Verdiente Persönlichkeiten und Egomanen
Einst benannte man einen Flughafen ganz einfach nach der Stadt, zu der er gehörte. Das war bei Städten wie Natchitoches in Louisiana (gesprochen: nakedesch) nicht immer ganz einfach. „Willkommen in Truth or Consequences“, einer Stadt in New Mexico, wird man heute nicht mehr oft hören, seit Delta Air Lines seine Verbindungen dorthin gestrichen hat. Der Name kommt von einer Quizshow, der Airport hat aber immerhin fünf Runways, auch wenn nur eine davon asphaltiert ist. Die Einwohner nennen ihre Stadt „T-or-C“. Fliegt man nach Maes Awyr Caerdydd im britischen Wales, wird man sich mit dem vereinfachten Namen Cardiff wohl leichter tun. Eine andere Stadt in Wales könnte für manchen Flugbegleiter ein guter Grund sein, sich vor dem Flug dorthin krank zu melden oder gleich bei einer anderen Airline anzuheuern: „Ladies and Gentlemen, wir sind soeben in Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch (gesprochen: Vergessen Sie es!) gelandet“. Das geht eben nicht so leicht von der Zunge. Gut dass man den Flughafen 11 km weit weg gebaut hat, nahe einem kleinen Dorf namens „Mona“.
Gerne ehrt man (meist posthum) wichtige Persönlichkeiten und macht ihre Namen spätestens jetzt überregional bekannt. Verdiente Luftfahrtpioniere wird man hier nur wenige finden. Die Gebrüder Wright mussten für einen Kleinflughafen in Dayton herhalten, Amelia Earhart wird mit einem kleinen Flugfeld in Kansas bedacht. Charles Lindbergh steht für den Flughafen von San Diego. Schließlich flog er von dort an die Ostküste, bevor er den Atlantik überquerte. Tegel war oder ist nach Otto Lilienthal benannt, was leider nur wenigen Enthusiasten bewusst ist. Für unsere Elly Beinhorn reichte es trotz all ihrer Leistungen nur zu einer Lounge am Flughafen Stuttgart, während man ihren australischen Zeitgenossen Kingsford Smith in Sydney mit einem Großflughafen ehrte. Der relativ unbekannte Marineflieger Edward „Butch“ O’Hare wurde in Chicago quasi unsterblich. Neil Armstrong war zwar Pilot und der erste Mensch auf dem Mond, er bekam aber gerade mal den nicht gerade bedeutenden Flughafen von Auglaize County in Ohio mit einer 1600-Meter-Piste, weil sein Geburtsort Wapakoneta in diesem Regierungsbezirk liegt. Dafür benannte man einen Krater auf dem Mond nach ihm, und der hat immerhin 4 Kilometer Durchmesser. Yuri Gagarin kam in seiner Geburtsstadt Orenburg zu Ehren, obwohl er nur 1 Stunde und 48 Minuten im Weltraum verbracht hatte. Aber er war immerhin der erste.
Galileo Galilei findet man auf dem Flughafen von Pisa, Kopernikus in Breslau, Cristofero Colombo natürlich in seinem Geburtsort Genua. Leonardo da Vinci wurde nicht in Rom geboren, sondern wie der Name schon sagt, in Vinci in der Toscana. Aber natürlich prägte er die Kultur Roms, weshalb man den römischen Flughafen Fiumicino nach ihm umbenannte. Epochale Kartografen wie Mercator, Mollweide oder Lambert sucht man vergeblich. Der Lambert-St. Louis-Airport ist nämlich nach dem Golfspieler Albert Bond Lambert benannt, der 1904 für die USA die olympische Silbermedaille gewann. Heute nennt man einen Zweitplatzierten in den USA schon mal einen Loser und wird ihn erst recht nicht mit einem Flughafen ehren. Cristiano Ronaldo wurde in Madeira vorerst unsterblich. Ganz schlecht sieht es für Dichter und Denker aus. Es gibt weder einen Goethe-, einen Kant-, noch einen Schiller-Flughafen in Deutschland, noch einen Aéroport de Victor-Hugo in Frankreich. Der Versuch, den Flughafen von Birmingham in Shakespeare-Airport umzutaufen, scheiterte wiederholt am Protest der Bevölkerung. Immerhin gibt es den Robin Hood Airport in Doncaster Sheffield. Und Ian Fleming, der geistige Vater von James Bond 007 wurde in Boscobel, Jamaica verewigt.
Auch Musiker haben es schwer. 25 Millionen Elvis-Fans pilgerten bereits nach Graceland bei Memphis, und trotzdem wird der Airport noch immer nicht nach Elvis Presley benannt, während John Lennon längst in Liverpool unsterblich ist. In Nashville will man keinen der vielen Country-Sänger verprellen, die regelmäßig in der Grand Ole Opry auftreten. Wolfgang Amadeus Mozart steht für Salzburg, Chopin für Warschau, Giuseppe Verdi für Parma, Louis Armstrong natürlich für New Orleans. Fehlanzeige für Namen wie Bach, Beethoven, Händel oder Vivaldi. Es gibt zwar einen Wagner Airport, aber der liegt in South Dakota und erinnert an einen Postmaster. Immerhin hat der tschechische Komponist Leos Janacek den Nestor der Psychoanalyse Sigmund Freud übertrumpft, als ein Name für den Ostrava International Airport gesucht wurde. Die Ukraine hatte für Sergey Prokovief den Flughafen von Donetsk ausgesucht.
Malern, Philosophen und Naturwissenschaftlern bleiben allenfalls Museen, Konzerthallen oder Straßennamen statt Flughäfen. Über Hollywood haben es John Wayne (Orange County, L.A.), Bob Hope (Burbank, L.A.) und Ronald Reagan (Washington D.C.) geschafft, letzterer wohl eher als Präsident. Airports sind halt offenbar Domäne regionaler Politiker. Statt Atlanta nach den Bürgermeistern Heartfield und Jackson zu benennen, hätte man vielleicht einen Martin Luther King bedenken können? Immerhin hat auch Stuttgart seinen Rommel-Airport nicht nach dem Wüstenfuchs benannt, sondern nach einem verdienstvollen Oberbürgermeister mit 22 Amtsjahren. Welche Fußstapfen haben die Senatoren Ebert Douglas (Charlotte), Pat McCarran (Las Vegas) oder Ted Stevens (Anchorage) in der Menschheitsgeschichte hinterlassen? In Ulan Bator landet man am Chinggis Khaan International Airport, in München bei Franz-Josef Strauss. Danzig erinnert an Lech Walesa. Papst Johannes Paul II. steht auf dem Willkommensschild in Ponta Delgada auf den Azoren.
Für Regierungschefs und Staatspräsidenten sind die Aussichten eben unterschiedlich. Aus Hamburg-Fuhlsbüttel wurde jüngst ein Helmut-Schmidt-Flughafen, Köln/Bonn ist nach Konrad Adenauer benannt, der BER nach Willy Brandt. Ob Düsseldorf jemals einen Johannes-Rau-Airport bekommt, ist derzeit noch fraglich. Vollkommen unter Wert widmen die niederländischen Antillen F. D. Roosevelt eine 1300-Meter-Piste, während Charles de Gaulle in Paris heute als Flughafen sicherlich bekannter ist als sein Namenspatron. In New York City hat es natürlich John F. Kennedy geschafft. Hier reicht sogar JFK, und man weiß, wo das ist. Es gibt auch zehn Johnson-Airports in den USA. Welcher davon nach dem ehemaligen Präsidenten benannt ist, mag jeder selbst herausfinden. George Bush (Senior) sonnt sich jedenfalls in Houston TX, Jimmy Carter auf einem Regionalflughafen in Americus GA, Abraham Lincoln in Springfield Illinois, Ronald Reagan, siehe oben. Bill & Hillary Clintons Namen schmücken den Airport von Little Rock, und das ist immerhin die Hauptstadt von Arkansas. Montreal ehrte Pierre-Elliott-Trudeau. In Sri Lanka gedenkt man der Regierungschefin Bandaranaike, in Bremen dem berühmten Sohn und Bürgermeister der Stadt Hans Koschnik.
Manchmal wendet sich auch das politische Blatt, wie zum Beispiel in Johannesburg, wo man den Namen des Apartheidpolitikers Jan Smuts durch Oliver Tambo ersetzte. Praia auf den Kapverden kam Kapstadt mit dem Nelson-Mandela-Airport zuvor. Diktatoren lesen gerne ihren Namen am Flughafen ihrer Hauptstadt, schon, weil sie sich denken können, dass er bald durch den Namen eines Putschgenerals ersetzt wird. Es gibt auch schon einen Hugo-Chavez-International-Airport, ausgerechnet in Haiti, dem ärmsten Staat in der Karibik. Falls jemand verdrängt hat, wer Chavez war: Er hat innerhalb von 15 Jahren Venezuela vom reichsten Land Südamerikas zum Armenhaus gemacht. Wenn das nicht Grund genug ist, einen Flughafen nach ihm zu benennen!
In Argentinien wurden zahlreiche Flughäfen nach Generälen benannt: Brigadier Antonio Parodi Airport, Brigadier General Bartolomé de la Colina, General Alvear, General Enrique Mosconi, General Justo José de Urquiza Airport, General Pico, Teniente General Benjamín Matienzo International oder General Roca Airport, um nur einige zu nennen. Die dazugehörigen Städte sind nicht Teil des Namens. Auch Ministri, Commandanti, Vicecommandanti und Coronelli sind verewigt. Das mag gut sein für das eponymische Ego der Namensgeber, aber es trägt nichts zur geografischen Orientierung bei.
Auszug aus „Flughäfen von oben„, Bildband von Andreas Fecker