”Es gibt kein Blut, Signor Pusceddu, wir können für Raffaela nichts tun. Wir warten auf eine Lieferung aus Ravenna, aber die kommt wegen des Streiks nicht an.”
Dr. Cadeddu vom Krankenhaus Nuoro wusste nicht, wie oft er dies in der vergangenen Woche den verzweifelten Müttern thalassämischer Kinder schon sagen musste.
”Moment, Moment. Ich kann das nicht mehr akzeptieren. In Sardinien leben eineinhalb Millionen Menschen. In den Adern dieser eineinhalb Millionen Sarden fließt Blut. Was tun Sie, um diese Leute zum Blutspenden zu bewegen?”
Der Hirte spürte, dass er jetzt die Gelegenheit hatte, seinen Kampf zu beginnen. Mochten doch die Fetzen fliegen. Hier hatte er einen Vertreter der ‘anderen Seite’ vor sich, einen, den er für den Tod Antonios mit zur Rechenschaft ziehen konnte. Er würde ihn in die Ecke treiben, bis er wie ein geprügelter Hund winseln, und zugeben würde, dass er unfähig sei, ein Transfusionszentrum zu leiten.
”Signor Pusceddu”, begann der Primario sachlich, ”dass die Blutspendemoral der Sarden äußerst bescheiden ist, ist allgemein bekannt. Nachdem Sie jedoch Zahlen ins Spiel bringen, erlauben Sie mir, diese zu korrigieren:
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren dürfen kein Blut spenden. Damit fallen schon einmal 350.000 Bürger aus. Ungefähr 180.000 sind über 65 und dürfen ebenfalls nicht spenden. Die Zahl, von der wir ausgehen müssen, beträgt also nicht eineinhalb Millionen, sondern 970.000. Diese Zahl schrumpft weiter, wenn ich alle Kranken, Genesenden, schwangere Frauen, Mütter bis ein Jahr nach der Entbindung, Menschen mit Untergewicht oder niederem Blutdruck, Magenleiden, Hautkrankheiten und Allergien abziehe. Wer jemals eine Gelbsucht hatte, darf nie wieder Blut spenden. Wir kommen auf maximal 500.000 mögliche Blutspender. Merken Sie etwas? Ihre Zahl wird kleiner.”
Dr. Cadeddu fühlte sehr wohl die Aggression seines Gegenüber. Indem er nun eine Pause machte, stellte er dem Hirten eine Falle. 500.000 war nämlich immer noch eine stattliche Zahl. Sebastiano Pusceddu tappte auch prompt hinein:
”Na und? 1.500 Thalassämiker auf 500.000 Blutspender, da kommen auf jeden Patienten, lassen Sie mich nachrechnen …”
”333 Spender.”
”Und wo sind die?”
”Langsam, langsam. Zum Schutz der Gesundheit der Spender darf ein jeder frühestens nach 3 Monaten wieder Blut abgeben. Wenn er nun nicht säumig ist, und auf den Tag genau den nächstmöglichen Termin einhält, kann er maximal viermal im Jahr spenden. Es stünden demnach bestenfalls 80 Menschen gleichzeitig für jeden Empfänger zur Verfügung. Ab sofort rechnen wir mit einem Dreimonats-Zeitraum weiter.
Gehen wir davon aus, dass unser Patient alle 14 Tage seine Transfusion erhalten soll, dann kommen auf jeden 6,42 Blutspender. Sie sehen, ich habe diese Rechnungen schon früher angestellt, darum habe ich diese Zahlen parat. Und Sie sehen, wie Ihre Zahl von eineinhalb Millionen geschrumpft ist, nicht wahr?”
”Allerdings. Ihr Ärzte seid Zauberkünstler, Zahlenakrobaten, Rechenmeister”, ereiferte sich Pusceddu. ”Ihr solltet arbeiten, statt zu rechnen. Und was macht Ihr? Ihr sitzt da und zählt euer Geld und rechnet den Patienten vor, dass Ihr nichts tun könnt. Das ist doch alles nichts als graue Theorie! In der Praxis sieht das doch ganz anders aus!”
Nun war es vorbei mit Dr. Cadeddus Selbstbeherrschung. Er sprang auf und stemmte die geballten Fäuste in die Hüften.
”Ja, zum Teufel, Sie haben recht. Die Praxis sieht ganz anders aus: Von den errechneten 6 Personen, die theoretisch Blut spenden könnten, hat nämlich die Hälfte keine Lust dazu. Bleiben drei. Der Vierte lebt irgendwo in einer der 550 Gemeinden Sardiniens, in einem Bergdorf vielleicht, und hat noch nie etwas von Blutspenden gehört. Der Fünfte ist in Urlaub, und der Sechste, das ist der, der zu uns kommt, hat am Abend davor ein halbes Ferkel verspeist und noch zwei Promille Grappa im Blut. Diese Blutspende kann ich danach wegschmeißen. So sieht’s aus. Im Sommer zumindest. Was ist von Ihrer Million übriggeblieben? Nichts. Nicht der Dreck unter dem Fingernagel. Dabei brauche ich für jeden Thalassämiker pro Transfusion das Blut von drei oder vier Spendern. Und das meist von seltenen Blutgruppen!
Und wissen Sie, was ich Ihnen auch mal sagen muss? Ihr Thalassämiker meint immer, Ihr seid die einzigen, die Blut brauchen. Aber außer euch gibt es noch andere: Da sind Unfallopfer zu versorgen, Leukämiker, Faviker, und wir brauchen enorm viel von diesem Stoff für Operationen. Gott sei Dank ist diese Rechnung sehr theoretisch und unterscheidet sich regional. Wenn wir in Nuoro kein Blut haben, hilft uns vielleicht Sassari oder Cagliari. Und wenn Tempio in der Klemme steckt, habe ich vielleicht mal was über.
Dann wiederum gibt es die enormen Einbrüche in der Zeit um Weihnachten und Neujahr, an Ostern, in den Sommermonaten um den 15. August. Besonders schlimm ist es, wenn im Sommer das Thermometer auf die 40 Grad zugeht. Dann hat jeder Angst, Blut zu spenden. Oder im Winter, wenn wir in den Bergen Schnee und Glatteis haben. Wer will dann, ausgerechnet dann, nach Nuoro fahren, um Blut zu spenden? Wer will sich auf vereisten Straßen in Gefahr begeben, mit dem Wagen in einen Abgrund zu stürzen?
Das ist ja die Schizophrenie bei uns Menschen: Wir sind zu bequem, selbst etwas für andere zu tun. Und plötzlich trifft uns das Unglück, und wir erwarten ganz selbstverständlich, dass Andere uns helfen. Wozu Kraftwerke bauen, der Strom kommt doch aus der Steckdose. Wozu Blut spenden, Blut gibt es doch im Krankenhaus! Wenn das nicht so ist, entrüsten wir uns. Blutspenden ist erste Bürgerpflicht! Denn dieses Blut, das man vielleicht für jemand anderes gespendet hat, könnte einem selbst auch ganz unvermutet das Leben retten.”
Dr. Cadeddu war aufgeregt im Zimmer auf und abgegangen. ”Was ist? Hat es Ihnen die Sprache verschlagen, Signor Pusceddu?”
Sebastiano versuchte zu sprechen, brachte jedoch nur ein ächzendes ”Allerdings” heraus. Stumm blickte er aus dem Fenster. Dr. Cadeddu setzte sich wieder ihm gegenüber und rückte seinen Stuhl an den Tisch. Etwas versöhnlicher fuhr er fort:
”Von den eingehenden Blutspenden können wir, wie ich vorhin an einem krassen Beispiel erwähnt habe, leider nicht alle verwenden. Hat der Spender im Fragebogen die Frage nach Beziehungen zu Homosexuellen oder Prostituierten ehrlicherweise mit ‘JA’ beantwortet, werden wir dieses Blut nicht verwenden. Sie wollen doch auch nicht, dass Ihre kleine Schwester mittels einer Transfusion Hepatitis oder AIDS bekommt.
Wir kaufen jährlich für Milliarden Lire Blut vom Festland. Das kommt aus Turin, Ravenna oder Mailand. Leider – eigentlich ist es ein Skandal – schicken die die Beutel nicht nach unserem Bedarf an Blutgruppen, sondern was eben in Norditalien gerade anfällt. Während nämlich die Mehrheit unserer *Cooley-Patienten die Blutgruppe ‘0’ hat, genauer ‘0-CCDee negativ’, hat der nationale Durchschnitt ‘A positiv’. Einen Großteil des Blutes, das wir vom Festland bekommen, müssen wir zwar bezahlen, können es aber nicht verwenden. Der absolute Hammer ist: All dieses Blut, das wir für teures Geld aus dem Piemonte beziehen, ist ein Abfallprodukt der Plasmagewinnung! Früher wanderte das auf den Müll, jetzt hat man Sardinien als Markt entdeckt. Das ist nicht nur bei uns so, sondern auch in Sizilien, in Griechenland, in der Türkei, im gesamten Mittelmeerraum. Blut, das ist ein Milliardenmarkt!
Aber wenn es dann darauf ankommt, im Winter zum Beispiel, starten in Turin, in Mailand, in Bologna die Flugzeuge nicht wegen Nebels, wegen katastrophalen Schneeverhältnissen, oder ganz einfach – wegen Streiks. Und unsere Konserven stehen am Flughafen und verrecken. Meinen Sie, das lässt mich kalt?”
”Es sieht nicht so aus”, antwortete Pusceddu betroffen.
”Es geht noch weiter”, fuhr Dr. Cadeddu fort. ”Zu den hundert eigenen Cooley-Patienten habe ich noch zwanzig vom Krankenhaus Sulenai. Die haben dort zwar ein eigenes fix und fertig eingerichtetes Transfusionszentrum, was jedoch keine Cooley-Patienten versorgt, weil der Primario seine Privatpatienten den Kassenpatienten vorzieht. Der hat einfach keine Zeit und kein Interesse an den Thalassämikern.”
”Höre ich richtig? Er hat keine Z e i t? Kein I n t e r e s s e?” fragte Sebastiano bestürzt.
”Warum sollte er? Er verdient als Primario etwa dreitausend Euro im Monat. Er darf im Krankenhaus Privatpatienten behandeln und so bis zur Höhe seines staatlichen Gehaltes dazuverdienen. Wenn er allerdings auch noch eine private Praxis in seinem Haus hat, kann er pro Monat 30.000 machen und noch mehr. Das ist natürlich kein Vergleich. Daher muss er daran interessiert sein, dass sein Krankenhaus nicht richtig funktioniert! Die Patienten kommen dann freiwillig in seine Privatpraxis. – Nun ja, mehr oder weniger freiwillig.”
”Das ist doch nicht wahr!” rief der Hirte.
”Doch, zum Teufel! Zur Rede gestellt, sagt er dann, ‘Im Krankenhaus habe ich nicht das Personal, das ich brauche. Ich habe nicht die Apparaturen, die ich benötige. Ich muss das in meiner Praxis alles selbst bezahlen.’ Aber – hat er jemals eine Eingabe um das Personal und die Apparaturen gemacht? Hat er seine Forderungen mit Nachdruck unterstrichen und begründet? Oder hat er Alibi-Anträge losgelassen, die abzulehnen jedem Bürokraten ein gefundenes Fressen waren?”
”Und das muss man hinnehmen?” Pusceddu verstand die Welt nicht mehr.
”Ich mache das zwar nicht”, antwortete Dr. Cadeddu, ”aber ich kann den Mann verstehen. Wer 10, 11, 12 Jahre studiert und dabei keine müde Lira verdient hat, wer so viel Verantwortung trägt, soll auch entsprechend entlohnt werden. Das Beispiel Sulenai ist gängige Praxis in vielen Ländern, wo Ärzte vergleichsweise schlecht bezahlt werden. Ein Primario in der Schweiz verdient jährlich ca. 400.000 Franken, in Deutschland etwa den gleichen Betrag in D‑Mark und in den USA gar bis zu 800.000 Dollar. Wenn unsere Ärzte nicht die Möglichkeit des Zuverdienstes hätten, sie würden reihenweise auswandern.”
”Einverstanden. Aber es kann doch nicht angehen, dass man einen Arzt mit solchen Ambitionen mit der Leitung – Verzeihung – mit der Sabotage eines öffentlichen Krankenhauses betraut! Warum verdienen denn Sie nichts hinzu?”
”Bei mir liegt der Fall genau umgekehrt. Ich bin im Krankenhaus derart eingespannt, dass ich für Privatpatienten keine Zeit habe.”
”Hm, wenn ich aufrichtig bin, tut mir das schon fast etwas leid. Zurück zum Blut. Haben Sie keine Lösungsmöglichkeiten, die Engpässe zu beseitigen?”
”Oh ja, aber keine angenehme. Ich zwinge die Eltern dazu mir Blutspender zu bringen. Vier Personen pro Kind, egal welche Blutgruppe.”
”Aber das müssen doch alle 14 Tage wieder andere sein!”
”Stimmt. Drei Monate lang alle 14 Tage, jeweils vier andere. Macht 36 im Vierteljahr.”
”Woher soll ich 36 gesunde Menschen kriegen, die zwischen 18 und 65 Jahre alt sind, und meiner Raffaela vier Mal im Jahr Blut spenden? Das ist ein unmenschliches System!”
”Sprachen nicht Sie vorhin von eineinhalb Millionen Sarden, die auf dieser Insel leben? Sehen Sie jetzt, wie die Verhältnisse richtig liegen? Ich gehe sogar so weit, dass ich sage, keine vier Spender, keine Transfusion.”
”Doktor, vorhin noch begannen Sie mir sympathisch zu werden. Aber das ist ja nun der Gipfel. So redet doch kein Arzt, dessen Aufgabe es ist …”
”… alles Menschenmögliche für seine Patienten zu tun, wollten Sie sagen, nicht wahr? Stimmt. Zum Henker mit diesem beschissenen Beruf. Ich habe mir das alles ganz anders vorgestellt, als ich beschloss, Medizin zu studieren. Ich wollte Arzt werden, der anderen Menschen hilft und ihnen Erleichterung verschafft. Stattdessen bin ich ein Schwein! Wenn ich in den Spiegel schaue, kommt mir das Kotzen! Wenn ich den Eltern nicht die Daumenschrauben anlege, würden mir die Kinder wegsterben.
Ja, das System ist unmenschlich. Aber anders kann ich in Sardinien niemand zum Blutspenden bewegen. Wenn Sie einen besseren Weg wissen, sagen Sie es mir. Bis dann nennen Sie mich meinetwegen ein Schwein, schreien Sie es mir ins Gesicht, wenn Ihnen das gut tut, aber bringen sie mir um Gottes Willen so viele Blutspender, wie Sie nur auftreiben können!”
Dr. Cadeddu saß da, die Ellbogen auf den Tisch gestützt und das Gesicht in den Händen vergraben. Jetzt erst fielen Sebastiano die grauen Haare auf dem Haupt des Arztes auf. Der Hirte ergriff ein Handgelenk des Primarios, zog es von dessen Gesicht weg und hielt die Hand fest.
”Doktor, Sie sind ein guter Mensch, das weiß ich jetzt. Als ich heute hierherkam, wollte ich Sie noch vierteilen, aber Sie haben mich überzeugt.”
Dr. Cadeddu wechselte das Thema: ”Sind Sie Mitglied der Elternvereinigung?”
”Inzwischen ja.”
”Nun, ich hatte zwar gehofft, dass Sie ein härterer Brocken sind, mit mehr Einwänden, nicht so leicht zu überzeugen. Nicht zu sentimental, zu weich. Der Vorsitzende der Elternvereinigung tritt nächsten Monat zurück. Ich sehe, dass Sie Mut haben, Sie könnten sein Nachfolger werden. Die Vereinigung braucht wieder einen Kämpfer, einen starken Mann. Hätten Sie Interesse?”
Bestürzt schwieg der Hirte, um das eben Gesagte begreifen zu können. Dann sagte er leise, mit belegter Stimme:
”Dr. Cadeddu, ich bin ein Hirte mit einem einfachen Geist. Aber glauben Sie nicht, ich wäre dumm oder einfältig. Ich lebe naturverbunden, einsam und habe viel Zeit zum Nachdenken. Ich bin direkt, verworrene Gedankenspiele hasse ich. Ich weiß, wann ein Mensch die Wahrheit spricht, und wann nicht. Ich weiß, ob ein Mensch gut ist oder böse.
Ich habe vorhin erkannt, dass Sie die Wahrheit sagten, und dass Sie gut sind. Darum habe ich Vertrauen zu Ihnen gefasst. Mit Ihnen könnte ich zusammenarbeiten. Ob ich aber der richtige Mann für den Vorsitz bin, weiß ich nicht, aber Interesse habe ich, ja.”
”Sie sind es”, bekräftigte der Arzt.
”Beantworten sie mir noch eine Frage, Herr Doktor: Spenden Sie selbst auch Blut?”
”Auf den Tag genau alle drei Monate.”
”Ich wusste es”, nickte der Hirte und verabschiedete sich. Aber dass sich Dr. Cadeddu erst heute Morgen Blut abgenommen hatte, das wusste Sebastiano Pusceddu nicht. Er hatte es getan, um einer verzweifelten Mutter zu helfen, deren Kind sonst bald sterben würde. Schon das zweite Mal in diesem Monat …
Auszug aus dem Roman „Der Hirte“ von Andreas Fecker
*Morbus Cooley = Thalassämie
(1 Million Lire waren 1994 1.000 DM)
Lieber Andy, es ist ein Genuss zu lesen! Immer höchst informativ alles und Deine Art zu schreiben ist total mitreissend und einfach genial! LG