Leseprobe 05: Flugzeugcrash. Übung und Ernstfall

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Übung

Die internationale Luftfahrtorganisation ICAO verlangt in regelmäßigen Abständen Großübungen abzuhalten. Dazu werden Spezialisten entsandt, die die Leistungen der Dienste kritisch beurteilen. Überprüft werden nach einem Drehbuch unter anderem Organisation, Zustand der Fahrzeuge und Rettungsmittel, Ausbildungsstand des Personals, Reaktionszeit, Löscherfolge, Alarmierung der Rettungsmittel zweiten Grades (umliegende Ortsfeuerwehren, Polizei, Bundeswehr, THW, Katastrophenschutz, Krankenhäuser, grenzüberschreitende Zusammenarbeit), medizinische Erstversorgung am Unfallort, Triage, Abtransport von Verletzten. Übungskünstlichkeiten sind zwar nicht auszuschließen, aber ohne solche Übungen würde die Chaosphase im Ernstfall kaum ohne zusätzlichen Opfer zu überstehen sein.

Ernstfall

Die Wirklichkeit unterscheidet sich von der Übung, weil es kein Drehbuch gibt.  An einem betriebsreichen Flughafen beobachten die Lotsen in ihrer Schicht viele hundert Landungen. Harte, weiche, lange, kurze, hopsende. Jeden Tag. Jede Woche. Jeden Monat. Jedes Jahr. Jahrein, jahraus. Und plötzlich passiert es, ohne Ansage, ohne Vorwarnung. Ein Tailstrike vor der Piste, das Fahrwerk bricht weg, die Triebwerke reißen beim Aufschlag ab, die Röhre schlittert die Piste hinunter, fängt Feuer, kommt zum Erliegen. Es geht so schnell, wie man es hier liest. Nach bangen Sekunden öffnet sich eine Tür, noch eine, die Notrutschen entfalten sich. Passagiere flüchten. Pechschwarzer Rauch dringt aus dem Wrack. Der Brand breitet sich aus, die Feuerwehr trifft ein….


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In diesen Sekunden befindet sich der Tower in der Chaos Phase. Ohne Vorwarnung werden die Fluglotsen mit einer Extremsituation konfrontiert, die sie womöglich noch nie zuvor erlebt hatten. Das Blut pocht im ganzen Körper, Panik will sich breit machen, die Sprache übersteuert. Alle Telefone klingeln gleichzeitig, alle Funkgeräte plärren, Sirenen heulen, Crash-Bells scheppern, der Noise Level im Tower erinnert für einen Moment an den Wall Street Crash von 1929.

In diese Chaos Phase muss Ordnung gebracht werden, jeder muss sich selbst und seine Aufgabe in den Griff kriegen, sich zur Ruhe und überlegtem Handeln zwingen. Läuft die Rettung? Was tun mit dem landenden Verkehr, der ja noch im Anflug ist. Wer darf noch landen? Welche Piste steht noch zur Verfügung? Wohin mit dem übrigen Verkehr? Koordination mit der Anflugkontrolle. Startbereite Piloten werden darauf dringen, noch schnell auf einer anderen Runway rauszukommen, bevor der Flughafen womöglich für Stunden geschlossen wird. Kann man das verantworten? Was, wenn nochmal etwas passiert? Haben wir dann noch genügend Rettungskräfte? Die Löschtanks der Feuerwehrfahrzeuge sind leer. Der Lotse wird es ablehnen, der Käpten wird mit ihm streiten, die Nerven im Tower liegen blank, es kommt zu unschönen Wortwechseln… Rettungshubschrauber fliegen ein, die Presse ruft an, Vorgesetzte kommen auf den Tower, jeder stellt andere Fragen.

Es wird Stunden dauern, bis die Towerlotsen einmal ein paar Minuten für sich alleine haben, bis sie begreifen können, was sie gerade erlebt haben. Dann kommen die Befragungen der Unfalluntersuchungskommission. Das Abfassen der Berichte. Und dann kommen die durchwachten Nächte. Manchmal dauert es Wochen, bis man wieder Schlaf findet. Auch wenn man nach Monaten wieder der Alte ist, so wird man doch nach Jahrzehnten noch daran denken. Ich erinnere mich an eine Diskussion während der Aufarbeitungsphase eines Absturzes. Jemand fragte: „Kann man denn bei einem solchen Crash überhaupt ruhig und besonnen reagieren?“ Jemand antwortete: „Na klar. Wenn Du jeden Tag einen hast ….“

Landeunfall der Boeing 777 von Asiana Airlines in San Francisco. – Foto NTSB

Wenn Tag für Tag weltweit viele Millionen Menschen zu Land, zu Wasser und in der Luft bewegt werden, kommt es nun mal gelegentlich zu Unfällen. Es kennzeichnet die Sicherheit des Flugzeugs, dass dies so selten geschieht und wenn, dass dabei so wenig ernsthafte Personenschäden auftreten.  Zum Beispiel bei dem Unfall in Toronto im Jahr 2005 . Alle 309 Personen an Bord entkamen unverletzt bevor der Airbus völlig ausbrannte. Oder beim Asiana Crash in San Francisco.
Auszug aus dem Buch von Andreas Fecker: 101 Dinge, die man über Flughäfen wissen muss.