Dieser Roman schildert den Kampf gegen Haß, Vorurteile und Bürokratie in Sardinien. Er erschien 1988, zuerst gedruckt in italienischer Sprache unter dem Titel „Storie di Sangue“, später auch auf deutsch als Kindle Buch unter dem Titel „Der Hirte“. Im Klappentext hat der Lektor die Handlung zusammengefasst:
Die zentrale Figur des Romans, der Hirte Sebastiano Pusceddu, lebt in einem Ort Zentralsardiniens. Er hat seinen kleinen Bruder nach einer mißlungenen Knochenmarktransplantation verloren. Er beginnt, sich mit Leidenschaft und Furore in dem Kampf gegen diese Krankheit zu engagieren. Er kommt mit der harten Realität der Desinformation, dem dramatischen, stets wiederkehrenden Blutmangel auf Sardinien und der Korruption im Gesundheitswesens in Berührung.
Doch das Blut, von dem hier die Rede ist, ist auch das der Gewalt, die in das Leben des Hirten einbricht. Sie prägt die Beziehungen zu seinen Mitmenschen: Das Leben auf dem Hirtenhof, die Rivalität zwischen jungen Männern, und die zärtliche Liebe einer starken Frau, die zu ihrem Mann hält, als ihn alle verlassen haben..
Die Handlung gibt mir die Gelegenheit, verschiedene aktuelle Probleme zu streifen: Das karge Hirtenleben, die schreckliche Plage der Waldbrände, der Codex der Barbagia, die ausländische Militärpräsenz auf Sardinien.
Die Botschaft des Buches: Zarte Liebe siegt über blinden Haß, die Bundeswehr findet sich in einer friedlichen, internationalen Rolle.
Erzählende Elemente, Action und Denkanstöße bauen sich auf zu einem drängenden Rhythmus und erzeugen eine Spannung, die sich des Lesers bemächtigt und ihn bis zum Finale des Buches in seinen Bann zieht. Das Buch ist, außer einer Huldigung und einem Akt der Liebe für Sardinien, gleichzeitig eine Anklage und eine Hilfe für den Kampf gegen die Mittelmeeranämie. Ein Kritiker schrieb: „Pochend und kostbar wie ein kleiner Tropfen Blut.“
Als er am frühen Nachmittag mit seiner Herde auf San Giovanni ankam, atmete Sebastiano tief durch. Er war wieder in seinem Paradies. Das Tal war auf drei Seiten von Bergen umgeben, deren Hänge bis auf ein schmales Felsband an der Südseite bewaldet waren. Diese Wälder waren voller Leben. Wildschweine, Vögel, sogar Mufflons hatte er schon beobachtet. Das Gras auf der Talsohle stand, von den heißen Sommermonaten abgesehen, im Saft, und vom Berg herab sprudelte eine kühle Quelle. Diese Idylle wollte er gegen nichts auf der Welt eintauschen. Er konnte sich seinen Tag selbst einteilen, er konnte seiner Poesie nachgehen und sich sein eigenes Weltbild machen.
Wie die meisten Hirten hörte er viel Radio. Er kannte jeden Nachrichtensprecher, jeden Kommentator, jeden Politiker mit Namen. Er konnte fast jeden Schlager von der ersten bis zur letzten Strophe auswendig singen, er wusste sogar die Namen der Interpreten und das Erscheinungsjahr. Sein Liedgut reichte von Adriano Celentano bis zu Giuseppe Rubanu, einem einheimischen Folkloresänger. Wann immer ein Hirte eine Zeitung ergattern konnte, saugte er den Inhalt in sich auf. Hirten – eigenbrötlerische Analphabeten? Mitnichten. Sie gehörten zu den bestinformierten Menschen des Landes.
Kaum hatte er die Tür zu seinem Ovile aufgeschlossen, hörte Sebastiano Motorengeräusch, das in dem Tal widerhallte. Da der Weg bei seinem Hirtenhof endete, wusste er stets frühzeitig, dass er Besuch bekam. Neugierig blieb er unter der Tür stehen, bis er den Renault 5 von Maria Grazia erkannte. Sie winkte aus dem offenen Fenster.
”Ciao Bastiano”, grüßte sie ihn und zog die Handbremse an.
”Ciao Mariedda.”
”Also hier hast du dein Reich. Ich habe mir den Weg von dem alten Giuseppe beschreiben lassen. Trotzdem hätte ich es fast nicht gefunden. Das ist ja herrlich hier, wie im Paradies.”
”Das stimmt wirklich. Nachdem ich jetzt drei Wochen lang nicht mehr hier war, habe ich gerade eben selbst wieder gestaunt. Man muss wohl in die Stadt gehen, um zu erkennen, was einem fehlt.”
”Wann verloben wir uns?” fragte sie ganz unvermittelt.
Überrascht blickte Sebastiano sie an. ”Ich denke, dass wir das gestern Abend getan haben!”
”Ja, wir beide. Aber Mama besteht auf einer offiziellen Verlobung. Du kommst zu ihr und bittest sie, mich heiraten zu dürfen. Dann fragt sie mich, ob ich will, und ich sage natürlich ‘ja’, und dann sagt sie ‘du darfst’ oder so etwas. Und dann versprechen wir einander, uns zu heiraten. Du weißt doch wie alte Leute sind. Sie möchten das eben, und uns tut’s doch überhaupt nicht weh. Ich finde das übrigens auch schön. Heute Abend? Vor dem Abendessen?”
Sebastiano zögerte nur einen Augenblick bevor er einwilligte. Aber dieser Augenblick genügte ihr um zu fühlen, dass etwas nicht in Ordnung war.
”Was ist los, Sebastiano? Irgendetwas bedrückt dich. Hat das etwas mit mir zu tun?” forschte sie.
”Du willst wissen, was los ist?” Mit zwei Schritten war er im Haus und hatte die Schlüssel zum Schweinestall geholt. ”Komm mit”, forderte er sie auf. Erschrocken folgte sie ihm zu dem kleinen Stall, der kaum fünfzig Meter hinter dem Haus lag. Als er aufschloss, begannen die Schweine zu grunzen und zu quieken.
”Tritt näher, falls du den Geruch aushältst. Denn genau so werde ich stinken, wenn ich abends nach Hause komme.” Er packte eine Schaufel und begann den Stall auszumisten. ”Willst du sagen, dass du mit einem Mann glücklich wirst, der die Hälfte seines Lebens mitten in der Scheiße steht?”
Maria Grazia fragte trocken von draußen herein: ”Du hast nicht zufällig ein Paar Stiefel für mich?”
”Nein habe ich nicht. Du musst schon aufpassen, wo du mit deinen weißen Schuhen hintrittst.”
Statt zu antworten zog Maria ihre Schuhe aus und stellte sie sorgfältig auf eine Mauer. Barfuß betrat sie den Schweinestall und bat den Hirten um die Schaufel. ”Wie du siehst, macht mir das nicht das Geringste aus. Ich werde jetzt diesen Stall ausmisten, denn ich bin nun einmal entschlossen, den Rest meines Lebens an deiner Seite zu verbringen. Wir trinken nicht nur Wein zusammen, wir gehen auch zusammen durch die Scheiße. Und zwar barfuß, wenn es sein muss.”
Dabei blickten sie beide auf ihre zarten Füße. Bis zu den Knöcheln stand sie im Kot, Maria Grazia, eines der hübschesten Mädchen von Orgoiada. Sie schauten sich in die Augen, und dann lachten sie, lachten aus vollem Herzen und umarmten sich. Und die Schweine grunzten mit.
”Also gut”, unterbrach Sebastiano das Gelächter, ”du hast mich überzeugt, du liebst mich wirklich. Jetzt sei brav und warte draußen, bis ich das hier erledigt habe. Dauert nur ein paar Minuten.”
Maria watete durch den Dreck ins Freie, suchte sich ein Fleckchen sauberes Gras und wischte die Füße ab. Sebastiano brachte ihr schließlich Wasser und Seife.
”Hier, du kannst waschen so viel du willst, du wirst den Rest des Tages stinken wie ein Schwein. Der Geruch ist in deinen Kleidern, in deinem Haar und auf deiner Haut. Das ist das Los von uns Hirten. Du bist wirklich sicher, dass du das willst?”
Jetzt war Maria ernsthaft erzürnt: ”Soll ich mich erst da drinnen wälzen, damit du mir endlich glaubst?”
”Verzeih mir, Ich bin es eben gewohnt, dass die Leute die Nase rümpfen, wenn ich irgendwo hinkomme.”
”Ich tue das nicht. Und nachdem dieses Thema ein für alle Mal geklärt sein dürfte, möchte ich, dass du mir all das hier zeigst. Ich möchte doch wissen, was mein Mann macht, wie er lebt, was er arbeitet. Ich möchte wissen, was er kann, was er gerne isst. Wir kennen uns eigentlich erst seit gestern. Ich weiß gar nichts von dir, außer dass du fleißig bist und ehrlich, wie ein Vater für deine Geschwister sorgst, und …” sie lächelte, ”… dass du nach Schweinen und Schafen riechst. Außerdem weiß ich, dass du mich liebst.”
Sie warf den Kopf zurück und schaute ihn herausfordernd an.
”Also”, Sebastiano setzte sich auf einen wackeligen Holzstuhl, ”ich stehe morgens um sechs Uhr auf und fahre nach San Giovanni. Um sieben melke ich meine Schafe, um acht beginne ich den Käse zu machen. Zwischendurch füttere ich Fiasco und Nerone …”
”Wer sind Fiasco und Nerone?” unterbrach sie ihn.
”Meine Katze und mein Hund. Um neun Uhr trinke ich Kaffee und mache dann mit dem Käse weiter. Um 10 Uhr ist er soweit fertig. Ich miste den Schweinestall aus. Um elf gehe ich in den Garten. Um zwölf koche ich Mittagessen, um eins spüle ich das Geschirr und lege mich anschließend zum Schlafen nieder. Um zwei stehe ich auf und mache in der Käsekammer Feuer, um den Pecorino zu räuchern. Um drei werden die Schafe wieder gemolken, um vier bringe ich einen Teil der Milch nach Orgoiada, wo die Familie Deidda sie dann um fünf auf dem Tisch stehen hat. Und ab 6 gehört der Abend meiner Familie.”
”Ist das alles?” fragte sie ungläubig.
”Nein keine Angst. Das ist sozusagen der Rahmen, das Gerüst. Es müssen Zäune gebaut und geflickt werden. Ich muss Häuser, Hütten, Ställe konstruieren. Futterzusatz muss ich kaufen und den Schweinen und Schafen zu fressen geben. Ich muss sie impfen. Ich muss Unterstände bauen. Ich ziehe meinen eigenen Wein. Ich baue Futterkrippen, Wasserkanäle, Rückhaltebecken. Ich betoniere. Ich kastriere meine Schweine. Ich schlachte Schafe, ich mache Holz, ich trainiere meinen Hund. Ich kaufe Essen ein und verkaufe meinen Käse. Ich bewirte Gäste und wasche hübschen Mädchen die Füße, nachdem sie barfuß durch die Scheiße gelaufen sind. Das ist alles, was mir im Augenblick einfällt, und wahrscheinlich habe ich die Hälfte vergessen.”
Maria Grazia hatte, auf einer Milchkanne sitzend, aufmerksam zugehört. Jetzt stand sie auf, ging auf ihn zu und setzte sich auf seinen Schoß. Liebevoll legte sie ihre Arme um seinen Nacken: ”Und sehr bald wirst du eine Frau haben, die dir dabei hilft.”
Ihre Lippen berührten sich und verschmolzen zu einem flammenden Kuss.
Auszug aus dem Kindle-Buch „Der Hirte“ von Andreas Fecker.
Hallo Andy, Ich liebe dieses Buch! Es ist die Mischung aus Kreativität und Realität, die das Buch wirklich wertvoll macht. Gruß Günther