Weiter geht es mit einem ersten Einblick in den Plot des neuen Buches. Es geht um eine Flugzeugentführung, die für einige Passagiere tragisch endet. Der Entführer ist ein verzweifelter Schmerzpatient. Die Handlung gipfelt in einem Zusammenstoß in der Luft mit einem außerplanmäßigen Rettungsflug, gefolgt von einer dramatischen Notlandung in der kanadischen Tundra. Es geht um Sabotage, Intrigen, Liebe, Waldbrand, Survival und schließlich ein Happy End. Titel und Erscheinungstermin stehen noch nicht fest. Ich möchte nicht allzuviel von der Handlung vorwegnehmen. Aber um Spannung und Neugier zu erzeugen, stelle ich in den nächsten Leseproben in kurzen Episoden einige der handelnden Personen vor, von denen manche über sich hinauswachsen. An Bord ist eine Mischung von unterschiedlichen Charakteren. Einer davon ist Kelly Holland.
Kelly Holland
Das Spinnennetz erzitterte heftig, als sich der Nachtfalter in den klebrigen Fäden verfing. Der Falter rüttelte seine Flügel rasend schnell, um aus der Gefangenschaft zu entkommen und versuchte sich zu drehen und zu wenden. Die ersten der seideähnlichen Fäden begannen zu reißen. Die Kreuzspinne, die am Ende ihres Alarmfadens geduldig auf ein nächtliches Opfer gewartet hatte, eilte mit behenden Bewegungen zu der Stelle, an der sich ihre Beute verfangen hatte. Sie wußte, dass sie einen langen Kampf zu bestehen hatte, denn der Nachtfalter war dreimal so groß wie sie und kräftig. Und wenn er nur lange genug mit den Flügeln schlug, würde er das kunstvoll gewobene Netz zerstören und freikommen. Die Spinne öffnete ihre Drüsen an der Unterseite ihres fetten Bauches, holte mit den Hinterbeinen die klebrige Substanz hervor und begann emsig die zerrissenen Fäden zu flicken und neue zu spinnen, wo andere zu zerreißen drohten. Der heftige Flügelschlag des Falters hinderte sie, die Schwingen erneut an das Netz zu fesseln, daher turnte sie an dem Unterleib des Opfers entlang und verklebte dessen Beine mit dem zarten aber zähen Gespinst. Traumwandlerisch sicher bewegte sie sich über die schwankenden, zitternden Spiralen, spann neue Rahmenfäden, die zur Hälfte bereits gerissen waren.
Die Kraft des Falters begann zu erlahmen. Die Spinne wußte, dass das Schlimmste noch bevorstand, der Todeskampf des Opfers. Einen Augenblick lang hielt der Falter inne, um sich auszuruhen. Die Spinne nutzte die Zeit und machte sich über den linken Flügel her. Wie der Falter die Berührung spürte, begann er heftig zu flattern und schleuderte seinen Feind von sich herab. Doch der Faden war bereits an dem behaarten Flügel angebracht und hielt bombenfest. Mit fliegender Hast vermaschte das kleine Raubtier den schlagenden Flügel mit dem Netz. Die Verstrickung aber brachte den Falter zur Verzweiflung. Er schlug und zappelte, wieder rissen einige Fäden in dem bebenden Netz, das schon bald kein Netz mehr war, sondern ein Gekneuel von seidenen Fäden. Fort waren Symmetrie und Gleichförmigkeit des kleinen Kunstwerkes. Der Kampf auf Leben und Tod begann, ein Kampf zweier ungleicher Gegner: Hier die kleine Spinne mit lähmendem Biß und klebrigen Fäden, dort der um vieles größere Falter, an Kräften seinem Häscher weit überlegen.
Fast sah es so aus, als würde der Falter das Duell gewinnen. Da stürzte sich die Spinne auf den Unterleib ihres Opfers und biß sich daran fest, um ihr Gift einzuspritzen. In panischer Angst steigerte der Nachtfalter seinen Kampf, weitere Fäden rissen, nur noch drei dieser klebrigen Taue trennten ihn von der Freiheit. Die Spinne erkannte, dass sie fast verloren hatte, löste den Biß und versuchte mit ein paar hastig gesponnenen Fäden ihr Opfer doch noch zu behalten. Wieder biß sie zu, diesmal in den Kopf der Beute. Das Flattern begann jetzt spastisch zu werden, heftiger zwar, aber kürzer, mit längeren Pausen. Noch ein paar Fäden, noch ein Biß, dann erlahmte der Widerstand zu einem kurzen Zucken und erstarb schließlich ganz. Die erschöpfte Spinne hatte den Kampf gewonnen. Eine halbe Stunde hatte er gedauert. Die Nahrung würde für einige Tage reichen.
Bewundernd betrachtete Kelly Holland den kleinen schwarz-gelben Gliederfüßer, der sich auf der Beute sitzend von dem mörderischen Kampf erholte. Kelly war von dem Scheppern der defekten Klimaanlage aufgewacht. Er hatte den Kasten abgestellt, das Fenster geöffnet und auf die verlassene Temple Street hinabgeschaut. Neben seinem Fenster zuckte der Buchstabe „A“ der senkrecht angebrachten Leuchtreklame des ‘CENTRAL HOTEL’. Und hinter dieser Leuchtreklame hatte der Kampf der Spinne mit dem Nachtfalter stattgefunden, dessen Zeuge Kelly Holland geworden war.
„Jaja, das Leben ist ein Kampf. Bei uns Menschen ist das nicht anders“, bemerkte er halblaut. Er dachte an seinen Job in Seattle, für den er 25.000 Dollar bekommen sollte. 10.000 hatte er als Vorschuss schon erhalten.
Holland schmunzelte. Es hatte ihm imponiert, wie sich die Spinne, als sie den Kampf schon fast verloren hatte, auf den übermächtigen Gegner gestürzt und ihn schließlich doch noch besiegt hatte.
Wie er selbst, damals in Vietnam, bei den Ledernacken. Auch er hatte sich aus einer hoffnungslosen Situation im Vietnamkrieg vier Elitesoldaten der Vietkong vom Halse geschafft, die ihn umzingelt hatten. Keiner der vier überlebte es damals. Sein Kommandeur hatte ihm einen Tapferkeitsorden verliehen. Aber Vietnam ist lange her. In ein bürgerliches Leben hatte er nicht mehr zurückgefunden. Außer Töten hatte er nichts gelernt.
Kelly Holland zog ein Streichholz hervor und riss es an.
„Jaja, liebe Spinne, das Leben ist ein Kampf…“es zischte, als die Spinne kurz auflodernd verschmorte… „und der Stärkere gewinnt. Immer.“
Holland blies das Streichholz aus und schnippte es auf die Straße. Kelly Holland war ein professioneller Killer, angesetzt auf den Gouverneur des Staates Washington.
Nächsten Freitag geht es weiter.
Andreas Fecker
