Leseprobe 42 – Schwarze Tage (1)

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Liebe Leser
Ich hatte bisher ein aufregendes, spannendes und erfülltes Leben. Aber es gab auch schwarze Tage. Pechschwarze. Die Aufarbeitung geht leider nicht von einem Tag auf den anderen, sie dauert Jahre. Ich würde diese Kolumne trotzdem nicht dafür nutzen, hätte sie nicht mit meiner Arbeit als militärischer Fluglotse, als Soldat in Decimomannu, aber auch mit meiner altruistischen Einstellung und meinem Verantwortungsgefühl als Weltbürger und Gast in einem anderen Land zu tun. Meine Grundeinstellung ist aus meinem italienischen Roman „Storie di Sangue“, auf Deutsch „Der Hirte“, erkennbar. Aber im Zusammenhang mit dieser Arbeit gab es den einen oder anderen einen Event, den man nur verstehen kann, wenn man die verschiedenen Player kennt.

Der Schauplatz
Sardinien. Eine große italienische Insel im Mittelmeer, südlich von Korsika, nördlich von Sizilien.


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Thalassämie
Eine Krankheit, die in unserem Gastland Sardinien eine lebensbedrohliche Rolle spielt. Schon Kleinkinder brauchen 14-tägige Bluttransfusionen, da ihr Blut wegen eines genetischen Defekts kein Hämoglobin bilden kann. Passende Blutspender für 1500 Patienten in regelmäßigen Abständen in einem Land zu finden, wo im Sommer das Thermometer auf 40° Grad steigen kann, ist nicht gerade einfach. Das erfordert schon aufrüttelnde Maßnahmen. Mein Buch darüber in italienischer Sprache  ging viral.

Bundeswehr
Die Luftwaffe war auf Sardinien stationiert, um dort mit ihren Kampfflugzeugen Luft-Luft-Kämpfe und Luft-Boden-Einsätze zu trainieren. Nicht alle Sarden begrüßten diese ausländischen Militärpräsenz.

Der deutsche Kommandeur
Oberst Glowka war ein fürsorglicher Vorgesetzter, der weniger Befehl und Gehorsam walten ließ, sondern auftrags- und zielorientiert arbeitete. Er war freundlich, gerecht und tolerant. Er stand nicht hinter seinen Soldaten, sondern vor ihnen!

Silvio Berlusconi
Als er noch nicht Regierungschef von Italien war, gehörte er als drittreichster Italiener zur Finanzelite Italiens und gründete Fininvest, eine Mediengruppe, die im ganzen Land lokale Fernsehsender aufbaute. Er kaufte die Sender Italia Uno, Rete Quattro und Canale Cinque. In Frankreich gründete er Tele 5, in Spanien Tele Cinco. In Deutschland bemühte er sich gerade gegen alle bürokratischen Vorbehalte darum,Tele 5 aufzubauen.  In diese Zeit fiel die Geschichte, die ich heute erzähle.

Andreas Fecker
Mich selbst brauche ich hier nicht weiter vorzustellen. Man hängte mir in Decimomannu den Spitznamen „Special Effects Unlimited!“ an. Dazu später einmal mehr.

Die Big Band der Bundeswehr
1970 von Helmut Schmidt aufgestellt, fuhr die Big Band der Bundeswehr mit drei Sängerinnen tolle Erfolge ein. Ihr Einsatz unterstand 1988 der Steuerung des damaligen Verteidigungsministers Manfred Wörner.

Manfred Wörner
Der Minister sorgte persönlich dafür, dass mein Einsatz in Sardinien verlängert wurde. Er hat mich auch bei meiner Nebentätigkeit unterstützt. Seine Frau Elfie Wörner kümmerte sich mit dem damaligen Minister für Post und Telekommunikation um soziale Projekte, unter anderem auch für die Soldaten.

Christian Schwarz-Schilling war als Bundespostminister für Zulassungen; Genehmigungen und Funkfrequenzangelegenheiten zuständig für die Privatisierung des deutschen Fernsehens.

Nun hatte ich 1988 die Idee, der sardischen Blutspende-Lethargie Feuer unter dem Hintern zu machen.

Der Plan
1. Das Stadion von Cagliari zu mieten
2. Die Big Band der Bundeswehr für ein Benefizkonzert einzufliegen
3. Das „Jahrhundertspiel“ der WM 1970 in Mexiko Deutschland-Italien soweit möglich mit ehemaligen Spielern zu wiederholen, denn die entscheidenden Torschützen Gigi Riva und Gianni Rivera lebten beide in Cagliari.
4. Ich wollte Adriano Celentano live auftreten lasse. Er war damals bei Silvio Berlusconi unter Vertrag.
5. Mit Berlusconis Medienverlag wollte ich eine Benefiz-CD von dem Auftritt der Big Band zusammen mit Celentano herstellen lassen.

Die Umsetzung
Die Prominenten Abteilung des DFB von ehemaligen deutschen Fußballer unterstand einem Herrn Treimetten. Von dort erhielt ich schon mal eine lose Zusage. Dann traf ich mich mit Gigi Riva. Da bekam ich meinen ersten Korb. Er habe seiner Frau versprochen, nie wieder zu spielen.
Nun kam die härteste Nuss: Silvio Berlusconi. Ich begab mich in das Büro meines Kommandeurs, Oberst Glowka, weil er das einzige Telefon im deutschen Kommando hatte, mit dem man in das öffentliche Netz Italiens telefonieren konnte. Er war gerade nicht in seinem Büro. Das Gespräch war wichtig. Also setzte ich mich in seinen Sessel und rief Berlusconis Firma in Mailand an. Ich wurde weitervermittelt an seinen Generalsekretär Dario Rivolta. Ihm legte ich den ganzen Plan vor. Er erteilte mir ein nüchterne Abfuhr. „Wir spenden jährlich eine Million Dollar für die Krebsforschung. Das muss reichen.“ Ich wand ein, “Das können Sie nicht entscheiden. Verbinden Sie mich mit Herrn Berlusconi. Sie wollen in Deutschland Privatfernsehen machen und haben derzeit Schwierigkeiten, in Deutschland Frequenzen zu kriegen. Wenn Herr Berlusconi dem deutschen Verteidigungsminister einen Gefallen tut, könnte der Minister seinem Kollegen om Postministerium vielleicht ans Herz legen, ihm entgegenzukommen?“ Rivolta bürstete mich ab: „Wir sind schon einen Schritt weiter, wir brauchen Ihre Hilfe nicht.“

Während des Gesprächs war mein Kommandeur in sein Büro gekommen, sah mit Verwunderung, dass ich an seinem Schreibtisch saß und zog sich stillschweigend zurück. Als ich das Gespräch beendet hatte, taumelte ich aus dem Büro. Aschfahl. Mein ganzer großartiger Benefizplan war in sich zusammengefallen. Der Kommandeur legte den Arm um meine Schulter und sagte, „Herr Fecker, so habe ich sie noch nie erlebt!“ Kein Vorwurf. Nur Mitgefühl. So wünscht man sich Vorgesetzte.
Nächste Woche erzähle ich von einem Event, der geklappt hat, aber trotzdem für mich zu einem schwarzen Tag wurde. Er hat mit der Sechsten Flotte im Mittelmeer zu tun.
Andreas Fecker

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