Der folgendeText stammt aus meinem ersten Roman „Der Japaner“, geschrieben 1980. Er spielt in Sibirien und Alaska nach dem zweiten Weltkrieg.
Otis M. Boswell hatte Hüttenfieber. Das ist keine Krankheit, die der Arzt heilen kann. Hüttenfieber ist ein Zustand der Verzweiflung. Nach dem Krieg, dessen letzten Monate Sergeant Boswell in Nome verbracht hatte, war er aus der U.S. Air Force ausgeschieden und in die Nähe von Nome gezogen. Er wollte erst ein Jahr alleine hier oben verbringen, bevor er seine Verlobte aus Kansas City nachholte. Doch welch harte und zermürbende Erfahrung musste der 30jährige Maschinenschlosser machen!
Der Bau seiner Blockhütte hielt ihn länger auf als erwartet. Ein hungriger Bär riss die Nordwand des halbfertigen Hauses ein und tat sich an Boswells Vorräten gütlich. Zu allem Überdruss zerstörte er dabei auch noch sein Gewehr. Noch während Otis mit der Reparatur seines Hauses beschäftigt war, brach der Winter übers Land. Die Schneelast brachte sein Dach zum Einsturz. Zwar behob er auch diesen Schaden, aber das Dach ließ sich nie mehr ganz abdichten. Beim Fischen verlor er einen Handschuh. Sein Ofen, eine ausgediente Öltonne, brannte durch, seitdem lebte er den ganzen Winter in der Angst, ein Feuer könnte ihm das geflickte Dach über dem Kopf vernichten. Mit selbstgebastelten Fallen fristete er sein einsames Leben. Er wollte durchhalten. Auch dann noch, als ein Vielfraß in seiner Abwesenheit bei ihm einbrach, um ihn seiner Vorräte ein zweites Mal zu berauben.
Inzwischen wurden die Tage wieder länger, aber der Himmel blieb verhangen, es schneite noch immer. Er sah sich enttäuscht in der Hoffnung, im Frühjahr würden seine Sorgen und Nöte von alleine verschwinden. Nun war es März, aber der Schnee war noch immer da, meterhoch lag er vor dem Haus, erlaubte ihm die Tür nur einen Spalt weit aufzustemmen, sodass er sich gerade noch hinauszwängen konnte. Er fand im Neuschnee seine Fallen nicht mehr, und wenn, waren sie meist leer. Sein Kaffee war ausgegangen, der Ofen zog plötzlich nicht mehr, in der unaufgeräumten Hütte stand der Qualm – kurz, er wollte raus. Raus aus dieser verdammten Hütte, raus aus diesem verdammten Land, raus aus diesem verdammten Leben.
Otis Maynard Boswell spielte mit Selbstmordgedanken.
Wochen später.
Der Sonnenstrahl wanderte langsam und bedächtig tiefer. Die Sonne projizierte das viereckige Fenster an die gegenüberliegende Innenwand und tauchte die dunkel glänzenden Blockhausbohlen in ein angenehmes freundliches Licht. Endlich berührte das gleitende Viereck einen Berg von Fellen. Sah man genau hin, konnte man einen dunkelbraunen Haarschopf ausmachen, der einem Menschen gehören musste. Die Haarsträhnen fielen bis tief in die buschigen Augenbrauen. Die Sonne stand nun so, dass ihr Strahl genau auf diese Augen fiel. Unwillkürlich drehte jener Mensch in dem Felllager den Kopf zur Wand, um dem störenden Licht zu entgehen. Er öffnete dabei die Lider und blickte in das wärmende Viereck.
Plötzlich fuhr er herum. Tatsächlich! Er musste die Augen zusammenkneifen, so strahlend stand der Himmelskörper über dem Horizont.
Otis Maynard Boswell schälte sich aus seinem Lager, rannte nackt wir er war zur Tür, warf sie auf und landete mit einem Hechtsprung im Schnee. Lachend und singend wühlte er die weiße Pracht auf und brüllte zwischendurch:
„Ich hab’s geschafft! Ich bin durch den Winter! Schaut her, ihr hilflosen Schneeflocken, schaut, wie sie scheint!“
Dabei schleuderte er die Eiskristalle in die Luft und ließ sie auf sich nieder rieseln. Sein Lachen ging mehr und mehr in ein glückliches Schluchzen über. Er hatte es geschafft, aber er hatte den Mut verloren gehabt, sich bereits aufgegeben. Dass ihm das Leben noch einmal geschenkt wurde, darüber war er jetzt glücklich. Er rannte zurück ins Haus, singend, lachend, pfeifend, tanzend feuerte er den Ofen an, stellte eine Suppe drauf und schlüpfte in seine Kleider.
Noch vor dem Frühstück begann er bei offener Tür das Haus sauber zu machen, mit einem Fichtenwedel fegte er den Schmutz zur Tür hinaus. Er räumte auf, machte einen Strich in seinen Kalender – es war der zwanzigste März, Tag- und Nachtgleiche – und legte Holz nach.
Ein Brummen in der Tür ließ ihn erschrocken herumwirbeln: In der Tür stand ein Grizzly! Er zwängte sich durch die schmale Öffnung und richtete sich auf. Otis’ Blut hatte aufgehört zu fließen, sein Herz stand still. Er war unfähig, sich zu bewegen. Nur fünf Meter trennten ihn von dem größten lebenden Koloss, den er je gesehen hatte. Der Bär brummte wild und fletschte seine fürchterlichen Hauer.
Da fasste sich Boswell ein Herz und sprang durch das geschlossene Glasfenster. Von drinnen war wütendes Brüllen zu hören, Holz splitterte, Töpfe klapperten zu Boden. Otis lag vor dem Haus im Schnee.
Wenn ich weglaufe, verfolgt er mich dann? Können Bären klettern? Soll ich aufs Dach?
Das Ungetüm zwängte sich wieder durch die Tür. Da gab es kein Zögern mehr. Mit einem gewaltigen Satz sprang Otis ans Dach, klammerte sich an den Balken fest und zog sich hoch. Es gelang ihm, trotz des Schnees, der noch darauf lag, den First zu erklimmen. Hinter ihm wieder Holzsplittern: Mit einem einzigen Hieb seiner Pranke zerschmetterte der Grizzly den untersten Querbalken des Daches. Die Schneelast kam ins Rutschen, mit klammen Fingern konnte sich Boswell gerade noch am Firstreiter festhalten. Wieder ein blitzschneller Prankenhieb, wieder krachte ein Balken am Dach.
„Die Bestie reißt unter mir das Haus ab und ich gucke dabei zu!“
Von fern glaubte Otis Hundegeheul zu hören. Während der Bär unter ihm wütend das Blockhaus zu zerstören begann, versuchte sich Boswell auf das Geheul zu konzentrieren. Es war ein Strohhalm der Rettung, so unwahrscheinlich sie auch sein mag. Aber es war eine Täuschung. Die Wirklichkeit war unter ihm, ein wütender Grizzly, aus dem Winterschlaf erwacht, hungrig, zerstörungslüstern. Die Wirklichkeit war, dass die tragende Konstruktion des Blockhauses zu schwanken begann. Die Wirklichkeit war, dass Otis sich mit erfrorenen Fingern an einen Balken klammerte, der in wenigen Minuten einer mordlustigen Bestie zu Füßen liegen würde. Wie Schüsse krachte es, wenn der Bär zuschlug, wahrhaftig wie Schüsse!
Plötzlich hörte der Spuk auf. Alles war ruhig. Und da war das Hundegeheul wieder.
„Komm herunter, mein Freund. Der Bär ist tot.“
Rittlings saß Otis Boswell auf dem Dach, seine Finger um den Balken gekrallt. Er drehte sich nicht um, starrte nur geradeaus auf den Boden, vor Angst heftig zitternd. Der Schock saß tief.
Ein Mensch trat in sein Blickfeld. Er trug ein Gewehr.
„Bist du okay? Warte, ich hole dich.“
Der Mann kletterte aufs Dach und löste die steifen Finger von ihrem Halt. Vorsichtig“ half er ihm hinunter.
Dankbar blickte Otis seinem Retter in die Augen. Aber er zitterte noch immer.
„Trink das“, forderte ihn der Fremde freundlich auf.
Boswell nahm einen tiefen Schluck Whiskey mit Tee und versank in eine noch tiefere Ohnmacht. Körper und Geist forderten ihr Recht.
„Wer bist du?“, fragte Otis, nachdem er durch stechende Schmerzen in seinen Händen wieder zu sich kam.
Sein Retter hatte heißes Wasser gemacht um die erfrorenen Hände so weit es ging wieder herzustellen.
„Ich bin Fritz Ruppert, Jesuitenpater in Pilgrim Springs.“
Was? Ein Pfaffe?“ Otis Boswell sprang von seinem Lager, auf dem er gerade noch leichenblass gelegen und sich von seinem Schock erholt hatte.
„Das hat mir gerade noch gefehlt. Kann man denn nicht einmal einen Steinwurf vom Nordpol Ruhe vor euch bigottischen Kuttenträgem haben?“
„Sag, hab’ ich dir Unrecht getan?“ Es dauerte lang, bis Pater Ruppert seine Schlagfertigkeit wiederfand.
„Wenn ich diese geschwollenen Kanzelreden höre, steigt mir die Galle. Sag, hab’ ich dir Unrecht getan?“, äffte Otis ihm nach.
„Ich erlaube mir zu bemerken, dass du vor einer halben Stunde noch vor Angst am ganzen Körper schlotternd auf dem Dach deines Hauses saßt, während unter dir ein Bär dabei war, dasselbe abzureißen um dich anschließend zu frühstücken. Mal abgesehen davon, dass ich Priester bin – ist das eine Art, wie man sich für ein gerettetes Leben bedankt?“
„Dankeschön. Habe leider kein Geld bei mir, um die Munition zu bezahlen.“
„Ich pfeife drauf. Ich nehme den Bären mit.“
„Der Bär bleibt hier.“
„Ich denke gar nicht daran.“
Er hat mein Haus eingerissen.“
„Aber ich habe in geschossen.“
„Bist du verrückt? Ich muss doch was essen. Ich habe keine Waffen mehr.“
„Ich lasse dir die Knochen da, du kannst dir daraus Waffen schnitzen.“
„Ist dir egal, was mit mir passiert?“
„Scheißegal.“
„He, he, hey, was sind denn das für Töne von einem Prediger?“
„Weißt du, ‚einen Steinwurf vom Nordpol entfernt’ sehen wir Prediger das nicht mehr ganz so verkniffen. Außerdem habe ich mir schon Vorwürfe gemacht dich dem Teufel von der Schippe geholt zu haben. Da magst du getrost wieder draufspringen.“ Fritz machte sich an die Arbeit, den Bären auszuweiden und das Fleisch zu zerwirken. Die Eingeweide warf er seinen Hunden zum Fraß vor, die sich heulend und zankend darüber her machten.
„Jetzt mal langsam, Pfaffe“, begann Otis wieder, nachdem er eine Stunde lang schweigend auf den Trümmern seines Hauses gesessen und Ruppert zugesehen hatte.
„Nenn mich nicht Pfaffe, sonst hau ich dir eine in die Schnauze!“
„Ich muss mich sehr wundem, welch niedriger Sprache sich Hochwürden befleißigen“, spottete Boswell.
Pater Ruppert stand auf, das blutige Messer in seiner Rechten und trat langsam auf den ehemaligen Sergeanten zu.
„Ich bin zwar Priester und habe geweihte Hände. Ich bin aber auch Mensch und habe zwei gesunde Fäuste und manchmal ein überschäumendes Temperament. Das Schlimme ist, dass ich gar nicht überzeugt bin, dass es Gott nicht gefallen würde, wenn ich mich mal um dein Lästermaul kümmern würde. Also, wenn du das vermeiden willst, höre auf, Gott oder mich zu beschimpfen, und nenne mich vor allem nicht mehr Pfaffe. Verstanden?“
„Haben Sie auch einen Namen?“
„Fritz Ruppert. Ich nannte ihn bereits.“
„Und Sie sind Missionar?“
„Der Ton gefällt mir schon besser. Die Förmlichkeiten kannst Du weglassen.“
„Und du missionierst wen? Eskimos?“
„Das kommt darauf an, was du unter Missionieren verstehst.“ Fritz machte sich wieder an die Arbeit.
„Eskimos von einem Aberglauben zum anderen zu bekehren, überall Kreuze und Kirchen aufzustellen.“
„Blödsinn!“
„Blödsinn?“, fuhr Boswell wieder auf. „Pizarro, De Soto, Cortez und wie sie alle heißen, was haben sie gemacht? Unter dem Zeichen des Kreuzes christliche Nächstenliebe verbreitet, indem sie heidnische Indianer zu hunderttausenden schlachteten, weil die Charakter hatten, und nicht von ihrem Glauben abfielen, nur weil plötzlich Spanier im Land standen. Eine feine Religion ist das.“
„Pizarro! Das ist doch schon über vierhundert Jahre her, Menschenskind. Natürlich waren das Fehler, grässliche Verirrungen der Kirche. Meinst du, die Kirche hätte nichts dazugelernt?“
„Ich gebe ja zu, dass ihr heute keine Indianer mehr schlachtet. Aber warum könnt ihr die Eingeborenen nicht in Frieden lassen? Sie haben ihren Naturglauben, der in diese Umgebung passt.“
„Der christliche Glaube passt in jede Umwelt. Hätten alle Menschen diese Religion und würden nach ihr leben, es gäbe keine Kriege mehr, nicht Mord und Totschlag, Hass, Neid und Raub.“
„Und du willst jetzt den Eskimos, die seit Menschengedenken ihren Schamanenglauben haben, etwas von Gott und jungfräulicher Empfängnis erzählen? Und davon, dass sie jeden Sonntag in die Kirche gehen sollen, auch wenn draußen ein Blizzard tobt. Glaubst du denn, dass sie dir den ganzen Schwachsinn abnehmen?“
„Nein. Und das ist auch nicht unter Missionierung zu verstehen. Aber man kann ihnen Stück für Stück andere Sachen beibringen, damit Raum und Interesse geschaffen wird für Glaubensfragen.“
„Zum Beispiel?“
„Wenn ein Eskimo irgendeine Krankheit hat, probiert er einen Zauber. Er geht zum Schamanen, der dann die bösen Geister beschwört…“
„…und der Glaube hilft ihnen dann…“
„Manchmal. Aber hast du schon mal erlebt, dass der Glaube an einen Zauber gegen die Läuse hilft, die einen Eskimo manchmal fast auffressen? Was macht er? In der Meinung, die Läuse seien von einem bösen Geist geschickt, ändert er seinen Namen, um damit den bösen Geist zu verwirren. Ich dagegen – gebe ihnen Entlausungspuder.‘
„Entlausungspuder! Und was hat das mit dem christlichen Glauben zu tun?“
„Es ist vernünftig.“
Vorerst war Boswell sprachlos. Während der Pater die Bärentatzen absäbelte und das Fleisch kritisch untersuchte, begann Otis von neuem:
„Da läuft ihr Betbrüder also mit Entlausungspuder und Mottenpulver durchs Land und sät damit das Christentum unter die Eskimos. So einfach ist das.“
Fritz schluckte eine giftige Bemerkung hinunter. Vielleicht konnte er diesem Boswell mit nüchternem Menschenverstand beikommen.
„Weißt du, wie der Weiße Mann über die Eskimos und Indianer hereingebrochen ist? Mit Schnaps und Pocken, TBC, Tripper, Syphilis und Grippe wurden die Polarvölker über Nacht vor Probleme gestellt, die ihre Zahl dezimierte. Das ehemals gesunde Volk ist jetzt krank. Mit der Einführung von Gewehren wurde zwar ihr Lebensstandard wieder besser, aber die Fähigkeit ohne technische Hilfsmittel zu überleben, gerät in Vergessenheit. Der weiße Mann schießt ihnen die Eisbären weg, schlägt ihre Robben, fängt ihre Wale, verkauft ihre Fische zu Millionen, stiehlt ihr Land, beeinträchtigt ihre Lebensgewohnheiten, fördert ihr Gold, rodet und brennt ihre Wälder nieder. Und was gibt er ihnen dafür? Was Schönes zum Anziehen, was sie nicht brauchen, denn ihre Felle sind wärmer. Süßigkeiten, das zerfrisst ihre Zähne. Außenbordmotoren, das schwächt ihre Arme. Konserven, das schwächt ihre Widerstandskraft; Schnaps, das zerfrisst ihre Leber; Krankheiten, das rottet sie aus. Wir Missionare sind in diesem Land, um den Eskimos und Indianern die Not zu lindern, in die wir Weiße sie gebracht haben. Wir ermutigen sie, an ihren alten Bräuchen festzuhalten, ihre Traditionen nicht zu vernachlässigen, und ihnen mit dem Glauben der Liebe, dem Christentum, den Rücken zu stärken. Wir geben ihnen den Mut, die Zivilisation – die sogenannte – zu ertragen, und die Welle der Neuerungen, die meist zu ihrem Nachteil sind, zu überstehen. Und da kommst du daher und redest von bigottischen Kuttenträgem, von denen man selbst hier in Alaska nicht sicher sei.“
Fritz hatte sich ereifert und war aufgeregt hin und hergegangen. Otis Boswells Unterkiefer war heruntergeklappt.
„Pater“, er musste sich räuspern, „das war die beste Predigt, die ich je gehört habe.“
„Na, viele Predigten hast du wohl noch nicht gehört.“
„Stimmt. Und das mit Pizarro und Cortez, das nehme ich natürlich zurück.“
„Nicht nötig. Geschehen ist geschehen. Man muss bereuen und aus Fehlern lernen.“
„Stimmt auch. Verdammt. Ich hab’ mich benommen wie ein Schuft. Nach allem, was Sie für mich getan haben.“
„Ich wusste, dass du das einsiehst.“
„Kann ich das irgendwie wieder gut machen?“
„Ja, hilf mir mal den Bären umzudrehen.“
Auszug aus Der Japaner von Andreas Fecker. In gedruckter Form ist das Buch nur noch im Antiquariat erhältlich. Als Kindle-Buch bei Amazon.