Weiter geht’s mit einem Auszug aus meinem neuen Roman über eine gescheiterte Flugzeugentführung, noch ohne Titel. Nach und nach stelle ich anhand kurzer Episoden die handelnden Personen vor, die bald zu einer Schicksalsgemeinschaft in der Wildnis des Yukon verbunden sein werden, ob sie es wollen oder nicht.
Cherry Grove, Alberta, 21:00 Uhr
Ein Blockhaus an einem idyllischen See in Kanadas Norden, das war Boyd Faradays Traum. Aber – je mehr er sich damit befasste, umso mehr sah er dabei Schwierigkeiten auf sich zukommen. Nancy sah dem Schritt – auszusteigen aus dem bisherigen ruhelosen, Stress behafteten Leben – mit gemischten Gefühlen entgegen. Dafür sprachen die Schönheit der Natur, das Glücksgefühl weitgehend selbstversorgerisch zu leben, abgeschnitten zu sein von Klatsch und Tratsch, von falschen Freunden, vom täglichen Leistungsdruck, vom Konformismus und Konsumterror der Gesellschaft. Die Vorstellung der reduzierten Werte, daß man sich beispielsweise in der Wildnis über eine sechs Wochen alte Zeitung genauso freuen kann, wie ein Stadtmensch über ein neues Auto, faszinierte Nancy. Jeder Buschbewohner freut sich über sein vollbrachtes Tagwerk. Wo findet man das noch in der Stadt? Der Mann in den Wäldern ist stolz auf den wachsenden Brennholzstapel hinter seinem Haus. Freut sich sein Artgenosse in der Stadt gleichermaßen über seinen gefüllten Öltank? Das Leben in der Zivilisation ist kurzatmig, flüchtig, oberflächlich. Im Busch ist es tiefgreifend gründlich, intensiv, eben natürlich im ganzen Sinn des Wortes.
Was also sprach dagegen? Die Ungewissheit, den Ausstieg seelisch verkraften zu können, denn der Schritt musste endgültig sein. Bei einer Rückversicherung, das wussten Nancy und Boyd, würden sie angesichts ernsthafter Probleme nicht ihren Durchhaltewillen mobilisieren, sondern den Weg des geringsten Widerstandes gehen. Und das könnte der Weg zurück in die Zivilisation, die sogenannte, sein.
„Ein Blockhaus an einem verträumten See im Norden Kanadas“, schnitt Nancy Faraday wieder einmal ihr Thema Nummer Eins an und legte damit den Finger in eine offene Wunde ihres Mannes.
„Lieber heute als morgen, Nancy“, versicherte Boyd. Er drückte den „AUS“-Knopf der handlichen Fernbedienung. Die Mattscheibe erlosch.
„Dann bräuchten wir dieses dämliche Fernsehprogramm nicht mehr zu ertragen“, schimpfte er.
„Kein Mensch zwingt dich, vor die Glotze zu sitzen, Boyd.“
„Lenke jetzt nicht ab. Weißt du, ich bin zu der Einsicht gekommen, daß es ganz ohne Geld nicht gehen wird.“
„Daran haben wir doch nie gezweifelt“, wunderte sich Nancy.
„Nein, ich meine danach, wenn wir im Busch leben. Also weißt du, zuerst brauchen wir einmal ein paar tausend Dollar, so ungefähr 20.000, um den Schritt überhaupt finanzieren zu können, Transport und Versorgungsflüge und so weiter. Aber dann, wenn wir in unser Blockhaus eingezogen sind, brauchen wir ein Einkommen, um ein Auskommen zu haben, wie man so schön sagt.“
„Wozu? Sag mir wozu?“
„Lebensmittel. Benzin und Öl, eine neue Kette für die Motorsäge. Ein neuer Ofen. Ein neues Messer. Ein neues Gewehr. Munition. Waffenöl. Eine neue Axt. Ein neues Funkgerät. Neue Kochtöpfe. Das Zeug hält ja alles nicht ewig. Neues Schuhwerk. Kleidung. Zahnbürsten. Seife. Monatsbinden. Socken. Salz, um Felle zu gerben. Flickzeug. Verbandszeug. Fensterglas. Klopapier. Streichhölzer. Angelruten, Darm und Haken. Holzschutzmittel. Besen. Batterien und Birnen für die Handlampen. Petroleum für die Deckenlampen. Neue Schlafsäcke. Bücher. Schreibzeug. Das ist alles, was mir augenblicklich einfällt. Aber das muss alles von Buschpiloten eingeflogen werden. Und die machen das – bisher jedenfalls – nicht umsonst. Du bist dran.“
Nancy Faraday hatte sich die Hand vor den Mund geschlagen.
„Und jetzt? Aus, der Traum vom einsamen Glück zu zweit? Von verschneiten Winterabenden im warmen Blockhaus? Von langen, kuscheligen Abenden am heißen Kamin, in dem die Holzscheite knistern?“
„Nicht unbedingt. Offengestanden, für mich war das auch ein ziemlich großer Schock, als Sam Baxter mir das klar machte. Er sagte …“
„Wer ist Sam Baxter?“ unterbrach ihn Nancy.
„Der alte Trapper, den ich neulich bei McGee getroffen habe. Baxter und William sind befreundet. Kennen sich noch von Hay River. Genau wie Barbara. Und als ich hörte, daß dieser Sam Baxter am Nipisi Lake wohnt, sagte ich in meinem Leichtsinn, daß wir zwei demnächst aussteigen würden, uns ein Blockhaus an irgendeinem einsamen See bauen und dort den Rest unserer Tage verbringen würden.“
„Und was hat er gesagt?“
„Ausgelacht hat er mich! Er hat gefragt, wieviel Geld wir denn schon gespart hätten. Und dann habe ich ihn ausgelacht. Ich habe gesagt, ich wollte in den Busch ziehen, weil ich die Nase voll habe von all der Zivilisation und ihren Begleiterscheinungen. Und dieser Sam Baxter begann dann sachlich zu werden. Er hielt mir vor, wie viele Leute denselben Wunsch hegten, und wie viele diesen Schritt auch schon getan hatten. Aber viele sind gescheitert, eben weil kein Geld da war, und weil kein Geld nachkam.“
„Und wie kommt Baxter an regelmäßige Einkünfte?“
„Er macht täglich Wetterbeobachtungen und gibt diese über Funk an den kanadischen Wetterdienst durch. Außerdem macht er Geld als Jagdführer und Trapper. Für ihn und seinen Sohn reicht das.“
„Hat er keine Frau?“
„Davon sagte er nichts. Aber davon, dass wir zuerst einmal eine Parzelle brauchen, die durch das Büro für Landmanagement zur Besiedelung freigegeben wurde. Er sagte, jeden Sommer sind sogenannte Spotter von der Regierung mit Flugzeugen unterwegs, die nach nicht genehmigten Häusern Ausschau halten. Haben sie eines gefunden, kommen sie eines Tages zurück, holen dich per Gerichtsbeschluss ab und brennen das Haus nieder.“
„Famose Sitten sind das im freien Kanada.“
„Ich kann das irgendwie verstehen. Wie dem auch sei. Baxter sagte, wir müssten erst einmal die Karten studieren. Dann hinfliegen, das Land anschauen, einen Claim abstecken, vermessen lassen und das Grundstück bezahlen. Kosten etwa 1.500 Dollar. Ferner müssten wir lernen, wie man ein Blockhaus baut: Wie man Bäume fällt, entrindet, kerbt, die Balken aufeinandersetzt, Türen und Fenster herausschneidet und – vor allem – alles dicht bekommt. Es sei ein himmelweiter Unterschied zwischen einer Jagdhütte, in der man hin und wieder übernachtet, Gewehr und Angelgerät unterstellt, und einem sturm- und wetterfesten Blockhaus, in dem man das ganze Jahr hindurch lebt. Der erste Winter ist der Härtetest. Hält das Dach zwei Meter Schnee aus? Trotzt das Gebälk dem ersten Blizzard?
Ein solches Haus zu bauen, sagt er, sei – nein ist eine Kunst, die erlernt sein will. Bei einem professionellen Zimmermann, der sich auf Blockhäuser spezialisiert hat, und der mit Axt und Motorsäge umgeht wie ein Schneider mit Nadel und Faden.“
„Schöne Aussichten. Das hieße für uns, du müsstest deinen Job als Fluglotse aufgeben und zu einem Zimmermann in die Lehre gehen.“
„Du sagst es.“
„Würdest du das tun?“
Nancy stellte die Gretchenfrage ziemlich gelassen, wunderte sich Boyd. Mal sehen, wie sie jetzt reagiert:
„Ja“, antwortete er deshalb.
„Was hat Baxter noch gesagt?“
Boyd Faraday war platt. Er hatte einen Beruf, der ihm – verdammt nochmal – Spaß machte! Er war glücklich darin. Nancy wusste das. Wie in drei Teufels Namen konnte sie so kaltschnäuzig über dieses ungeheuerliche ‘Ja’ hinweggehen? Seine und ihre Zukunft in Frage stellen? So nonchalant akzeptieren, dass dies der Scheitelpunkt seiner Karriere, die Wendemarke seines Lebens, ihrer beider sozialer Sicherheit sein würde?
„Nancy“, schrie er seine Frau fast an, „bist du dir bewusst, was ich da soeben gesagt habe?“
„Du hast ‘Ja’ gesagt“, schrie Nancy zurück, ihre Stimme war belegt.
„Und weißt du, was das für uns bedeutet?“
„Ja.“
„Und warum redest du mir das nicht aus?“
„Weil ich will, was du willst. Weil ich glücklich bin, wenn du glücklich bist. Weil es mir genügt, wenn ich bei dir bin. Weil ich dich liebe!“
Jetzt war Nancys Fassung zu Ende. Boyd nahm sie in seine Arme und streichelte ihr seidenweiches schwarzes Haar.
„Keine Angst, kleines Schwänchen, wir überlegen uns das gut. Ich bin keiner von denen, die ihren sicheren Job leichtfertig aufgeben. Niemand drängt uns. Wir können alles Für und Wider abwägen und uns mit der Entscheidung viel Zeit lassen.“
Wie konnte er auch wissen, dass er ab morgen früh, 10:19 Uhr, keinen Einfluss mehr auf diese Entscheidung hatte. Eine Flugunfall-Untersuchungskomission würde das für ihn besorgen.

Sehr interessant und superspannend und lebensnah geschrieben. Unbedingt weitermachen und Bescheid geben wenn das Buch erhältlich ist! Liebe Grüsse, Chris
Lieber Andy,
Ich bin jetzt schon gespannt wie es weiter geht.
Viele Grüße, Günther