In klimatisch günstigen Bedingungen in den westlichen USA, auf begangenen Trails wird man kaum verloren gehen können. Doch beschleicht einen ein nagendes Gefühl, wenn man nach Tagen der Einsamkeit immernoch keinen Menschen gesehen hat, ein Umstand, den wir doch eigentlich herbeigesehnt hatten, nicht wahr? Noch beunruhigender ist, und das zurecht, wenn man bei einer auf drei Tage kalkulierten Tour nach dem vierten oder fünften Tag noch nicht auf die erwartete Ortschaft oder Straße gestoßen ist. Dann kann man mit Recht davon ausgehen, daß man auf irgendeinen toten Trail geraten oder einem Wildpfad gefolgt ist, der sich im Nichts verliert.
Die Erkenntnis, daß man sich verirrt hat, ist oft von einem Anflug von Panik begleitet, die einen daran hindert, einen vernünftigen Ausweg aus einer Situation zu finden, die je nach Wasser- und Lebensmittelvorräten unterschiedlich haarig sein kann.
Angst. Panik ist schädlich. Angst hingegen beeinflußt die Menschen unterschiedlich. Sie kann zwar die letzten Chancen vernichten, sie kann aber auch verborgene Kräfte erwecken. Es ist nicht immer der starke Mensch, dem sonst immer alles gelingt, der sich in solchen Situationen am besten bewährt. Oft sind es gerade die scheuen, ängstlichen, scheinbar Schwachen, die unter derartigem Streß über sich hinauswachsen, cool und effektiv reagieren. Es gibt immer etwas, um die eigene Lage zu verbessern. Oft ist eine gesunde Portion Angst hilfreicher, als ein übersteigertes Selbstbewußtsein. Dies zu wissen kann schon einmal nicht schaden.
Da in diesem Teil der Welt kaum eine Wanderung über horizontloses, topfebenes Gelände angetreten wird, wird sich also in nächster Nähe ein Berg finden. Da man vom Berg weiter sieht, als vom Tal, kann man mit seinem Kompaß auf diesen Berg steigen, und das Land zu seinen Füßen beobachten. An Stelle eines Berges kann auch ein hoher Baum nützlich sein, den man erklettert. Natürlich reicht zur Erkundung nicht ein flüchtiger Blick, sondern man muß mitunter sehr intensiv nach Hinweisen menschlichen Lebens suchen:
Hinweis auf Menschen. Wo verläuft eine Straße? Sehe ich irgendwo einen Truck? Eine Staubwolke? Eine Rauchwolke? Einen Zaun? Ein Windrad? Sehe ich Kondensstreifen von hoch fliegenden Flugzeugen am Himmel, die Hinweise auf eine größere Stadt geben könnten?
Findet man bei Tag keine Hinweise auf Menschen, sollte man getrost auf diesem Berg bleiben, um vielleicht nach der Abenddämmerung oder nachts ein Licht von einem Truck oder einem Haus oder gar den Lichterglanz einer entfernten Stadt zu entdecken. Sieht man vielleicht die Landescheinwerfer eines Flugzeugs irgendwo?
Hinweis auf Wasser. Wasser läuft bekanntlich bergab. Beim Blick vom Berg studiert man auch das Gelände. Wo verläuft ein Gebirgszug? Ein Bergrücken? Wo ist das Gelände am tiefsten? Wo könnte sich das Wasser sammeln? Wo ist die Erdoberfläche besonders grün? Wo wachsen Bäume, wo fliegen Vögel?
Wird man vermißt? Das wird nur der Fall sein, wenn man jemandem seine Route offenbart hat und diese Person auch sicher sein kann, daß man sich auch zurückmeldet. Nur wer weiß, daß er eine Suche einleiten soll, wird das auch tun. In diesem Fall ist es meist besser, zu warten.
Wird man nicht vermißt? Da man nun hier nicht herumsitzen kann, bis einem irgendjemand die Rente überweist, muß man seinen ganz individuellen Plan fassen, wie man aus der mißlichen Lage wieder herauskommt, in die man sich selbst gebracht hat. Dieser Ausweg wird in jedem Einzelfall anders aussehen, da er von zu vielen Faktoren abhängig ist.
Hat man aber einmal den Plan gefaßt, zu gehen, sollte man auch an daran glauben und den Geländevertiefungen folgen, dorthin wo man aller Wahrscheinlichkeit nach einen Wasserverlauf vermuten darf. Denn auch ein trockenes Bachbett führt in ein größeres, und das mündet irgendwann in einen Fluß, und an Flüssen haben sich seit jeher Menschen angesiedelt. Also wird man auch auf Menschen treffen. Außerdem läßt sich auch in trockenen Flußbetten nach Wasser graben.
Distanzen. Vorsicht jedoch, bei der Einschätzung von unbekanntem Gelände! Man unterschätzt gerne die Entfernung und überschätzt gerne die eigene Leistungsfähigkeit.
Flußufer. Natürlich kann man am Ufer eines Flusses entlang gehen, doch sind diese Ufer manchmal so steil, daß man sich bald entschließen wird, weiter oben zu gehen, wo man auch abkürzen kann.
Flußüberquerungen von Schmelzwasserbächen sind in den frühen Morgenstunden weniger gefährlich als am Nachmittag, wenn die Sonne den Schnee taut.
Bergrücken. Hier oben ist es trockener und oft kühler, man ist den Moskitos nicht so ausgeliefert, wie in den Flußgebieten, man kann die mäandernden Flußschleifen abkürzen, hat weniger Unterholz, man kann leichter sehen und wird leichter gesehen.
Wildpfade sind tückisch, da sie einen ganz allmählich dazu verleiten, in eine Richtung zu gehen, in die man gar nicht will. Wenn man jedoch ständig seine Kompaßrichtung abgleicht, sind diese die einfachste Methode, Strecke zu machen.
Sumpf ist kein Gelände, das man in einer Notlage durchqueren sollte.
Bushwacking. Eine der unangenehmsten Arten der Fortbewegung ist das Durchqueren von dichtem Unterholz und Dornen. Besonders dann, wenn man nach Kompaß marschiert und versucht, einen Fluß zu treffen, kann man an seinen vegetationsreichen Ufern in dieses dichte Gestrüpp geraten. Wenn es sich umgehen läßt, sollte man das tun. Lieber drei Meilen Umweg in Kauf nehmen, als eine Meile Bushwacking.
Mit einem kräftigen Stock zerteilt man dabei rechts, links und über Kopf Dornen, Büsche, Sträucher, Luftwurzeln, tief hängende Zweige. Man muß Platz schaffen nicht nur für sich selbst, sondern auch für seinen Rucksack, der oft genug hängen bleibt, und einen aus dem Gleichgewicht bringt. In der anderen Hand hält man den Kompaß, um bei weniger als drei Meter Sicht die Richtung zu halten. Häufig wird man trotzdem mal vier Meter nach links gehen, fünf Meter zurück 10 Meter nach rechts, weil man glaubt, dort leichter vorwärts zu kommen. Man wird in sumpfiges Gelände geraten, das einem die Schuhe von den Füßen saugt. Man wird ausrutschen und in die Dornen fallen, man wird vor Wut und Erschöpfung heulen. Um sich neu zu orientieren muß man seiner fortschreitenden Erschöpfung zum Trotz immer wieder einmal auf einen Baum klettern, um eine ungehinderte Sicht zu haben.
2 Meilen Bushwacking durch dornenbewehrtes Unterholz in regenreichem oder feuchtem Gelände ist körperliche Höchstleistung, auf die man sich am besten vorbereitet, in dem man in einem Steinbruch 30 Jahre lang Steine klopft!
3 Meilen Bushwacking ist ein Unternehmen, das derart viel Energie verzehrt, daß man diese nicht schnell genug ersetzen kann. Bushwacking ist eine Sache, die man kennengelernt haben muß. Aber das Gelände dazu sollte man sich gut aussuchen!
Survival
Dies ist kein Überlebenshandbuch. Trotzdem muß man einige Grundsätze darüber wissen. Es gibt 7 Feinde, die das Überleben in Frage stellen können: Schmerzen, Kälte, Durst, Hunger, Erschöpfung, Langeweile und Einsamkeit. Jeder hat diese Phänomene schon irgend wann einmal kennen gelernt, sicherlich jedoch nicht in einem Ausmaß, daß sie lebensbedrohlich wurden. Je mehr man nun darüber weiß, um so größer ist die Chance, daß man sie kontrollieren kann.
Schmerzen signalisieren dem Menschen, daß mit seinem Körper etwas nicht in Ordnung ist. Man wird das in einer Survival-Situation zur Kenntnis nehmen, darf sich aber nicht davon beeindrucken lassen. Ist man beispielsweise mit der Planung zur eigenen Rettung zu beschäftigt, um sich den Schmerzen hinzugeben, wird man den Schmerz nicht oder nur dumpf wahrnehmen. Andererseits wird der Schmerz den Überlebenswillen schwächen.
Kälte ist tückisch. Während Geist und Körper gelähmt wird, lähmt sie auch den Willen zum Überleben. Man möchte sich nur noch hinlegen zum Schlafen
Durst kann wie Kälte und Schmerz vergessen werden, wenn man seine Moral aufrecht erhält, wenn der Wille zu Überleben stark genug ist. Die ständige Gefahr, daß die Fähigkeit zum Nachdenken nachläßt, macht Durst zu einem sehr gefährlichen Feind. Flüssigkeitsverlust muß – ganz besonders in Survivalsituationen – so bald als möglich ausgeglichen werden.
Hunger belastet die Psyche, und wird damit erst zum wirklichen Feind. Hunger und Durst machen den Menschen empfänglich für die anderen Feinde wie Schmerzen und Kälte.
Erschöpfung ist eine weitere große Gefahr, sich selbst aufzugeben. Sie liefert allzu leicht den Vorwand um sich zu sagen, es war doch alles umsonst. Erschöpfung beeinflußt den Verstand, die Koordination, begünstigt den Mißerfolg, führt zu Hoffnungslosigkeit und zur Resignation.
Langeweile und Einsamkeit sind zwei ganz gefährliche Feinde des Überlebens, weil sie nicht fühlbar, nicht sichtbar sind, sich aber anschleichen und von einem Menschen, der vielleicht ausharren muß Besitz ergreifen.
Zähigkeit ist jedoch eine wichtige Vorraussetzung zum Überleben. Beharrungsvermögen, Durchhaltewillen, der Wille zum Leben.
Schon bei der Vorbereitung einer Reise ist die geistige Auseinandersetzung mit der Survivalsituation ausschlaggebend. Der So-etwas-passiert-mir-nicht-Gedanke läßt den Schock um so heftiger ausfallen, wenn einem plötzlich so etwas passiert.
Aus USA-West mit Rocky Mountains, Trekkingführer von Andreas Fecker. Vergriffen, nur noch im Antiquariat oder bei Ebay erhältlich. ISBN 978-3765427855. Achtung, die Neuauflage von 2005 enthält nicht den hier behandelten umfangreichen praktischen Teil, sondern im Wesentlichen nur die Tourenbeschreibungen.
