Leseprobe 56 – Neuer Roman

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Foto: Fecker

Weiter geht es mit einem ersten Einblick in den Plot des neuen Buches. Es geht um eine Flugzeugentführung, die für einige Passagiere tragisch endet. Der Entführer ist ein verzweifelter Schmerzpatient. Die Handlung gipfelt in einem Zusammenstoß in der Luft mit einem außerplanmäßigen Rettungsflug, gefolgt von einer dramatischen Notlandung in der kanadischen Tundra. Es geht um Sabotage, Intrigen, Liebe, Waldbrand, Survival und schließlich ein Happy End. Titel und Erscheinungstermin stehen noch nicht fest. Ich möchte nicht allzuviel von der Handlung vorwegnehmen. Aber um Spannung und Neugier zu erzeugen, stelle ich in den nächsten Leseproben in kurzen Episoden einige der handelnden Personen vor, von denen manche über sich hinauswachsen. An Bord ist eine Mischung von unterschiedlichen Charakteren. Einer davon ist Kelly Holland.

Kelly Holland
Das Spinnennetz erzitterte heftig, als sich der Nachtfalter in den klebrigen Fäden verfing. Der Falter rüttelte seine Flügel rasend schnell, um aus der Gefangenschaft zu entkommen und versuchte sich zu drehen und zu wenden. Die ersten der sei­deähnlichen Fäden begannen zu reißen. Die Kreuzspinne, die am Ende ihres Alarmfadens ge­duldig auf ein nächtliches Opfer gewartet hatte, eilte mit behenden Bewegungen zu der Stelle, an der sich ihre Beute verfangen hatte. Sie wußte, dass sie einen langen Kampf zu bestehen hatte, denn der Nachtfalter war dreimal so groß wie sie und kräftig. Und wenn er nur lange genug mit den Flü­geln schlug, würde er das kunstvoll gewobene Netz zerstören und freikommen. Die Spinne öffne­te ihre Drüsen an der Unterseite ihres fetten Bau­ches, holte mit den Hinterbeinen die klebrige Sub­stanz hervor und begann emsig die zerrissenen Fä­den zu flicken und neue zu spinnen, wo andere zu zerreißen drohten. Der heftige Flügelschlag des Falters hinderte sie, die Schwingen erneut an das Netz zu fesseln, daher turnte sie an dem Unterleib des Opfers entlang und verklebte dessen Beine mit dem zarten aber zähen Gespinst. Traumwandleri­sch sicher bewegte sie sich über die schwanken­den, zitternden Spiralen, spann neue Rahmenfä­den, die zur Hälfte bereits gerissen waren.
Die Kraft des Falters begann zu erlahmen. Die Spinne wußte, dass das Schlimmste noch bevor­stand, der Todeskampf des Opfers. Einen Augen­blick lang hielt der Falter inne, um sich auszuru­hen. Die Spinne nutzte die Zeit und machte sich über den linken Flügel her. Wie der Falter die Be­rührung spürte, begann er heftig zu flattern und schleuderte seinen Feind von sich herab. Doch der Faden war bereits an dem behaarten Flügel ange­bracht und hielt bomben­fest. Mit fliegender Hast vermaschte das kleine Raubtier den schlagenden Flügel mit dem Netz. Die Verstrickung aber brach­te den Falter zur Ver­zweiflung. Er schlug und zappelte, wieder rissen einige Fäden in dem be­benden Netz, das schon bald kein Netz mehr war, sondern ein Gekneuel von seidenen Fäden. Fort waren Symmetrie und Gleich­förmigkeit des klei­nen Kunstwerkes. Der Kampf auf Leben und Tod begann, ein Kampf zweier ungleicher Gegner: Hier die kleine Spinne mit lähmendem Biß und klebrigen Fäden, dort der um vieles größere Falter, an Kräften seinem Häscher weit überlegen.
Fast sah es so aus, als würde der Falter das Duell gewinnen. Da stürzte sich die Spinne auf den Un­ter­leib ihres Opfers und biß sich daran fest, um ihr Gift einzuspritzen. In panischer Angst steigerte der Nachtfalter seinen Kampf, weitere Fäden rissen, nur noch drei dieser klebrigen Taue trennten ihn von der Freiheit. Die Spinne erkannte, dass sie fast verloren hatte, löste den Biß und versuchte mit ein paar hastig gesponnenen Fäden ihr Opfer doch noch zu  behalten. Wieder biß sie zu, diesmal in den Kopf der Beute. Das Flattern begann jetzt spa­stisch zu werden, heftiger zwar, aber kürzer, mit längeren Pausen. Noch ein paar Fäden, noch ein Biß, dann erlahmte der Widerstand zu einem kur­zen Zucken und erstarb schließlich ganz. Die er­schöpfte Spinne hatte den Kampf gewonnen. Eine halbe Stunde hatte er gedauert. Die Nahrung würde für einige Tage reichen.
Bewundernd betrachtete Kelly Holland den kleinen schwarz-gelben Gliederfüßer, der sich auf der Beute sit­zend von dem mörderischen Kampf erholte. Kelly war von dem Scheppern der defekten Klimaanlage aufge­wacht. Er hatte den Kasten abgestellt, das Fenster geöffnet und auf die verlassene Temple Street hinabgeschaut. Neben seinem Fenster zuck­te der Buchstabe „A“ der senkrecht angebrachten Leuchtreklame des ‘CENTRAL HOTEL’. Und hin­ter dieser Leuchtreklame hatte der Kampf der Spinne mit dem Nachtfalter stattgefunden, dessen Zeuge Kelly Holland geworden war.
„Jaja, das Leben ist ein Kampf. Bei uns Menschen ist das nicht anders“, bemerkte er halblaut. Er dachte an seinen Job in Seattle, für den er 25.000 Dollar be­kommen sollte. 10.000 hatte er als Vorschuss schon erhalten.
Holland schmunzelte. Es hatte ihm imponiert, wie sich die Spinne, als sie den Kampf schon fast ver­loren hatte, auf den übermächtigen Gegner ge­stürzt und ihn schließlich doch noch besiegt hatte.
Wie er selbst, damals in Vietnam, bei den Leder­nacken. Auch er hatte sich aus einer hoffnungslo­sen Situation im Vietnamkrieg vier Elitesoldaten der Vietkong vom Halse geschafft, die ihn umzingelt hatten. Keiner der vier überlebte es damals. Sein Kommandeur hatte ihm einen Tapferkeitsorden verliehen. Aber Vietnam ist lange her. In ein bürgerliches Leben hatte er nicht mehr zurückgefunden. Außer Töten hatte er nichts gelernt.
Kelly Holland zog ein Streichholz hervor und riss es an.
„Jaja, liebe Spinne, das Leben ist ein Kampf…“es zischte, als die Spinne kurz auflodernd ver­schmorte… „und der Stärkere gewinnt. Immer.“
Holland blies das Streichholz aus und schnippte es auf die Straße. Kelly Holland war ein professionel­ler Killer, angesetzt auf den Gouverneur des Staates Washington.
Nächsten Freitag geht es weiter.
Andreas Fecker


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