Leseprobe 57 – Neuer Roman

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Foto: Fecker

Robert C. Hendricks
Robert C. Hendricks stellte den Wecker ab, noch bevor er geklingelt hatte. Einerseits hasste Hen­dricks das schrille Geschepper seiner „Höllenmaschine“ und pflegte schon aus Angst da­vor stets eine halbe Stunde vor der eingestellten Weckzeit aufzuwachen, andererseits würde er oh­ne Wecker sicherlich verschlafen.
02:02 Uhr morgens! Um diese Zeit verwünschte er sich wieder, sein Haus in Pleasant Grove, 33 Mei­len südlich von Salt Lake City, gebaut zu haben, 40 Meilen vom Flughafen entfernt. Das war noch vor der 73er Ölkrise, der sogenannten. Damals konnte er die Strecke zum Flughafen noch in einer knappen halben Stunde schaffen. Dann wurde die Geschwindigkeit auf 55 mph (88 km/h) festgesetzt und streng überwacht. Seitdem brauchte er etwa die doppelte Zeit. Das Paradoxe daran war, dass nicht weit von Salt Lake City auf dem Großen Salzsee die Geschwin­digkeitsweltrekorde der Automobilindustrie gefah­ren werden. Es ist fast nicht vorstellbar, dass, was 1911 mit unglaublichen 50 mph begann, jetzt mit Raketenautos auf 1.000 mph zustrebte. Ein Auto, schneller als der Schall! Schneller als seine Boeing, die er nachher um 05:55 Uhr von Salt Lake City nach Seattle fliegen würde!
Entschlossen stemmte sich Robert C. Hendricks aus dem Bett und stellte das Radio an.
„… hohe Steuern, staatliche Verschwendung, Über­bürokratisierung, hohe Verbrechensrate. Wir haben alles. Tatsächlich, wir haben wirklich alles: Rede­freiheit, Pressefreiheit, Freizügigkeit, die Verfas­sung des Volkes, vom Volke für das Volk ge­macht. Und wir sind die Leute von ‘Coleman Rei­fen Service’, Springville, Utah, United States of America, und wir sind stolz auf diese Adresse.“
„Leck – mich – am – Arsch!“ dehnte Hendricks fas­sungslos, jedes Wort betonend. Breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, stand er vor dem Schreibtisch und starrte das Radio an, aus dem nun ‘Glory glory halleluja’ tönte, ‘and his soul keeps marching on’.
„Denen ist doch nichts heilig! Um einen Satz Rei­fen an den Mann zu bringen, beschwören die die Verfassung der Vereinigten Staaten!“
„Wir haben die Musik, die Sie hören wollen, K.S.O.P. Salt Lake City, 104.3 Megahertz“, infor­mierte ihn der Radiosprecher.“
„Danke, K.S.O.P., Ihr werdet von mir hören“, murmelte Robert Hendricks und notierte sich Sen­der, Frequenz, Uhrzeit und Wortlaut des Commer­cials, den er als so anstößig empfand. Robert C. Hendricks war ein sehr korrekter Mann.
Er ging in die Küche und setzte Kaffee auf. Wäh­rend sich die Kaffeemaschine blubbernd und dampfend ans Werk machte, aus klarem Wasser eine dunkelbraune Koffeinbrühe zu kochen, nahm Hendricks eine heiße Dusche und zog sich an. Sein Blick fiel in den Spiegel. Eigentlich wollte er nur den Sitz der Krawatte prüfen. Doch seine Augen hafteten an seinem Ebenbild wie die einer 40-jäh­rigen Frau, die sorgenvoll nach ersten Fältchen in ihrem Gesicht sucht.
Nun, Hendricks war bereits 50, und Falten hatte er zuhauf, die Schläfen waren grau meliert, Männern soll das ja nicht abträglich sein. Trotzdem gefiel ihm nicht, was er sah. Vor ihm stand ein alter Mann. Alt war hier keine Frage der Fitness. Viel­mehr fühlte er sich einsam, verbrannt. Oh, er funk­tionierte noch vortrefflich. Das war’s. Funktionie­ren. Wie eine Maschine. Input – Output.
Aber was dazu gehörte, Lebensfreude, Empfin­dungen, die einen glücklich machen, ein Partner, der einem zuhört, das fehlte ihm, seit Peggy-Jo das Haus verlassen hatte.
Peggy-Jo. Sie fehlte ihm. Nie hätte er sie gehen lassen dürfen, nach zehnjähriger Ehe. Sie hätten eine andere Lösung finden müssen. Klar, dass das nicht gut geht, wenn man privat und beruflich im­mer zusammen ist. Zum anstrengenden Job in der Passagierkabine war dann noch der Haushalt in Pleasant Grove gekommen. Peggy hatte immer ei­ne Haushaltshilfe gewollt.
‘Eine Haushaltshilfe! ’ hatte er damals diesen Wunsch ins Lächerliche gezogen, ‘Peggy, wir sind doch fast nie zu Hause. Wir fliegen, wir leben in Hotels. Für die paar Tage, wo wir hier sind, sollten wir das eigentlich noch allein schaffen.
Er hatte immer von wir gesprochen, aber nie im Traum daran gedacht, ihr zu helfen. Oh, er kannte inzwischen jeden seiner Fehler, seiner Unterlas­sungen, seiner Gemeinheiten. Für Robert C. Hendricks war die Arbeit getan, der Tag gelau­fen, wenn er den Flughafen – irgendeinen – verließ, sich ins Taxi – oder wenn’s in Salt Lake war – in den eigenen Wagen setzte, und ins Hotel bzw. nach Hause fuhr.
Nicht so für seine Frau. Einkaufen, Kochen, Put­zen, Partys vorbereiten, Spülen, Waschen, Trock­nen, Bügeln, Flicken, Stopfen, Wirtschaften, Ver­sicherungskram, Steuer, Finanzierung ihrer An­schaffungen, Fische füttern, Aquarium reinigen.
Was das alles an Arbeit und Zeit bedeutete, ent­deckte Hendricks erst, als er es plötzlich selbst machen musste. Und dass sie das 10 Jahre lang nach ihrem schweren Arbeitstag als Stewardess ertragen hatte, machte sie zur absoluten Superfrau! Zu dumm, dass er das erst so spät erkannt hatte.
Rausgeschmissen hatte er sie. Jawohl, rausgesch­missen! An einem Dienstagabend. Nach einem Horrorflug von Memphis mit Zwischenlandungen in Little Rock, Oklahoma City und Albuquerque. Und beim Anflug auf Salt Lake kriegten sie das Bugrad nicht heraus. Erst nach zahlreichen Versu­chen und nahezu zehn Platzrunden öffnete sich endlich die Klappe, und das Bugrad fuhr aus, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt, dass ein Bugrad eben einmal nicht so will, wie die Crew im Cockpit.
Generös hatte er damals nach der Landung um 15:00 Uhr zu Peggy gesagt: ‘Du kannst schon ein­mal heimfahren, ich bleibe noch im Hangar, wo die Bugradhydraulik untersucht wird. ’
Hungrig kam er drei Stunden später nach Hause: ‘Guten Abend, Schatz. Was gibt’s zu essen? ’
Peggy war gerade mit seinem Aquarium beschäf­tigt. ‘Sieh nur, ’ sagte sie, ‘die Futterautomatik muss versagt haben. Fünf Fische sind tot. ’
‘Jaja. Aber jetzt habe ich Hunger. ’
‘Du, Liebster, können wir nicht Essen gehen? Ich bin noch nicht zum Kochen gekommen. Und zum Einkaufen auch nicht. ’
‘Peggy, wir essen fast jeden Tag in Hotels, Flug­zeugen, Kantinen, und Flughafenrestaurants. Da will ich, wenn wir schon in Salt Lake sind, zu Hause essen. Du bist doch schon seit drei Stunden zu Hause. Was hast du denn die ganze Zeit ge­macht? ’
Peggy beherrschte sich mühsam.
‘Geputzt, aufgeräumt, gewaschen, gebügelt, das Haus abgestaubt, damit sich der Sir wohlfühlt. Und dabei habe ich die toten Fische entdeckt. Die Fut­terautomatik muss defekt sein.’
‘Was hast du denn dauernd mit deiner gottver­dammten Futterautomatik. Meine Bugradautoma­tik war auch defekt. Meinst du, da hätte ich jetzt noch Interesse, mich um Fische zu kümmern? Bei uns im Cockpit war der Teufel los!’
‘Ach ja? Und was meinst du haben wir hinten in der Kabine gemacht? Eine Herde von 160 ängstli­chen Passagieren eine Stunde lang zu besänftigen, meinst du, das ist nichts? Während ihr wie die Anfänger eine Platzrunde nach der anderen ge­dreht habt, drohte hinten eine Panik auszubrechen. ‘Miss, wir werden abstürzen!’ ‘Keine Sorge, Sie sind in den Händen des besten Piloten der TPA.’
‘Miss, ich wusste es! Wir werden abstürzen, bren­nen! Es stand in meinem Horoskop!’
‘Keine Sorge, sowas kommt ab und zu einmal vor. Kein Grund zur Aufregung.’ ‘Miss, wir wer­den doch nicht alle sterben, doch nur die, die vorne sitzen?’ ‘Unsinn. Gar niemand wird sterben. Wir werden ganz normal landen. Außerdem, ganz vorne sitzen die Piloten.’
Dann wollten plötzlich alle nach hinten. Dann be­gannen wir, die Notlandungsmaßnahmen zu üben. Und immer und immer wieder das Beruhigen der Passagiere. Dabei hatte ich selbst genau soviel Angst. Nach der geglückten Landung habt ihr dann im Applaus der Passagiere gebadet. Ihr, die Piloten. Und dann komme ich heim und mache meine Arbeit. Und dann kommst du heim und machst mir Vorwürfe. So geht das nun schon seit Jahren.
Was du brauchst, ist eine Futterautomatik. Und ein paar Huren. Eine für unterwegs und eine für zu Hause. Aber glaube bloß nicht, die machen dir auch noch den Haushalt.
Und weißt du was, Ehemann Robert C. Hendricks? Ich bin es leid, deine Futterautomatik zu sein. Ich bin jetzt auch defekt. Ich kündige. Dies hier ist ein Scheiß-Job!’
Mit diesen Worten zog sie das Aquarium aus dem Schrank und kippte es auf den Boden.
Hendricks stand bewegungslos, starrte auf die zap­pelnden, nach Luft schnappenden Zierfische, und sagte:
‘Peggy, du kannst nicht kündigen. Du bist gefeu­ert!’
Am folgenden Freitag flogen sie mit getrennten Maschinen nach San Diego, trafen sich jenseits der mexikanischen Grenze in Tijuana und ließen sich scheiden.
Der Summer der Kaffeemaschine holte Hendricks in die Gegenwart zurück. Er wandte den Blick von seinem Spiegelbild ab und ging in die Küche. Er goss sich einen Kaffee ein. Dann stand er plötzlich auf und tat etwas, was er noch nie getan hatte: Er holte ein zweites Gedeck und legte es ihm gegen­über auf den Tisch. Aus dem Arbeitszimmer kram­te er ein gerahmtes Portrait von Peggy und stellte es neben die Tasse an Peggys Platz. Dann erst setz­te er sich wieder auf seinen Stuhl. Während er den Kaffee trank, blickte er auf das Portrait seiner geschiedenen Frau. Er lächelte ihr zu.
„Ich hole dich wieder zu mir, Peggy. Und dann sollst du es gut haben bei mir. Wir werden eine Köchin haben und eine Haushaltshilfe. Und die Wäsche geben wir außer Haus.“
Nächsten Freitag geht es weiter.
Andreas Fecker


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