Red Deer, Alberta, 18:00 Uhr
Major William McGee kletterte hinter das Steuer seines olivgrünen Jeeps. Ein paar Sekunden hielt er inne. Eigentlich dürfte er nach all dem Bier nicht mehr fahren. Aber was soll’s, zum Teufel, nach drei Flügen von je 1 Stunde und 20 Minuten, auf denen er rund 4.000 km zurückgelegt hatte, fast alles im Konturenflug, in Baumwipfelhöhe, kann man doch nicht einfach sagen: ‘OK Jungs, das war’s, Adieu, ich geh nach Hause! ’ Mindestens zwanzig Mal hatte er seine Maschine und sich an die Grenzen der Leistungsfähigkeit herangeführt. Tiefflug ist nervenaufreibend. Tiefstflug aber ist Dauerstress. Den muss man sich einfach nach der Landung in der Piloten Lounge von der Seele reden. Man reißt Witze über lebensgefährliche Situationen, die man mit einer Geschwindigkeit knapp unter der Schallmauer durchflogen hatte, kippt noch eine Dose Bier drauf und hört zu, was die anderen zu erzählen hatten. Man überbietet sich mit Sprüchen wie ‚Ein guter Fighter Pilot fliegt nicht tief, er bricht durchs Unterholz!‘ Stress Kompensation nennen das die Piloten. Progressiver Alkoholismus nennt das der Arzt. Insgeheim wussten dies die Männer in den khakifarbenen Fliegeroveralls natürlich auch. Und das erzeugt zusätzlichen Stress; die Angst, daß sie eines Tages nicht mehr fliegen dürften, wenigstens einige von ihnen. Die, die den jährlichen Fitness Test nicht mehr bestanden. Und McGees Ehefrau wusste das auch. Ihre ständigen Ermahnungen gingen ihm auf den Wecker.
Barbara war seine dritte Frau. Aber auch seine beste. Die erste Ehe mit Cathy, einem Model aus Toronto hatte genau zwei Jahre gedauert. Dann war der Piloten-Mythos enttarnt. Dann hatte Cathy erkannt, dass der Pilot William McGee auch nur ein Mann war wie jeder andere, mit Stärken und Schwächen. Hinzu kam der eigenbrötlerische Charakter des Individuums McGee, dessen sie nicht Herr werden konnte. Geheiratet hatte sie ihn ihrer Selbstbestätigung wegen: Covergirl im Esquire, Luxuspenthouse in Torontos 4th Avenue, einen schwarzen Porsche als Renommierauto, da fehlte ihr noch ein Jet-Pilot in der Sammlung. Als sich diese Chance auftat, griff sie mit beiden Händen zu. Kurz nach seiner Hochzeit wurde McGee nach Red Deer versetzt.
Ihren Porsche konnte Cathy hier oben in der Wildnis Albertas nicht gebrauchen. Für Esquire und andere Modejournale war sie als Model außer Reichweite. Ihre Luxussuite tauschte sie gegen ein hölzernes Einfamilienhaus in der weitläufigen Air Base. Die Annehmlichkeiten Torontos wichen den Wäldern und Seen, den Moskitos und der Einsamkeit, der unendlichen Weite, den harten, eiskalten und schneereichen Wintern des subarktischen Kanada. Was ihr blieb, war ihr Mann. Sie merkte bald, dass sie ihn nicht für sich allein hatte. Da war die Fliegerei, der er sich vollkommen verschrieb. Da waren seine Kameraden, mit denen er halbe Nächte verbrachte. Cathy begann ihren Mann zu hassen, sie machte ihn für ihr Unglück verantwortlich. McGee flüchtete in seinen Beruf, je mehr ihm seine Frau Vorwürfe machte. Er empfand es schließlich als Erleichterung, als sie eines Tages einen Greyhound bestieg und nach Toronto zurückfuhr. Eine Woche später waren sie geschieden.
Deidre, seine zweite Frau war genau das Gegenteil. Sie bekümmerte und bemutterte ihn, wo es nur ging, lies ihm jegliche Freiheit, lobte ihn für alles, was er tat, auch für den größten Unfug. William war für sie ein Halbgott. Die Verbindung hielt 13 Monate, dann reichte er die Scheidung ein. War er, McGee, nicht fähig, die richtige Frau zu finden? Lag es an seinem Beruf? Er wusste es nicht.
Das Gefühlsleben eines Jet-Piloten, der an einen Schleudersitz geschnallt in einer steuerbaren Rakete mit über 2.000 Stundenkilometern durch das Medium Luft fliegt, ist stärkeren Schwankungen unterworfen als das von ‘normalen Menschen. Pilotenfrauen brauchen daher sehr viel Einfühlungsvermögen. Sie müssen Verständnis aufbringen für die Launen ihrer Männer, ein untrügliches Gefühl für die Stimmung ihrer Gatten entwickeln. Denn Stimmungen offen zur Schau zu tragen, gilt bei den schnellsten Männern der Nation als Schwäche, ihre Ängste einzugestehen ist verpönt. Sie werden übertüncht mit jovialen Bemerkungen oder im stillen Kämmerlein verschlossen. McGee hatte einmal jemanden sagen hören, Piloten seien Elefanten, die von der Herde abgesprengt wurden, unberechenbare, gefährliche Einzelgänger. Dickhäuter. Dickschädel. Aber im Innersten hätten sie einen ganz zartfühlenden, weichen Kern, der Liebe, Anlehnung, zärtliche Führung brauchte.
Barbara McGee hatte dieses untrügliche Gefühl. Ihr war stets bewusst, dass das Leben ihres Mannes, des Piloten McGee, nach Checklisten ablief, nach Vorschriften, nach stets wirkenden physikalischen Gesetzen. Deshalb verlangte die Seele des Menschen McGee in seinem anderen Leben, dem nichtfliegerischen, nach Ausbruch, nach unkonventionellen Reaktionen, um das Gleichgewicht wieder herzustellen. Barbara ertrug ihre Rolle als Blitzableiter mit viel Liebe und Geduld. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ihren Mann schon vom Sandkasten her kannte. Sie hatten als Kinder in Hay River schon miteinander Drachen steigen lassen, am Großen Sklavensee Kanus gebaut und miteinander Fische gefangen. Barbara kannte ihren William in- und auswendig. Was ihr aber große Sorgen bereitete, war seine ruinöse Trinkerei. Mehr als einmal hatte er seinen Flug mit einem Promillespiegel angetreten, der von der Polizei als ‚zum Führen eines Autos für untüchtig’ bezeichnet worden wäre. Der Köper des Menschen ist nun einmal nicht in der Lage den Alkoholgehalt von einer Sauferei zwischen dem feuchten Ende einer Nachflugbesprechung um 03:00 Uhr morgens und dem Anlassen der Maschine 5 Stunden später abzubauen.
‘Ach was’, pflegte William diese Bedenken abzuwiegeln. ‘Ich gebe mir 100% Sauerstoff auf die Atemmaske und bin fit. ’ Major McGee wusste, dass dies Selbstbetrug war. Alle Piloten wussten das. Auch Barbara. Und sie fürchtete, dass es eines Tages deshalb zu einem Unglück kommen würde. Auch William ahnte so etwas. Aber er ahnte nicht, dass es schon morgen um 10:30 soweit sein würde.
Er würde jetzt nach Hause fahren, sich den besorgten Blicken seiner Frau entziehen und dann das Wochenende genießen. Schließlich war heute Freitag, und er konnte sich mit bestem Willen keinen Grund vorstellen, weshalb er morgen einen Starfighter fliegen sollte. Trotzdem fasste er den eisernen Entschluss, ab sofort keinen Tropfen Alkohol mehr anzurühren. Er liebte Barbara. Morgen würden sie an den Red Deer Lake fahren. Dabei würde er ihr seinen Entschluss mitteilen. McGee steckte erleichtert den Zündschlüssel ins Schloss und startete den Motor.
Andreas Fecker
