1972 stellte mich Alvin auf seiner Ranch in Willcox, im südlichen Arizona ein. Während ich nämlich (vergeblich) auf eine Arbeitsgenehmigung in den USA wartete, brauchte ich eine Beschäftigung. Ich lernte Reiten, Hufe beschlagen, Lasso werfen, Rinderherden treiben, Zäune bauen und flicken, Windräder und Wasserpumpen reparieren, arbeitete bei Rodeos mit, lernte schießen und Rinder schlachten. Nebenbei brachten mir die grenzgängigen Vaqueros aus Mexiko die wichtigsten Brocken der spanischen Sprache bei. Drei Monate dauerte diese Arbeit als Cowboy, bis eine Screwworm-Epidemie ausbrach. Wir mussten das Roundup abbrechen, weil wir nicht mehr ent-hornen, kastrieren und brennen durften. Ich habe Rotz und Wasser geheult, als mich Alvin nach Tucson zurückfuhr, wo ich eine temporäre Bleibe hatte. Ich hätte mir ein Leben mit Tieren auf der Ranch gut vorstellen können.
Manchmal denke ich an verschiedene Episoden zurück, die ich mit Alvin erlebt hatte. Hier ist eine:
Wir saßen auf unseren Pferden und standen nebeneinander in den Hügeln von Alvins 500 km² großen Mule Shoe Ranch im Cochese County, Arizona. Er wollte hören, wo die Herde stand. Sein Pferd bewegte jedoch ständig seinen Kopf, was ein Klicken in den metallischen Gliedern der Trense bewirkte. Alvin war ungehalten darüber und brüllte das Pferd an: „Can’t you stand still, Goddammit?‘ Erstaunlicherweise gehorchte es aufs Wort. Später erklärte mir Alvin: „Ich hatte schon in jungen Jahren schwere Gehörprobleme. Daraufhin habe ich gelernt, meine Augen, die Restgeräusche und mein Gehirn mit meiner Erfahrung zu verknüpfen, um meine Arbeit vernünftig machen zu können.“
Soweit, so gut. Eine eindrucksvolle Demonstration seiner Fähigkeiten lieferte er mir Monate später. Als Kopfbedeckung vor der sengenden Hitze Arizonas trug ich damals einen alten Pfadfinderhut. Die Mexikaner haben sich stets darüber lustig gemacht. Eines Tages war ich in vollem Galopp hinter einem Kalb her, das sich von der Herde absonderte. Es rannte über Stock und Stein, Hügel auf, Hügel ab, und unter Bäumen hindurch. Ich hinterher. Irgendwo verlor ich meinen Hut. Nachdem ich das Kalb eingefangen und wieder zur Herde gebracht hatte, ritt ich zurück, wo ich meinen Hut vermutete. Graugrüner Filz auf graubraunem Boden, ich fand ihn nicht.
Monate später, ich war längst wieder in Tucson kam Alvins Sohn aus Willcox (130 km) und überbrachte mir meinen Hut und einen Brief: „Dear Andy. I found a German cowboy hat somewhere in the hills. I wish you and your fiancé good luck for your life. You were the Best West German Cowboy in Southern Arizona! Alvin.”
Thanks, Alvin. Wahrscheinlich war ich der einzige. But you were the best Boss I ever had. Und nachdem Du mich heimgeschickt hattest, öffnete sich für mich die Welt der Flugsicherung. Auch dafür bin ich Dir über Deinen Tod hinaus dankbar.
Andy
Eine weitere Geschichte von der Ranch ist hier

Lieber Andy, beides ist wieder toll zu lesen, gut und spannend beschrieben und ich finde es einfach klasse, etwas zu lesen, das wirklich so geschehen ist. Du kannst einen gut mitreissen. LG Chris
Lieber Andy, einerseits ist es gut, von Dir und aus deinem Leben zu lesen – andererseits hoffe ich, dass sich deine Hörprobleme wenigstens nicht noch weiter vergrößern.
Vielleicht sieht man sich doch gelegentlich noch einmal.
Bei mir selbst „geht es nur mit dem Gehen (wegen der Knie) nicht mehr so gut wie gewünscht“ – trotzdem fliege ich am 4. August nach Seattle zu einer elftägigen Kreuzfahrt nach Alaska.
Ich habe ein Resthörvermögen von ca. 10%. Ist es nicht ulkig, dass ich mal ein Buch über Fluglärm geschrieben habe? Damals war zumindest linksseitig noch alles in Ordnung.
Wenn Du auf Deiner Dampferfahrt nach Alaska durch die Wrangell Narrows kommst, bleib an Deck, auch wenn es zwei Uhr morgens sein sollte. Zwischen Rumpf und Felsen passt manchmal nur eine Zeitung. Dieses Schauspiel willst Du dir nicht entgehen lassen! Ich wünsche Dir Vollmond.