Leseprobe 59 – Neuer Roman

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Jeep – Foto: Fecker

Red Deer, Alberta, 18:00 Uhr

Major William McGee kletterte hinter das Steuer seines olivgrünen Jeeps. Ein paar Sekun­den hielt er inne. Eigent­lich dürfte er nach all dem Bier nicht mehr fah­ren. Aber was soll’s, zum Teu­fel, nach drei Flügen von je 1 Stunde und 20 Minuten, auf denen er rund 4.000 km zu­rück­gelegt hatte, fast al­les im Konturenflug, in Baum­wipfel­höhe, kann man doch nicht ein­fach sa­gen: ‘OK Jungs, das war’s, Adieu, ich geh nach Hause! ’ Min­destens zwanzig Mal hatte er seine Ma­schine und sich an die Grenzen der Lei­stungsfä­hig­keit heran­ge­führt. Tiefflug ist nervenauf­reibend. Tiefst­flug aber ist Dauerstress. Den muss man sich einfach nach der Lan­dung in der Piloten Lounge von der Seele reden. Man reißt Witze über le­bensge­fährli­che Situatio­nen, die man mit einer Ge­schwindigkeit knapp unter der Schallmauer durchflo­gen hatte, kippt noch eine Dose Bier drauf und hört zu, was die an­deren zu er­zählen hatten. Man überbietet sich mit Sprüchen wie ‚Ein guter Fighter Pilot fliegt nicht tief, er bricht durchs Unterholz!‘ Stress Kompensation nen­nen das die Pilo­ten. Progressi­ver Alko­ho­lis­mus nennt das der Arzt. Ins­geheim wussten dies die Män­ner in den khakifarbenen Flie­ge­roveralls natür­lich auch. Und das erzeugt zusätzlichen Stress; die Angst, daß sie ei­nes Tages nicht mehr fliegen dürf­ten, we­nigstens einige von ih­nen. Die, die den jähr­lichen Fitness Test nicht mehr bestan­den. Und McGees Ehefrau wusste das auch. Ihre ständi­gen Ermahnungen gingen ihm auf den Wec­ker.
Barbara war seine dritte Frau. Aber auch seine be­ste. Die er­ste Ehe mit Cathy, einem Model aus To­ronto hatte genau zwei Jahre gedauert. Dann war der Pi­loten-Mythos enttarnt. Dann hatte Cathy er­kannt, dass der Pilot William McGee auch nur ein Mann war wie jeder an­dere, mit Stärken und Schwä­chen. Hinzu kam der ei­genbröt­leri­sche Cha­rakter des In­divi­du­ums McGee, dessen sie nicht Herr werden konnte. Geheiratet hatte sie ihn ihrer Selbstbe­stäti­gung wegen: Covergirl im Esquire, Luxuspenthouse in To­rontos 4th Avenue, einen schwarzen Por­sche als Renom­mierauto, da fehlte ihr noch ein Jet-Pilot in der Samm­lung. Als sich diese Chance auf­tat, griff sie mit beiden Händen zu. Kurz nach seiner Hochzeit wurde McGee nach Red Deer ver­setzt.
Ihren Porsche konnte Cathy hier oben in der Wild­nis Al­ber­tas nicht gebrauchen. Für Es­quire und an­dere Modejour­nale war sie als Model au­ßer Reich­weite. Ihre Lu­xus­suite tauschte sie gegen ein hölzer­nes Einfamilienhaus in der weit­läufi­gen Air Base. Die An­nehm­lichkei­ten To­rontos wi­chen den Wäl­dern und Seen, den Mos­kitos und der Einsam­keit, der unend­li­chen Weite, den harten, eiskal­ten und schnee­reichen Wintern des subarkti­schen Ka­nada. Was ihr blieb, war ihr Mann. Sie merkte bald, dass sie ihn nicht für sich al­lein hatte. Da war die Fliege­rei, der er sich vollkommen verschrieb. Da waren seine Ka­me­ra­den, mit denen er halbe Nächte verbrachte. Cathy be­gann ihren Mann zu hassen, sie machte ihn für ihr Un­glück ver­antwortlich. McGee flüchtete in seinen Beruf, je mehr ihm seine Frau Vorwürfe machte. Er empfand es schließlich als Er­leichte­rung, als sie eines Ta­ges einen Greyhound bestieg und nach Toronto zu­rückfuhr. Eine Woche später waren sie ge­schie­den.
Deidre, seine zweite Frau war genau das Gegenteil. Sie beküm­merte und bemutterte ihn, wo es nur ging, lies ihm jegliche Frei­heit, lobte ihn für alles, was er tat, auch für den größten Un­fug. Wil­liam war für sie ein Halb­gott. Die Verbindung hielt 13 Monate, dann reichte er die Scheidung ein. War er, McGee, nicht fähig, die richtige Frau zu finden? Lag es an sei­nem Beruf? Er wusste es nicht.
Das Gefühlsleben eines Jet-Pi­lo­ten, der an einen Schleu­dersitz geschnallt in einer steuerbaren Ra­ke­te mit über 2.000 Stunden­kilometern durch das Medi­um Luft fliegt, ist stärkeren Schwankun­gen unter­wor­fen als das von ‘normalen Men­schen. Pi­loten­frauen brau­chen da­her sehr viel Einfüh­lungsvermö­gen. Sie müssen Ver­ständnis auf­bringen für die Launen ihrer Män­ner, ein un­trüg­liches Gefühl für die Stimmung ihrer Gatten ent­wic­keln. Denn Stimmungen offen zur Schau zu tragen, gilt bei den schnellsten Männern der Na­tion als Schwäche, ihre Äng­ste ein­zugeste­hen ist ver­pönt. Sie werden über­tüncht mit jovia­len Bemer­kungen oder im stillen Kämmerlein ver­schlossen. McGee hatte einmal je­manden sagen hö­ren, Piloten seien Elefanten, die von der Herde ab­gesprengt wurden, un­berechen­ba­re, ge­fähr­liche Einzelgänger. Dickhäu­ter. Dick­schädel. Aber im In­ner­sten hätten sie einen ganz zartfüh­lenden, weichen Kern, der Liebe, Anleh­nung, zärtli­che Füh­rung brauchte.
Barbara McGee hatte dieses untrügli­che Gefühl. Ihr war stets bewusst, dass das Le­ben ihres Mannes, des Piloten McGee, nach Check­listen ablief, nach Vor­schrif­ten, nach stets wir­kenden physikalischen Geset­zen. Des­halb verlangte die Seele des Menschen McGee in seinem ande­ren Leben, dem nichtfliegeri­schen, nach Aus­bruch, nach unkonventio­nellen Reaktio­nen, um das Gleich­ge­wicht wieder herzustel­len. Barbara ertrug ihre Rolle als Blitzab­leiter mit viel Lie­be und Geduld. Nicht zuletzt deshalb, weil sie ihren Mann schon vom Sandka­sten her kannte. Sie hatten als Kin­der in Hay River schon mit­ein­an­der Drachen steigen lassen, am Großen Sklaven­see Kanus ge­baut und miteinander Fische ge­fan­gen. Barbara kannte ihren William in- und auswendig. Was ihr aber große Sorgen bereitete, war seine ruinöse Trinkerei. Mehr als einmal hatte er seinen Flug mit einem Promillespiegel an­ge­treten, der von der Poli­zei als ‚zum Führen eines Autos für untüchtig’ be­zeichnet worden wäre. Der Köper des Menschen ist nun einmal nicht in der Lage den Alkoholgehalt von einer Sauferei zwischen dem feuch­ten Ende einer Nach­flugbe­spre­chung um 03:00 Uhr morgens und dem An­lassen der Maschine 5 Stunden später ab­zu­bauen.
‘Ach was’, pflegte William diese Bedenken abzu­wie­geln. ‘Ich gebe mir 100% Sauerstoff auf die Atem­maske und bin fit. ’ Major McGee wusste, dass dies Selbst­be­trug war. Alle Piloten wussten das. Auch Barbara. Und sie fürchtete, dass es eines Ta­ges deshalb zu ei­nem Un­glück kommen würde. Auch William ahnte so etwas. Aber er ahnte nicht, dass es schon morgen um 10:30 so­weit sein würde.
Er würde jetzt nach Hause fah­ren, sich den be­sorg­ten Blicken seiner Frau entziehen und dann das Wo­chenende ge­nießen. Schließlich war heute Frei­tag, und er konnte sich mit bestem Willen keinen Grund vorstellen, weshalb er morgen einen Star­fighter fliegen sollte. Trotzdem fasste er den eiser­nen Entschluss, ab sofort keinen Trop­fen Alkohol mehr anzurüh­ren. Er liebte Barbara. Morgen wür­den sie an den Red Deer Lake fah­ren. Dabei würde er ihr sei­nen Entschluss mit­tei­len. McGee steckte erleich­tert den Zünd­schlüssel ins Schloss und star­tete den Mo­tor.
Andreas Fecker


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