Leseprobe 48 – Glückstage (2)

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Bei der Arbeit als Cowboy auf der Mule Shoe Ranch. Hufe beschlagen – Foto: Archiv Fecker

1972 war ein lebensprägendes Jahr für mich. Ich plante angesichts meiner etwas verkorksten Schulzeit einen Neuanfang in den USA und hatte mich sowohl bei Trans World Airways in der Flugleitung als auch bei Pan American Airways beworben, die gerade Flugbegleiter suchten. Pan Am stellte mir den Job in Aussicht, vorbehaltlich eines Arbeitsvisums. Der Antrag war gestellt. Während ich auf meine Arbeitsgenehmigung wartete, jobbte ich ein Vierteljahr als Cowboy auf einer Ranch in Arizona und verdingte mich anschließend als Haushaltshilfe gegen Kost und Logis bei einem alten Ehepaar in Tucson, Arizona. Die Frau war querschnittsgelähmt, er krank und jähzornig, beide hochgradige Alkoholiker. Das war eine sehr belastende Zeit und ich spürte, wie mein Leben zwischen meinen Fingern zerrann. Schließlich scheiterten meine Auswanderungspläne am Arbeitsvisum, denn der Vietnamkrieg war gerade zu Ende und die amerikanischen Soldaten kamen zurück und brauchten Jobs.
Während der drei Monate auf der Ranch in der Nähe von Willcox, Arizona, tobte eines nachts ein Gewitter. Minutenlang zuckten Blitze am Himmel, es donnerte und krachte. Ich rannte durch den prasselnden Regen vom Bunkhouse zu einem Schuppen, stellte dort mein Stativ auf und schraubte die Kamera auf, um ein paar dramatische Blitzfotos zu schießen. Kaum war ich fertig, schlug der Blitz ein, ganz nahe bei mir. Die Entladung war ohrenbetäubend, ich zitterte am ganzen Körper. Alles stehen und liegen lassend rannte ich ins Bunkhouse zurück. Am nächsten Morgen sah ich, dass der Blitz einen Cottenwood-Baum gespalten hatte, der direkt neben einem Bach stand.

Soweit so gut. Die Story hat aber noch einen zweiten Teil, der Jahre später stattfand. Mittlerweile war ich mit Rita verheiratet, unsere beiden Kinder waren bereits auf der Welt. Ich hatte meiner Frau schon so viel von meinen Reisen und von der Arbeit auf der Ranch erzählt, dass sie mit mir nach Arizona fuhr, um die wichtigsten Schauplätze meiner Abenteuer kennenzulernen. In Willcox angekommen übernachteten wir in einem Motel. Nachts um 12 Uhr klingelte das Telefon. „Evakuieren Sie sofort das Motel. In der benachbarten Tankstelle wurde eine Bombe gefunden!“
So will man ja immer mal aus dem Tiefschlaf geweckt werden, nicht wahr? „Rita! Wach auf! Bombe! Raus hier!“


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Bombennacht in Willcox, die abgesperrte Tankstelle – Foto: Fecker

Die Ausgangsbasis war für Rita und mich gleich. Die Reaktion könnte aber nicht unterschiedlicher gewesen sein. Rita griff mit der rechten Hand auf den Nachttisch, packte ihr Taschentuch und ihr neues Kettchen mit Anhänger, mit der Linken griff sie ihre nagelneuen Cowboystiefel und rannte raus, barfuß im durchsichtigen Negligé. Ich hingegen zwängte mich in ein paar Jeans, steckte Autoschlüssel, Feuerzeug und Zigaretten ein. Dass ich Ritas um zwei Nummern kleinere Jeans erwischt hatte, merkte ich erst, als die Zigaretten nicht in die Hosentasche passten. Jetzt aber nix wie raus hier. Draußen sah ich Rita halbnackt durchs Gras laufen. Zwischen anderen Hotelgästen. Barfuß, allen Klapperschlangen zum Trotz! Also bin ich nochmal zurück und holte eine Strickjacke für sie. Jetzt aber wirklich, wirklich raus hier! Hinter mir polterte etwas. Scheiße, meine Filmkamera hatte auf der Jacke gelegen. Sie flog zuerst gegen die Kommode dann an die Wand. RAUS HIER!!!! Unten auf dem Parkplatz stand unser Mietwagen. Rein, starten, Vollgas. Erst einmal um zwei Blocks herum, in den Trümmerschatten. Die Neugier trieb uns dann aber doch wieder etwas näher zum Geschehen. Man sieht ja nicht alle Tage, wie eine Tankstelle in die Luft fliegt. Aber nix passierte. Nach einer Stunde kam ein Militärjeep, ein Entschärfungskommando aus dem 120 km entfernten Fort Huachuca trug die Bombe raus, dämmte sie mit Sandsäcken, Dynamit und Kabel daran und schon flog der Wecker in die Luft. Ein entlassener Angestellter des Motels hatte sich mal wieder einen Scherz erlaubt. Und meine Moviekamera war Geschichte.

Das vorletzte Bild meiner Kamera – Foto: Fecker (Selbstauslöser)

Und jetzt komme ich auf den Cottonwood-Baum zurück. Alvin nahm Rita und mich am Folgetag mit zur alten Mule Shoe Ranch. Er hatte sie inzwischen verkauft und das Geld in ein neue Ranch investiert, die besseres Gras hatte, flacher und einfacher zu bewirtschaften war, als das bergige Land von Mule Shoe. Wir setzten uns in der Nähe der alten Ranchgebäude unter einen Baum neben einem Bach und aßen unsere Sandwiches, die Alvins Frau Lavida für uns gemacht hatte. Vor unserer Abreise hatte ich für 1350 DM eine neue Canon EF Spiegelreflexkamera gekauft. Man will ja tolle Bilder fürs Leben machen. Wenigstens die Canon hatte die „Bombennacht“ ja heil überstanden. Ich machte noch ein Foto von uns Dreien mit Selbstauslöser. Über mir im Geäst war Bewegung, ein leichter Wind wehte, neben uns plätscherte der Bach. War es Intuition? Ich spürte irgendeine Gefahr, sprang aus der Hocke auf und rollte mich nach einem Hechtsprung in Richtung Bach ab. In derselben Sekunde krachte ein Monster-Ast auf den Stein, auf dem ich gerade noch gesessen hatte. Alvin hatte sich fallen lassen, Rita saß noch wie versteinert da. Sie konnte nicht fassen, was sie gerade erlebt hatte. Dieser Ast hätte mich nicht links oder rechts an der Schulter getroffen, sondern auf dem symmetrischen Mittelpunkt meines Schädels. Ich stand auf und hob den Ast an. Er war schwer wie ein Röhrenfernseher, etwa vier Meter lang. Solche Kaliber wachsen nicht weit oben. Unter dem Ast entdeckte ich zwei Dinge: Der Stein, auf dem ich gerade noch gesessen hatte, war tiefer in den lockeren Sand gedrückt. Auf dem Stein daneben lag meine neue Spiegelreflex. Ein rotes LED blinkte, das normalerweise der Batterieprüfung diente. Nach ein paar Minuten des Schweigens sagte Alvin: „Ich hab ja schon viel erlebt in meinem Leben. Aber noch nie hat der Herrgott mir einen solchen Ast nachgeschmissen.“

„Das war’s mit der Canon“ – Foto: Fecker
So ungefähr hätte es in meinem Schädel ausgesehen – Foto: Fecker
Das ungewollt letzte Bild meiner Kamera – Foto: Fecker (ausgelöst von einem Ast)

Noch unter Schock spielte ich den coolen Cowboy und sagte zu meinem früheren Boss: „Weißt Du, was das rote Licht bedeutet? Nein? Mit der Kamera ist etwas nicht in Ordnung.“ Dabei warf ich das zerschmetterte Ding auf die Rocks. Und noch etwas bemerkte ich: Auf meinen Händen krabbelten hunderte von bissigen Ameisen. Der Ast war an der Bruchstelle übersät davon. Ich begriff, dass das der Cottonwood-Tree war, in den vor ungefähr zehn Jahren der Blitz eingeschlagen hatte. Er war zur Hälfte abgestorben. Die Ameisen holten sich das tote Gehölz Ast für Ast zur Erde. Ich habe durch zwei nicht zusammenhängende Ereignisse innerhalb von 24 Stunden zwei wertvolle Kameras verloren. Dass ich mein Leben und meine Gesundheit gerettet hatte, begriffen wir erst, als wir uns später alleine im Motelzimmer in den Armen lagen.

Rita und ich. – Foto: Margot Hecking

Das ganze Glück unseres heutigen Lebens ist darin begründet, dass ich damals noch unter dem Ast davongekommen bin. Und ich habe in dieser Welt offenbar noch die eine oder andere Aufgabe, und zwar lebendig….

Andreas Fecker