugsring an drei verschieden langen Kabeln befestigt ist, von denen die beiden kürzeren die genannten Funktionen einleiten. Das längste Kabel, etwa 20 cm, feuert einen Zünder, der mit einer Sekunde Verzögerung das Katapult startet, egal ob die Funktionen nun abgelaufen sind oder nicht. Eine zweite Patrone durchtrennt das Fußkabel mit 0,3 Sekunden Verzögerung auf das erste System.
Zusätzlich können die Fußkabelschneider auch noch manuell ausgelöst werden.“
„Was ist, wenn das Dach aus irgendwelchen Gründen nicht abgesprengt wird?“
„Dann fliegt der Pilot mitsamt seinem Sitz durch das Glas. Das Helmvisier springt dabei automatisch vor das Gesicht des Flugzeugführers. Weiter schlimm ist das nicht.“
„Wie lange dauert es, bis der Mann am geöffneten Schirm hängt?“
4.4 bis 5,1 Sekunden.“
„Kann sich der Pilot auch während einer missglückten Landung herausschießen?“
„Ja, das heißt, es kommt darauf an, wie hart die Bruchlandung ist.“
„Was ist, wenn der Pilot mit dem Schirm im Wasser landet?“
„Dann wird er erst einmal nass…“
Alles lachte.
„… Und diese Berührung mit Wasser bläst seine
Schwimmweste auf…“
„Wie soll denn das funktionieren?“
„Du glaubst wohl auch nicht alles, was? Ich werde es dir erklären: Wasser tritt in die Öffnung des Auslösemechanismus. Dort hält eine ganz gewöhnliche Aspirintablette einen gespannten Schlagbolzen von einem Zündhütchen fern. Das
Wasser löst die Tablette auf, der Schlagbolzen knallt auf das Zündhütchen, das öffnet das Ventil einer Pressluftpatrone, und die gibt ihre Luft in die Schwimmweste ab. Glaubst du es jetzt?“
Der Schüler nickte betreten.
„Das gleiche passiert mit dem Schlauchboot, das wir Dinghi nennen. Der Pilot hat nämlich in seinem Survival-Kit, das er am Hintern hatte und hoffentlich kurz vor dem Landen oder Wassern ausklinkte, ein zusammengepresstes orangefarbiges Dinghi. Und bis sich der gute Mann von seinem nassen Fallschirm und dem Gewirr von Leinen entledigt hat, schwimmt neben ihm ein aufgeblasenes Schlauchboot.
„Hat er es geschafft, da hineinzukriechen, eine Kunst für sich, hat er alles zur Verfügung: Notradio, Rauchkerzen, Verpflegung für zwei Wochen, Meerwasserentsalzungsgerät, Signalspiegel, Angelzeug, Paddel, Lampe und Batterien, Kompass, Moskitonetz und warme Kleidung. Außerdem für ein längeres Lager an Land: Axt, Feile, ein zerlegtes Gewehr, Munition, Fallendraht, Streichhölzer, und und und. Für den Mann ist wirklich gesorgt. Hauptsache er kommt gut aus der Maschine. Und das garantiert der C-2 Sitz, auf dem ich mich befinde.“
Und zu dem Schüler mit dem Poposcheitel, der vorhin die geringschätzige Bemerkung über den ‘unbequemen eisernen Stuhl’ gemacht hatte:
„Ich hoffe, wir sind über dieses System der gleichen Meinung.“
„Es ist ein Wunderding“, murmelte er ehrfürchtig.
Yves Monton stemmte sich lächelnd aus dem Sitz und kletterte aus dem Cockpit der 872 MAPLE LEAF.
‘Ein zeitlos schöner Vogel’, stellte der Mechaniker zum 100.000sten Mal fest, ‘der schönste, der je gebaut wurde. ’
Während er mit seiner rechten Hand liebkosend über den glänzenden, elegant geschwungenen Ansaugschacht des Starfighters strich, konnte er nicht ahnen, dass die Maschine in 18 Stunden zu ihrem letzten Flug starten würde.
Andreas Fecker

Hallo Andy, Es gefällt mir sehr, wenn Romane ganz dicht an der Realität sind. Die hier enthaltene Beschreibung des Schleudersitzes ist ein schönes Beispiel dafür.
Gruß Günther