Leseprobe 58 – Neuer Roman

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Sommernacht am Yukon – Foto: Bildarchiv Fecker

Weiter geht’s mit einem Auszug aus meinem neuen Roman über eine gescheiterte Flugzeugentführung, noch ohne Titel. Nach und nach stelle ich anhand kurzer Episoden die handelnden Personen vor, die bald zu einer Schicksalsgemeinschaft in der Wildnis des Yukon verbunden sein werden, ob sie es wollen oder nicht.

Cherry Grove, Alberta, 21:00 Uhr

Ein Blockhaus an einem idyl­lischen See in Kana­das Nor­den, das war Boyd Faradays Traum. Aber – je mehr er sich damit befasste, umso mehr sah er dabei Schwierigkeiten auf sich zukommen. Nancy sah dem Schritt – auszusteigen aus dem bisherigen ruhelosen, Stress behafteten Leben – mit gemischten Gefühlen entgegen. Dafür sprachen die Schönheit der Natur, das Glücksgefühl weitgehend selbstver­sorge­risch zu leben, abgeschnitten zu sein von Klatsch und Tratsch, von falschen Freun­den, vom täglichen Leistungs­druck, vom Konformismus und Konsumterror der Gesell­schaft. Die Vorstel­lung der reduzierten Werte, daß man sich bei­spielsweise in der Wildnis über eine sechs Wo­chen alte Zeitung genauso freuen kann, wie ein Stadt­mensch über ein neues Auto, faszinierte Nancy. Jeder Buschbewohner freut sich über sein vollbrachtes Tagwerk. Wo findet man das noch in der Stadt? Der Mann in den Wäl­dern ist stolz auf den wach­senden Brennholzstapel hinter seinem Haus. Freut sich sein Artgenosse in der Stadt glei­chermaßen über seinen gefüll­ten Öltank? Das Le­ben in der Zivilisation ist kurzatmig, flüchtig, oberflächlich. Im Busch ist es tiefgreifend gründ­lich, intensiv, eben na­türlich im ganzen Sinn des Wortes.
Was also sprach dagegen? Die Ungewissheit, den Ausstieg seelisch verkraften zu kön­nen, denn der Schritt musste endgültig sein. Bei einer Rückversi­che­rung, das wussten Nancy und Boyd, würden sie angesichts ernsthafter Pro­bleme nicht ihren Durchhal­te­willen mobilisieren, sondern den Weg des gering­sten Wider­standes gehen.  Und das könnte der Weg zurück in die Zivilisation, die so­genannte, sein.


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„Ein Blockhaus an einem ver­träumten See im Norden Kana­das“, schnitt Nancy Faraday wieder einmal ihr Thema Num­mer Eins an und legte da­mit den Finger in eine offene Wunde ihres Man­nes.
„Lieber heute als morgen, Nancy“, versicherte Boyd. Er drückte den „AUS“-Knopf der handli­chen Fernbe­dienung. Die Mattscheibe erlosch.
„Dann bräuchten wir dieses dämliche Fernsehpro­gramm nicht mehr zu ertragen“, schimpfte er.
„Kein Mensch zwingt dich, vor die Glotze zu sit­zen, Boyd.“
„Lenke jetzt nicht ab. Weißt du, ich bin zu der Einsicht gekommen, daß es ganz ohne Geld nicht gehen wird.“
„Daran haben wir doch nie ge­zweifelt“, wunderte sich Nancy.
„Nein, ich meine danach, wenn wir im Busch le­ben. Also weißt du, zuerst brauchen wir einmal ein paar tausend Dol­lar, so ungefähr 20.000, um den Schritt überhaupt finan­zieren zu können, Trans­port und Versorgungsflüge und so weiter. Aber dann, wenn wir in unser Blockhaus eingezogen sind, brauchen wir ein Ein­kommen, um ein Aus­kommen zu haben, wie man so schön sagt.“
„Wozu? Sag mir wozu?“
„Lebensmittel. Benzin und Öl, eine neue Kette für die Mo­torsäge. Ein neuer Ofen. Ein neues Messer. Ein neues Ge­wehr. Munition. Waffenöl. Eine neue Axt. Ein neues Funkgerät. Neue Kochtöpfe. Das Zeug hält ja alles nicht ewig. Neues Schuh­werk. Klei­dung. Zahnbürsten. Seife. Mo­natsbin­den. Socken. Salz, um Felle zu gerben. Flickzeug. Verbandszeug. Fenster­glas. Klopapier. Streich­hölzer. An­gelruten, Darm und Haken. Holz­schutzmittel. Besen. Bat­terien und Birnen für die Handlampen. Petroleum für die Deckenlampen. Neue Schlaf­säcke. Bücher. Schreib­zeug. Das ist alles, was mir augen­blicklich einfällt. Aber das muss alles von Buschpiloten eingeflogen werden. Und die machen das – bisher jeden­falls – nicht umsonst. Du bist dran.“
Nancy Faraday hatte sich die Hand vor den Mund geschlagen.
„Und jetzt? Aus, der Traum vom einsamen Glück zu zweit? Von verschneiten Winteraben­den im warmen Blockhaus? Von langen, kuscheligen Abenden am heißen Kamin, in dem die Holz­scheite knistern?“
„Nicht unbedingt. Offenge­standen, für mich war das auch ein ziemlich großer Schock, als Sam Bax­ter mir das klar machte. Er sagte …“
„Wer ist Sam Baxter?“ unter­brach ihn Nancy.
„Der alte Trapper, den ich neulich bei McGee ge­troffen habe. Baxter und William sind befreundet. Kennen sich noch von Hay River. Genau wie Barbara. Und als ich hörte, daß dieser Sam Baxter am Nipisi Lake wohnt, sagte ich in mei­nem Leicht­sinn, daß wir zwei demnächst aussteigen würden, uns ein Block­haus an irgendeinem einsamen See bauen und dort den Rest unserer Tage verbringen würden.“
„Und was hat er gesagt?“
„Ausgelacht hat er mich! Er hat gefragt, wieviel Geld wir denn schon gespart hätten. Und dann ha­be ich ihn aus­gelacht. Ich habe gesagt, ich wollte in den Busch ziehen, weil ich die Nase voll habe von all der Zivilisation und ihren Begleiterscheinun­gen. Und dieser Sam Baxter begann dann sachlich zu werden. Er hielt mir vor, wie viele Leute denselben Wunsch hegten, und wie viele diesen Schritt auch schon getan hatten. Aber viele sind geschei­tert, eben weil  kein Geld da war, und  weil kein Geld nach­kam.“
„Und wie kommt Baxter an re­gelmäßige Ein­künfte?“
„Er macht täglich Wetterbeob­achtungen und gibt diese über Funk an den kanadischen Wet­terdienst durch. Außerdem macht er Geld als Jagdführer und Trapper. Für ihn und sei­nen Sohn reicht das.“
„Hat er keine Frau?“

Foto: Andreas Fecker

„Davon sagte er nichts. Aber davon, dass wir zuerst einmal eine Parzelle brauchen, die durch das Büro für Landmana­gement zur Besiedelung frei­gege­ben wurde. Er sagte, je­den Sommer sind soge­nannte Spotter von der Regierung mit Flugzeugen unterwegs, die nach nicht genehmigten Häu­sern Ausschau halten. Haben sie eines gefunden, kom­men sie eines Tages zurück, holen dich per Gerichtsbeschluss ab und brennen das Haus nieder.“
„Famose Sitten sind das im freien Kanada.“
„Ich kann das irgendwie ver­stehen. Wie dem auch sei. Baxter sagte, wir müssten erst einmal die Kar­ten studieren. Dann hinfliegen, das Land an­schau­en, einen Claim abstec­ken, vermessen lassen und das Grundstück bezahlen. Kosten etwa 1.500 Dol­lar. Ferner müssten wir lernen, wie man ein Block­haus baut: Wie man Bäume fällt, entrindet, kerbt, die Balken aufeinandersetzt, Türen und Fenster her­aus­schneidet und – vor allem – alles dicht be­kommt. Es sei ein himmelweiter Unterschied zwi­schen einer Jagdhütte, in der man hin und wieder über­nachtet, Gewehr und Angelge­rät unterstellt, und einem sturm- und wetterfesten Blockhaus, in dem man das ganze Jahr hindurch lebt. Der erste Winter ist der Härte­test. Hält das Dach zwei Me­ter Schnee aus? Trotzt das Gebälk dem ersten Blizzard?
Ein solches Haus zu bauen, sagt er, sei – nein ist eine Kunst, die erlernt sein will. Bei einem profes­sionellen Zimmermann, der sich auf Blockhäuser spezialisiert hat, und der mit Axt und Mo­torsäge umgeht wie ein Schneider mit Nadel und Fa­den.“
„Schöne Aussichten. Das hieße für uns, du müsstest deinen Job als Fluglotse aufgeben und zu einem Zimmermann in die Lehre gehen.“
„Du sagst es.“
„Würdest du das tun?“
Nancy stellte die Gretchen­frage ziemlich gelas­sen, wun­derte sich Boyd. Mal sehen, wie sie jetzt reagiert:
„Ja“, antwortete er deshalb.
„Was hat Baxter noch gesagt?“
Boyd Faraday war platt. Er hatte einen Beruf, der ihm – verdammt nochmal – Spaß machte! Er war glücklich darin. Nancy wusste das. Wie in drei Teufels Namen konnte sie so kaltschnäuzig über dieses ungeheuerli­che ‘Ja’ hinweggehen? Seine und ihre Zukunft in Frage stellen? So nonchalant akzeptieren, dass dies der Scheitelpunkt seiner Kar­riere, die Wendemarke sei­nes Lebens, ihrer beider so­zialer Sicherheit sein würde?
„Nancy“, schrie er seine Frau fast an, „bist du dir bewusst, was ich da soeben gesagt habe?“
„Du hast ‘Ja’ gesagt“, schrie Nancy zurück, ihre Stimme war belegt.
„Und weißt du, was das für uns bedeutet?“
„Ja.“
„Und warum redest du mir das nicht aus?“
„Weil ich will, was du willst. Weil ich glücklich bin, wenn du glücklich bist. Weil es mir genügt, wenn ich bei dir bin. Weil ich dich liebe!“
Jetzt war Nancys Fassung zu Ende. Boyd nahm sie in seine Arme und streichelte ihr sei­denweiches schwarzes Haar.
„Keine Angst, kleines Schwän­chen, wir überlegen uns das gut. Ich bin keiner von denen, die ihren si­cheren Job leichtfertig aufgeben. Nie­mand drängt uns. Wir können alles Für und Wider abwägen und uns mit der Entscheidung viel Zeit lassen.“
Wie konnte er auch wissen, dass er ab morgen früh, 10:19 Uhr, keinen Einfluss mehr auf diese Ent­schei­dung hatte. Eine Flugunfall-Untersu­chungs­komission würde das für ihn besorgen.

2 Antworten zu “Leseprobe 58 – Neuer Roman”

  1. Chris sagt:

    Sehr interessant und superspannend und lebensnah geschrieben. Unbedingt weitermachen und Bescheid geben wenn das Buch erhältlich ist! Liebe Grüsse, Chris

  2. Günther Nowitzke sagt:

    Lieber Andy,
    Ich bin jetzt schon gespannt wie es weiter geht.
    Viele Grüße, Günther

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