Lagebesprechung im Operationscenter des Flughafens Elmas. Zwei Löschflugzeuge der deutschen Luftwaffe mit insgesamt vier Besatzungen waren eingetroffen. All diese Piloten, Navigatoren, Bordmechaniker, Brandbekämpfungsspezialisten und Ladungsmeister, zu denen nun auch noch zwei Besatzungen der italienischen G-222 stießen, füllten den muffigen Briefingraum der Operations-Zentrale. Franco Zappareddu und Domenico Manca traten als letzte ein.
”Gentlemen”, begann Frank Zappa in fließendem englisch, ”seit knapp einem Monat brennt es hier an allen Ecken und Enden. Seit vier Tagen weht ein kräftiger Maestrale, der alle Anstrengungen, Herr über das Feuer zu werden, zunichte gemacht hat. Mit dem Eintreffen des Maestrale kam noch ein Großbrand dazu, der sich immer noch ausweitet.”
Er trat an eine Karte von Sardinien, auf der 17 rote Punkte klebten. ”Prioritäten festzulegen, ist wegen der Interessenüberschneidung recht schwierig. Wir beschränken uns vorerst auf Fronten, wo Menschen, Dörfer oder Städte in Gefahr sind. Wenn Sie ihre Ladung abwerfen, achten Sie bitte auf die Heere der erdgebundenen Feuerwehrleute, die zu Fuß oder in Bulldozern ihre Arbeit verrichten müssen. Über die Wetterlage gibt Ihnen jetzt Domenico Manca Auskunft.”
Der Meteorologe stand auf und begrüßte die Besatzungen der Wasserbomber mit einem flüchtigen Kopfnicken. ”Ich erspare mir jetzt aus Zeitgründen Erklärungen über Frontensysteme, Lage von Hoch- und Tiefdruckgebieten, sondern gebe Ihnen nur das, was Sie für die nächsten vier Stunden brauchen. Der Maestrale ist etwas abgeflaut. Spätestens übermorgen ist der Windzauber vorbei. Noch haben wir jedoch Winde aus Nordwest, die allmählich schwächer werdend aus Nord bis Nordost kommen.”
”Danke, Domenico.” Zappareddu war wieder vor die Besatzungen getreten. ”Gentlemen, sicher haben Sie alle ihre Erfahrungen in der Brandbekämpfung aus der Luft. Trotzdem möchte ich Ihnen einige wesentliche Faktoren ins Gedächtnis zurückrufen.
In unmittelbarer Nähe der Brände müssen Sie mit heftigen Luftströmungen aus allen Richtungen rechnen. Dazu werden vertikale Strömungen kommen: Über dem Feuer nach oben, davor und dahinter nach unten! Schnallen Sie sich gut fest, Sie werden ganz schön gebeutelt werden. Ihr Luftdruckhöhenmesser wird verrücktspielen. Vertrauen Sie nicht auf ihn. Wenn Sie einen Radarhöhenmesser haben, fliegen Sie besser nur mit diesem. Sie werden Verwirbelungen und Turbulenzen durchfliegen, die Ihren Job zur Hölle machen. Wenn Sie schließlich den Rauch durchfliegen, rechnen Sie mit zwanzig Prozent Leistungsverlust Ihrer Turbinen wegen Mangels an Sauerstoff. In den jeweiligen Brandherden entstehen Temperaturen zwischen 650 und 1.000 Grad Celsius. Wenn sie also zu hoch anfliegen, verdampft das Löschwasser, bevor es am Boden ist. Fliegen sie zu tief, wird der Rauch zu lange Ihre Sicht behindern. Meine Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit, Ihren Einsatz und wünsche Ihnen Hals- und Beinbruch.”
——
Oberstleutnant Stein drückte auf den Mikrophonknopf:
”Franz, fünf Grad nach links, und du kommst genau zwischen den beiden Ortschaften raus. Die Bergkuppe ist dann links von dir. Höchster Punkt 2.600 Fuß.”
”Siggi, wehe das stimmt nicht. Mir steckt noch der Schreck von vorhin in den Knochen.”
”Selbst schuld. Du hast darauf verzichtet, erst einmal ringsherum zu fliegen.”
”Diesmal wird das nicht passieren. Wie hoch ist der höchste Berg im Umkreis von zehn Meilen?”
”3.655 Fuß. Bearing 045°, 9 Nautische Meilen.”
”Der soll uns nicht stören. Jetzt fliegen wir erst einmal um das Feuer herum und schauen uns die Sauerei an.”
Der Kommandant der deutschen Transall flog knapp an der rechts unter ihm liegenden Ortschaft vorbei, die von dem näher rückenden Waldbrand bedroht wurde, und steuerte die Maschine in einer leichten Rechtskurve um die Feuerfront herum. Er vergewisserte sich aus sicherer Höhe, dass hinter den zum Himmel stürmenden Rauchwolken nicht wieder ein Berg stand, wie bei dem Flug zuvor. Nun lenkte der Pilot den Wasserbomber in die Gegenanfluggerade, während der Kopilot den Punkt für den Abwurf der Wasserladung fixierte und prüfte, ob nicht irgendwelche Menschen in der Nähe waren. Die Crew hatte von einer Vorführung auf dem kanadischen Flughafen Abbotsford gehört, wo eine Wasserladung bei ungünstigem Wind am Flugplatzrand abgeworfen wurde. Zehn Tonnen Wasser landeten auf dem Parkplatz des flugplatzeigenen Einkaufszentrums. 56 Autos waren zertrümmert, einem Passanten wurden die Knochen im Leib zerbrochen!
Nach knapp zwei Meilen kippte Major Franz Lebeck die Maschine erneut über die rechte Tragfläche ab, um das Feuer nun im Tiefflug zu durchfliegen. ”Auf geht’s Jungs!” flachste er, und zwang sich zur Ruhe. Die Brandbekämpfung aus der Luft konnte fast zur Manie werden. Die Piloten neigten dazu, das Feuer um jeden Preis löschen zu wollen. Dieser Ehrgeiz war gefährlich. Viel lieber hätte der Kapitän vielleicht ”Banzai!” gebrüllt und hätte sich mit dem Bomber in die Flammen gestürzt, wie einst die japanischen Kamikazeflieger. Statt dessen war hier Selbstbeherrschung und professionelles Können gefordert. Das Verfahren war schon gefährlich genug.
Major Lebeck verringerte die Geschwindigkeit auf 140 Knoten. Er ließ die Maschine auf 30 Meter absinken.
”Klappen 10 Grad”, befahl er. Sein Kopilot stellte den Hebel für die Flügelklappen in die entsprechende Position. Mit 200 km/h rasten sie in dieser gerade noch vertretbaren Höhe auf das Feuer zu. Erste Rauchschwaden glitten über die Windschutzscheibe. Im Cockpit machte sich Brandgeruch bemerkbar. Jetzt waren die Scheiben vollkommen mit Rauch bedeckt.
”Wasser Marsch!” schrie der Käpten und zog die Maschine auf einen Nickwinkel von 17 Grad. Gleichzeitig öffnete der Ladungsmeister die Schleusen. In dreieinhalb Sekunden entleerten sich 12.000 Liter Löschmasse in die Flammen. Der Kopilot drehte wie wild am Trimmrad, um das durch die plötzliche Gewichtsverlagerung kopflastig gewordene Flugzeug in Bodennähe am Fliegen zu halten. Der Kommandant schob die Gase nach und zog die Transall sanft nach oben. Darauf kurvte er wieder zurück, um den Löscherfolg zu begutachten.
”Volltreffer” konstatierte Oberstleutnant Stein.
”Zurück nach Elmas”, befahl Major Franz Lebeck. Er versuchte dies in einem sachlichen Tonfall auszusprechen, aber jeder spürte die Erleichterung in seiner Stimme. Alle atmeten irgendwie auf. Denn was vorhin passiert war, im Flug zuvor, würden sie ein Leben lang nicht vergessen.
Die Crew war, ohne vorher einmal die Feuersbrunst zu runden, direkt auf den Wald zugeflogen, der zwischen zwei Bergen brannte. Im letzten Augenblick hatten sie erkannt, dass unten Menschen mit Feuerpatschen arbeiteten. Sie hatten folglich darauf verzichtet, ihr Wasser abzuladen. Im Tiefstflug durchflogen Sie die Rauchwolke. Die Turbinentemperatur erhöhte sich um 20 Grad, die Leistung der Triebwerke sank. Gleichzeitig wurde der beißende Rauchgeruch im Cockpit spürbar. Erst als die Rauchschwaden auf der Rückseite des Feuers wieder die Sicht aus der Kanzel freigaben, erkannten sie, dass sie in ein Tal eingeflogen waren, dessen hinterer Ausgang durch einen Berg versperrt war. Der Pilot gab Vollgas und riss die Steuersäule nach hinten. Die Transall reagierte träge. Abwinde und Turbulenzen zerrten an dem schweren Flugzeug, das seine 12 Tonnen Löschladung immer noch an Bord hatte.
”Werfen wir das Wasser ab!” rief der Kopilot, der anders keine Chance mehr sah, Höhe zu gewinnen.
”Nein! Wir können die Gewichtsverlagerung in diesem ansteigenden Gelände nicht schnell genug ausgleichen!”
Beide Piloten zogen um ihr Leben.
”Wassermethanol!” befahl der Kapitän. Dieses Wassermethanol, das sie in geringen Mengen mit sich führten wurde in die Triebwerke eingespritzt, um die einströmende Luft zu kühlen und den Schub zu erhöhen.
”Klappen 30 Grad!”
”Ich will hier nicht verrecken!” schrie der Bordmechaniker in Todesangst. Der Rest der Crew hoffte und betete im Stillen. Der Berg kam näher und schien gleichzeitig immer größer zu werden.
”Komm, Baby, wir schaffen das schon, wir schaffen das!”
Das Flugzeug begann trotz dieser zusprechenden Worte zu vibrieren, erste Anzeichen eines Strömungsabrisses.
”Komm, Baby, wir sind fast drüber, wir schaffen das!”
Das Rütteln an der Maschine wurde immer heftiger. Die Motoren liefen auf Höchstleistung. Elftausend PS kämpften gegen den drohenden Strömungsabriss.
”Komm, Baby, noch 20 Meter, noch 10 …”
”Pass auf!” schrie der Kopilot. Der Käpten hatte den versteckt zwischen den Bäumen emporragenden Felskamin gesehen und zog sachte die linke Flügelspitze darüber hinweg.
”Noch fünf Meter!”
Am Bauch der Maschine wischte eine Baumkrone entlang.
”Wir schaffen es nicht! Es ist aus!”
”Doch …” – Und dann waren sie über den Berg. Blauer Himmel breitete sich vor den Cockpitscheiben aus, statt wie zuvor grüne Bäume, die in etwa 10 Minuten auch ein Raub der Flammen würden.
Nein, diesen Flug würde keiner mehr vergessen. Auf dem Rückweg nach Elmas luden sie ihre Ladung noch über einem kleineren Feuer ab, um nicht mit der schweren Maschine landen zu müssen. Und nachdem diesmal alles gut ging, waren der Zuversicht keine Grenzen mehr gesetzt.
Nach dem Aufsetzen in Elmas drückte Oberstleutnant Stein seine Stoppuhr. Sie rollten zum Auffüllplatz, saugten sich wieder mit Löschmittel voll und rollten zum Start. Als die Transall ihre Räder einzog, las der Navigator die Stoppuhr ab:
”Sieben Minuten und drei Sekunden. Nicht schlecht.”
Auszug aus Andreas Fecker „Der Hirte„
