Bei diesem Buch handelt es sich um eine Auftragsarbeit des Motorbuchverlags. Ein Autor war ausgefallen, und ich solle doch kurzfristig das Thema übernehmen. Da ich als Fluglotse immer wieder mit dem Thema Triebwerke und Triebwerksausfall konfrontiert war, habe ich die Arbeit übernommen. Und es hat Spaß gemacht, mein Grundwissen zu erweitern. Nach Informationsbesuchen bei Pratt & Whitney, MTU, Rolls Royce, Lufthansa, Boeing und Airbus war ich bestückt mit Wissen, Daten- und Bildmaterial. Ich greife mal Gerhard Neumann (1917-1997) als einen der Pioiniere heraus, weil er es vom Automechaniker aus Frankfurt/Oder bis in die Chefetage eines führenden Triebwerkherstellers, General Electric in den USA geschafft hat. Man nannte ihn dort „Herman the German“.
1917 wurde Gerhard Neumann in Frankfurt an der Oder geboren. Er erlernte den Beruf des Automechanikers und besuchte anschließend die Ingenieurschule Mittweida in der Nähe von Chemnitz. Dort studierte er Flugzeugbau und wandte seine Kenntnisse beim Segelfliegen an. 1938 ließ er sich in China von einer Technikerfirma anwerben, die für General Chiang Kai-Shek arbeitete, nicht zuletzt um die Einberufung zur Wehrmacht zu umgehen. Doch als er nach langer Seereise in Hongkong ankam, gab es die Firma nicht mehr. Er machte sich als Automechaniker nützlich. Als Deutschland 1939 in Polen einmarschierte, erklärte Großbritannien Deutschland den Krieg. Das schloss sogar die britische Kronkolonie Hongkong mit ein, wo alle Deutschen interniert und deren Pässe konfisziert wurden.
Trotzdem lernte er einen einflussreichen Chinesen kennen, der ihm half, nach Kunming zu fliehen. Bei der Chinesischen Luftwaffe fand er wieder Arbeit als Automechaniker. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor stellte ein amerikanischer Oberst, Colonel Claire Lee Chennault in der Chinesischen Luftwaffe Chiang-Kai-sheks die Flying Tigers auf, ein legendäres Söldner-Geschwader aus drei Staffeln mit je 20 Flugzeugen, geflogen von amerikanischen Piloten. »Herman the German«, wie Gerhard Neumann dort genannt wurde, arbeitete fortan an Flugzeugen. Er half die Japaner in China zu bekämpfen, er war als Übersetzer chinesisch-englisch tätig, er unternahm gefährliche Versorgungsfahrten für die Amerikaner, er reparierte die amerikanischen Mustangs, als chinesischer Kuli verkleidet führte er sogar amerikanische Bomber ins Ziel. Aus Teilen verschiedener abgeschossener Japanischer Zeros baute er ein funktionierendes Flugzeug zusammen, damit die Amerikaner die aerodynamischen Eigenschaften studieren konnten. Trotz allem wurde er später in den USA zuerst einmal als feindlicher Deutscher behandelt. Doch der Flugzeugbauer Douglas war auf ihn aufmerksam geworden und stellte ihn für ein Jahr als Entwickler ein. 1948 wechselte er zu General Electric und arbeitete an Jet Turbinen. Er verfeinerte die Statoren am Triebwerk und entwickelte das J79 Triebwerk, das dem Starfighter F-104 mit Mach 2 zu Weltrekord-Geschwindigkeiten verhalf. Er stieg zum Vizepräsident von General Electric auf. Das hinderte ihn nicht, sich selbst ins Cockpit eines Jets zu setzen und die Leistung seiner Triebwerke zu testen. Sein wichtigster Beitrag zur Entwicklung der zweiten Generation der Düsentriebwerke waren die verstellbaren Triebwerksschaufeln und später die großen Mantelstromtriebwerke. Auch bei Schiffsantrieben, in Pumpstationen und in Kraftwerken wurden seine GE Triebwerke verbaut. Er starb im Alter von 80 Jahren in Swampscott, Massachusetts an Leukämie.
Auszug aus Strahltriebwerke von Andreas Fecker im Motorbuchverlag. Das Buch ist leider vergriffen und wurde wegen seines Nischen-Themas auch nicht neu aufgelegt. Aber im Antiquariat ist es erhältlich.
Andreas Fecker
