Seit Jahren trage ich mich mit dem Gedanken, meine reichhaltigen Erfahrungen als Fluglotse, Autor, Trekkingführer, Globetrotter, Kampfsporttrainer, Familienvater und Offizier in die Handlung eines neuen Romans einzubauen. Das scheint nun Wirklichkeit zu werden. Es geht um eine Flugzeugentführung, die für einige Passagiere tragisch endet. Der Entführer ist ein verzweifelter Schmerzpatient. Die Handlung gipfelt in einem Zusammenstoß in der Luft mit einem Rettungsflug, gefolgt von einer dramatischen Notlandung in der kanadischen Tundra. Es geht um Sabotage, Intrigen, Liebe, Waldbrand, Survival und schließlich ein Happy End. Titel und Erscheinungstermin stehen noch nicht fest. Ich möchte nicht allzuviel von der Handlung vorwegnehmen. Aber um Spannung und Neugier zu erzeugen, stelle ich in den nächsten Leseproben einige der handelnden Personen, die über sich hinauswachsen, in kurzen Episoden vor.
Tony Battaglia
In Fountain Green, Utah, legte Tony Battaglia stumm den Telefonhörer auf die Gabel. Die Glocke des Apparates schlug noch einmal an. Wie zum Hohn. „Aus“, flüsterte er, „aus. Er will 200.000 Dollar! Und die Hälfte im Voraus!“ Battaglia stand auf und wankte zur Tür hinaus. Wie kann ein Mensch nur so habgierig sein! Er lehnte sich gegen den Pfosten, der das Dach der Veranda stützte, und starrte auf die längst schon abgeblätterte weiße Farbe. Darunter war verwittertes Holz zu sehen. „Ich habe ja noch nicht einmal genug Geld, um das Haus zu streichen.“ Er schlug mit der Faust gegen das morsche Geländer. „Und so etwas nennt sich ‘Arzt’. Ich nenne so etwas einen ‘Mörder’“.
Tony Battaglia litt an chronischer degenerativer Gelenkerkrankung. Was die Ärzte Primäre Chronische Polyarthrose oder kurz ‘PCP’ nannten, peinigte ihn mit rasenden Schmerzen im ganzen Körper. Es hatte vor fünf Jahren damit begonnen, dass er im linken Arm hin und wieder ein unangenehmes Gefühl hatte, einen kurzen stechenden Schmerz, nichts weiter. Von Beruf Gärtner, maß er dem keine große Bedeutung zu. Er hatte sich wohl verhoben, eine Zerrung, nichts Ernstes. Als ihn jedoch die Ausweitung der Schmerzen auf die linke Hand und die linke Schulter dazu zwangen, sich auf die Symptome zu konzentrieren, befiel ihn doch eine leichte Unruhe. Er sann auf eine Erklärung. ‘Rheuma! Das müsste es sein. Mensch, in meinem Alter schon? ’ Tony Battaglia war erst 35. Er nahm sich vor, die Klimaanlage im Haus nicht mehr so kalt zu stellen, und sich an kühlen Abenden wärmer anzuziehen. ‘Vielleicht war es auch das Autofahren bei offenem Fenster. ’ Er nahm sich vor, das in Zukunft bleiben zu lassen. Und damit war Tony erst einmal wieder beruhigt. Als jedoch die Schmerzen immer wieder kamen, und die Intensität auch noch anstieg, geriet er in größte Besorgnis. ‘Das muss was anderes sein, was Ernstes. Ich muss zum Arzt. Hoffentlich wird das nicht noch schlimmer! ’
Der Arzt diagnostizierte ein peripheres Nervenleiden, gab ihm Tabletten und verordnete Ruhe, Wärme und Bestrahlungen. ‘Wir haben das bald im Griff’, beruhigte er ihn. Nichts hatten sie. Die Schmerzen wurden schlimmer. Sie konzentrierten sich nun auf seine Gelenke, jede Bewegung begann weh zu tun. Er hatte das Gefühl, als kröche etwas in seinen Knochen umher, bis in die letzten Fingerglieder. Seine Gelenke krümmten sich, sie knarrten, wenn er sich bewegte und verursachten tausend kleine Stiche. Schlimmer noch waren die Anfälle. Sie kamen meist unvermutet, und davor fürchtete er sich. Plötzlich durchzuckte ihn dann ein Blitz, Tony schrie auf, sein Körper versteifte sich krampfartig … dann ging der scharfe, stechende Schmerz in einen dumpfen, pochenden über, der schließlich nach drei, vier Minuten abklang. Dann rieb sich Battaglia seine tauben Glieder, wie eine Raubkatze, die ihre Wunden leckt. Was ihn bedrückte, war die Sinnlosigkeit seiner Schmerzen, die doch Warnsignale sein sollen, Hinweise, dass und wo in seinem Körper etwas nicht stimmte. Okay. Ein toller Mechanismus. Er hatte funktioniert.
Verschiedene Ärzte hatten mittlerweile festgestellt, dass er Polyarthrose hatte. Der Sinn der Schmerzen war erfüllt. Er hatte PCP und tat etwas dagegen. Nur, warum blieb nun der verdammte Schmerz nicht weg? Warum zum Henker wurde er immer schlimmer? Warum ich? Warum nicht irgendwelche Kindsmörder, Mafiabosse, Rauschgifthändler oder Zuhälter? Er konnte und wollte sich nicht damit abfinden, dass diese Schmerzen chronisch sind, und dass er fortan damit werde leben müssen. Die Endlosigkeit der Schmerzen brachte ihn zur Verzweiflung. Er stellte sich seine Zukunft als Hölle vor, er malte sich aus, wie die Schmerzen immer stärker würden, und dass nur der Tod die Erlösung bringen konnte. Welche eine freudlose, trostlose Zukunft! Nachts lag er wach und dachte an nichts anderes als an den letzten und nächsten Anfall. Diese Krämpfe kamen in unregelmäßigen Abständen. Mal dauerte es drei Stunden, mal fünf, mal eine. ‘Vielleicht habe ich doch irgendeine Art von Krebs? Vielleicht haben die Ärzte etwas übersehen? ’ Diese und andere Sorgen quälten ihn Nacht für Nacht. Er konnte kaum noch arbeiten. Wovon würde er leben? Jede Nacht geriet zum grauenhaften sich steigernden Erlebnis. Er begann sich auch noch vor den Nächten zu fürchten, die ihn aufrieben. Tony Battaglia hatte keine Familie, keine Verwandten. Jetzt blieben auch noch seine Freunde weg, weil er sie durch seine Reizbarkeit vergällte. Die ganze Welt um ihn herum interessierte ihn immer weniger, seine kleine Welt schrumpfte immer mehr zusammen. Bald würde es nur noch ihn geben, seine Schmerzen, die Apotheke, das Krankenhaus und den Arzt. Den Arzt! Wie viele Spezialisten hatte er nicht schon konsultiert, in wie vielen Kliniken nicht schon gelegen! Aber ein Arzt nach dem anderen musste die Waffen strecken: ‘Sie sind nicht mehr behandlungsfähig, Mr. Battaglia. Wir können uns nur noch auf die Kontrolle des Schmerzes konzentrieren. ’
„Dann kontrollieren Sie ihn doch, Sie Arschloch!“ hatte er einmal einem Mediziner daraufhin ins Gesicht gebrüllt, bevor er dessen Praxis demolierte. Doch was sich unter dem harmlosen Wort ‘Schmerzkontrolle’ verbarg, war nichts anderes als fortschreitende Tablettensucht. Anzahl und Dosis der Narkotika steigerte sich bis zur Wirkungslosigkeit. Es gab kein Schmerzpräparat auf dem amerikanischen Pharma-Markt, das Tony Battaglia nicht mit Namen und Zusammensetzung kannte. Mehrfach unterzog er sich grauenvollen Entwöhnungskuren. Von Psychiatern mühsam aufgerichtet, versuchte er wieder bei einem anderen Spezialisten Linderung zu finden.
Wechselbäder aus Hoffnung und Enttäuschung folgten, die endlich in grenzenloser Abscheu vor den Ärzten gipfelte. Obwohl hochverschuldet, suchte er bald einen Heilpraktiker auf, bald einen Hypnotiseur, bald einen Sektenprediger, bald einen Akupunkteur. Da endlich, die neue große Chance tat sich auf, die Gewissheit von allen Schmerzen und Höllenqualen erlöst zu werden: Dr. Dr. Josef W. Chamberlain in New York hatte soeben Furore mit zwei geheilten PCP-Patienten gemacht. Battaglia hatte davon im Fernsehen erfahren. Die beiden Patienten wurden interviewt und gaben an, schmerzfrei zu sein und gewaltige Gesundungsfortschritte zu machen. Von diesem Dr. Chamberlain würde er sich heilen lassen. Und mit eben diesem Dr. Chamberlain hatte er soeben telefoniert. Und er hatte 200.000 Dollar verlangt! Und davon die Hälfte im Voraus!
„Dieses Schwein!“
Nächsten Freitag geht es weiter.
