Kann man denn einen (bisher) unveröffentlichten Text als Leseprobe bezeichnen? Mit 75 Jahren kommen in mir viele Erinnerungen hoch, die ich aus verschiedenen Gründen noch nicht aufschreiben konnte. Letzte Woche habe ich von „meinem italienischen General“ erzählt. Unser gutes Verhältnis basierte nicht nur auf der Sprache, sondern weil auch er einmal in Sardinien stationiert war. Und er war früher Starfighterpilot und Militärattaché in Deutschland. Nun war er Commander von unserem kleinen Luftwaffen-Team der SFOR.
Als ich dort meinen Job antrat, machte ich eine Rundreise zu allen Airports, um mir die Sorgen und Nöte der Controller anzuhören. In Banja Luka war die Not besonders drastisch. Einer der Controller war obdachlos und wohnte im Tower, quasi als Hausbesetzer, weil er fürchtete, seinen Job zu verlieren. Der zweite hatte eine hochschwangere Frau, die drohte, ihr Baby zu verlieren, wenn sie nicht vom Arzt regelmäßig Spritzen erhielt. Sein Kollege gab sich indessen unversöhnlich: Wenn die NATO rausgeht, dann geht es hier wieder rund.“ Unterm Tisch steckte ich dem werdenden Vater einen Hundertmarkschein zu. Kann sein, dass das unsere weitere Zusammenarbeit entscheidend entspannt hat.
Auch mein General fuhr nicht die harte, sondern die diplomatische Tour. Er arrangierte ein Treffen mit einem serbischen General auf dem Flughafen in Banja Luka. Er hatte sich dafür von der USAF nach Banja Luka fliegen lassen, die Crew wartete auf dem Vorfeld im Flugzeug.
Ich saß zu der Zeit in unserem Office in Sarajevo und telefonierte. Da kam ein englischer Major herein und sagte in energischem Ton: „Andy, leg sofort auf.“ „Wie bitte?“ „Leg auf!“ Ich beendete das Gespräch und war gespannt auf die Erklärung. „Wir haben einen serbischen Kriegsverbrecher festgenommen. Einen General. Der wird noch heute nach Den Haag geflogen. Wo ist unser General?“ „In Banja Luka, bei einem serbischen General.“ „Hol ihn sofort dort raus, bevor der Serbe das erfährt!“
Ich stürmte in den Gefechtsstand und fragte, „Wo ist die nächste AWACS?“ „Über Kroatien“ „Holt sie sofort in bosnischen Luftraum! Wir müssen unseren General aus Banja Luka rausholen, bevor er als Geisel genommen wird. Dann brauche ich eine diskrete Verbindung zu ihr, damit ich das erklären kann.“
Nun rief ich den Tower in Banja Luka an. „Seid ihr in Kontakt mit dem amerikanischen Flugzeug auf euerem Vorfeld?“ „Nein.“ „Gebt ihm ein Lichtsignal, dann wird er euch rufen.“ „Was sollen wir ihm sagen?“ „Er soll auf Silver Eight gehen.“ Das war damals ein vereinbarter Frequenz-Code zur AWACS. Als nächstes rief ich die kroatische Flugsicherung an. „Wenn sich gleich ein Flugzeug bei Euch meldet, das keinen Flugplan hat, nehmt es an, ohne zu fragen und führt es über die Küste nach Sarajevo.“ Über AWACS hatte ich den Piloten Anweisung gegeben, auf dem kürzesten Weg serbischen Luftraum in Richtung Kroation zu verlassen und weiteren Anweisungen zu folgen.
Zwei Stunden später kam unser General zu mir ins Office. Sein Treffen mit dem serbischen Gastgeber war mit viel Sliwowitz harmonisch verlaufen. Von der Verhaftung hatte er noch nichts erfahren. Der Serbe hatte ihm sogar noch einen alten Vorderlader geschenkt. Zu mir sagte der General: „Grazie Andy per salvare la mia vita.“ Italienischer Sarkasmus eben, aber wer weiß …
Andreas Fecker
Danke, lieber Andy, für diese Geschichten aus einer (leider) inzwischen vergessenen / verdrängten Zeit, deren Auswirkungen wir heute noch erleben, nicht nur auf dem Balkan. Geschichten erleben und schreiben Menschen (wie Du, und auch ich), und all das wird irgendwann eingedampft zu Geschichte. Aber die Geschichten sind’s!