Leseprobe 45 – Schwarze Tage (3)

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Der Autor in einer amerikanischen Black Hawk – Foto: Archiv Fecker

1998/1999 wurde ich nach Bosnien geschickt, um in dem zerstörten Land eine sichere Nachkriegsstruktur für die Luftfahrt aufzubauen. Ich wohnte im SFOR Headquarter in Ilidža, einem Stadtteil von Sarajevo. Die SFOR bestand aus 40 Nationen, die insgesamt 30.000 Soldaten dafür abstellten. Bosnien betrieb vier Flughäfen, über die sowohl militärischer, als auch ziviler Verkehr abgewickelt wurde: Sarajevo, Mostar, Tuzla und Banja Luka. Die Herausforderung bestand darin, dass das sogenannte Department of Civil Aviation mit unterschiedlichen Ethnien bestallt war: Kroaten, Bosnier und Serben. Jede Ethnie stellte einen Generaldirektor. (Alle drei waren teils branchenfremd und ihrem Job nicht gewachsen.) Und weil die sich nicht grün waren, brauchte es einen Koordinator. Der Mann, der die Umstellung von einer Kriegswirtschaft auf geordnete zivile Verhältnisse organisieren sollte, war ich. Organisatorisch war ich Teil des Air Forward Teams, der wahrscheinlich kleinsten SFOR Einheit, die sogar einen (italienischen) Brigadegeneral an der Spitze hatte. Wir waren die einzigen zehn Luftwaffensoldaten im gesamten SFOR Kommando. Ich hatte zuvor von Deutschland aus für alle genannten Flughäfen mit einem internationalen Team von Verfahrensbearbeitern An- und Abflugverfahren für diese Flughäfen entwickelt. Daher fiel die Wahl für den Sarajevo-Einsatz auf mich.

Zeitgleich forderte die Internationale Luftfahrtorganisation ICAO, und mit ihr die Europäische Luftfahrtbehörde EUROCONTROL für alle Mitgliedsstaaten die Umstellung auf WGS-84, das globale Referenzsystem für die Positionsbestimmung auf der Erde, das als Grundlage für Satellitennavigationssysteme wie GPS dient. Alle wichtigen Punkte an allen Flughäfen und alle Navigationssysteme mussten vermessen werden. Ein französisches Vermessungsteam erledigte das für Mostar und Sarajevo, Engländer und Amerikaner für die anderen beiden Airports. Alle Daten landeten bei mir. Ich schickte sie weiter zu meiner ehemaligen Einheit NATO TERPS nach Kaufbeuren und nach Ramstein. Einem amerikanischen Sergeant fiel auf, dass etwas an den Koordinaten der Piste in Mostar nicht stimmen konnte: Die südliche Schwelle lag nördlich der nördlichen Schwelle. Ein Versehen des französischen Vermessers, der die Koordinaten in die Tabelle übertragen hatte. Ein Anruf bei mir hätte genügt, die Sache wäre dann in 10 Minuten bereinigt gewesen. Stattdessen ging der Sergeant zu seinem Kommandeur und sagte, „Wir haben falsche Koordinaten gekriegt. Ich habe das Vertrauen in die gesamte Vermessung und damit in die Anflugverfahren verloren.“ Der Kommandeur schloss sich mit dem NATO Headquarter in Brüssel kurz, alle 50 Anflugverfahren für ganz Bosnien wurden storniert. Es war Ende November, der Winter hatte schon eingesetzt, 30.000 Soldaten sollten zum Jahreswechsel ausgetauscht werden … und Bosnien war bei schlechtem Wetter bis auf weiteres nicht mehr anfliegbar.


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Am folgenden Tag traten mir 15 Generäle die Tür ein. Mein italienischer Vorgesetzter hatte just an diesem Tag ein Treffen mit seinem Verteidigungsminister zu einem Karrieregespräch. Das war offenbar nicht in seinem Sinne verlaufen, denn als er am Abend grußlos ins Office kam, knallte er die Türe hinter sich zu und warf sich in seinen Sessel. Er öffnete seine Email. Das Erste, was er las, war ein Auftrag aus Brüssel, sich um eine Neuvermessung des gesamten Landes zu kümmern. Man erwarte von ihm Vorschläge zur Finanzierung.  Die Tastatur seines Computers war der erste Gegenstand, der seine Wut zu spüren bekam. Die Keys spritzten durchs ganze Office, als er sie auf die Schreibtischkante schlug. Danach flog die unschuldige Maus in Fetzen. Ich versuchte, ihn zu beruhigen, sagte ihm, dass ich die Ursache kenne und die Sache in die Hand nehme und er sich nicht einmischen soll. Er brüllte mich eine halbe Stunde lang über seinen Mahagoni Generalsschreibtisch (1,50 m breit) an, dass mir die Augenlieder im Luftstrom flatterten. Erst als ich mit der flachen Hand auf den Tisch schlug und mit Tränen in den Augen zurückbrüllte, „ES REICHT! ICH MACHE DAS“, atmete er tief durch und fing sich wieder ein. Da ich italienisch spreche, brauchte er sich für seine Tirade nicht der englischen Sprache zu bedienen, was den Wortschwall wahrscheinlich gebremst hätte. Wir waren stets gut miteinander ausgekommen. Schließlich saß mir ein geknickter General gegenüber, der sich entschuldigte: „Oh Andy, das war eine Scheiß Mail an einem Scheiß Tag. Sie hat mir den Rest gegeben. Bitte entschuldige.“ Später erfuhr ich, dass ihm sein Minister mitgeteilt hatte, er würde nach seiner Rückkehr nach Italien nicht die Stelle bekommen, die ihm einst versprochen wurde. Wir hatten also beide einen schwarzen Tag.

Die Franzosen schickten ein Team, das die Daten von Mostar überprüfte, unser Ministerium schickte zwei Teams mit 16 Mann für den Rest des Landes. Mit den Flughäfen fingen wir an, danach machte das Team von MilGeo wirklich Nägel mit Köpfen. Sie wollten auf den höchsten Berg und an die tiefste Stelle, brachten stationäre GPS Empfänger, Strom-Aggregate und Biwak-Equipment mit, denn sie mussten im Schnee auf den Bergen übernachten. Ich hatte für den Transport zu sorgen, für Minenräumung und „Force Protection“. Die Verpflegung wurde von nahegelegenen SFOR-Einheiten übernommen. Die Vermessungsarbeiten dauerten über die ganze Weihnachtszeit. Ich selbst wurde kurz vor Weihnachten nach Brüssel bestellt.  Dazu schickte man mir eine amerikanische Regierungsmaschine (McDonnell Douglas C-9) aus Heidelberg. Über der Tür stand „United States Of America“. Ich war der einzige Passagier. Unterwegs von Sarajevo nach Brüssel kam der Captain zu mir und sagte: „Ich habe gerade die Nachricht erhalten, Brüssel hat den Termin für morgen abgesagt. Was sollen wir tun? Wollen Sie nach Sarajevo zurück?“ Ich fragte, wo wir sind. „Höhe Innsbruck.“ „Dann fliegen Sie nach Landsberg und laden mich dort ab. Sie brauchen auch nicht zu warten. Sie können dann nach Heidelberg weiterfliegen.“ In Landsberg lag Schnee, die Piste war geräumt. Natürlich hatte man von der unerwarteten Ankunft des amerikanischen Regierungsfliegers erfahren und eine hochgestellte Persönlichkeit erwartet. Alle Fluglotsen auf dem Tower hatten die Ferngläser vor den Augen. Der Aerodrome Officer begrüßte die Crew. Er hatte seinen Funk auf Außenlautsprecher gestellt. Da hörte ich: „Andy!! Was machst Du in dem Flieger?“ Ich kannte ihn an der Stimme. Es war Ekki, ein früherer Lehrerkollege. Ich winkte zum Tower und ließ mich zum Bahnhof fahren. Unvermittelt hatte ich die Möglichkeit, nach einem Dreivierteljahr mit 14-Stunden-Tagen in Bosnien nach Hause zu kommen und Weihnachten im Kreis der Familie zu verbringen. Den Vermessern in Bosnien konnte ich sowieso nicht weiter helfen, sie machten ihren Job. Irgendwann im Januar überreichte der SFOR Commander General Shinseki dem bosnischen Präsidenten Izetbegović einen Ordner mit allen wichtigen Geodaten seines Landes. Als ich an die ICAO den Vollzug meldete, sagte man mir, damit haben Sie der bosnischen Regierung mindestens eine Million Dollar erspart.

Ich bedanke mich ausdrücklich bei unseren GEO-Trupps für ihren kurzfristigen und schwierigen Wintereinsatz über die Weihnachtszeit. Toll, wenn man eine Bundeswehr hat, die für schwierige Aufgaben zu gebrauchen ist. Mehr dazu bald.

Andreas Fecker, Hptm a.D.

 

 

Eine Antwort zu “Leseprobe 45 – Schwarze Tage (3)”

  1. Udo sagt:

    Hallo Andy,
    wie spannend zu lesen. Du hast schon ein Stück Weltgeschichte erlebt und mitgestaltet!
    Beste Grüße
    Udo

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