Zwischen Tuff und Kegeln

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Kappadokien, die bizzarste Landschaft der Türkei

Nimmst Du, lecker Eis! Foto: Dierk Wünsche

Die Geschäfte laufen gut für Ahmet. Er ist Eisverkäufer im „Open Air Museum“ von Göreme in Kappadokien. Zwischen Steinkegeln und aus dem Felsen geschlagenen Höhlenkirchen hat er seinen Stand unter einem Schatten spendenden Baum aufgeschlagen. Mit einer langen Metallstange schabt Ahmet Eisklumpen aus Bottichen, um sie zu einem dicken Kegel zu formen, der sich dann auf einer Waffel türmt. Nun hält er die Eistüte, die den umgebenden Tuffsteingebilden ähnelt, dem Kunden hin. Dieser greift zu und ins Leere. Denn blitzschnell hat Ahmet die Waffel mit einer Bewegung des Handgelenks nach unten gedreht. Geschickt schwenkt er dann die Waffel wieder nach oben, um sie dem erstaunten Kunden mit einem vorwurfsvollen Blick, der sich zu einem breiten Lächeln wandelt, nochmals anzubieten. Eine Show, ganz ohne Worte. Nur Gestik und Mimik wird variiert, je nach Alter, Spaßbereitschaft und Nationalität seines Gegenübers. Denn seine Kundschaft ist international: Koreaner, Japaner, Chinesen, Amerikaner, Franzosen, Briten, Schweden, Deutsche, Russen. Aus aller Welt kommen mittlerweile die Gäste nach Kappadokien, um sich von den bizarren Tuffsteinformationen, Hunderte von Kirchen, Klosteranlagen und den unterirdischen Siedlungen in den Bann ziehen zu lassen.

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Ein Traum - Ballonfahren über der Tuffsteinlandschaft Kappadokiens Foto. Dierk Wünsche

Das Land der schönen Pferde
Die Orte Nevsehir, Göreme und Ürgüp sind die touristischen Zentren der Region in Zentralanatolien, die bereits seit 1985 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Doch erst in den neunziger Jahren wurden einheimische und ausländische Besucher auf die Naturschönheiten und ihre verborgenen, kulturellen Schätze aufmerksam. Der Flughafen Kayseri, rund eine Autostunde von Göreme entfernt, mit direkten Verbindungen von den Drehkreuzen Istanbul und Izmir, ist für viele Gäste die ideale Anreisemöglichkeit. Aber auch von den touristischen Hochburgen rund um Antalya gibt es mittlerweile bequeme Schnellbusverbindungen nach Kappadokien. Kein Problem ist auch die Anreise per Pkw, denn die Region bietet sich für das Entdecken auf eigene Faust an. Insbesondere Wanderer und Mountainbiker kommen in der teilweise unberührten Natur voll auf ihre Kosten. Von der Pension mit Familienanschluss, über „Höhlen“ mit unterschiedlicher Komfortausstattung bis hin zum „Super-Luxus-Wellness-Sterne-Hotel“ mit Tuffsteinambiente, bei dem schon mal für die Suite bis zu 1000 US-Dollar pro Nacht zu berappen sind, ist für jeden Geldbeutel die passende Unterkunft zu finden. Damit hat sich Kappadokien zu einem weiteren touristischen Höhepunkt der Türkei, abseits der Küstenregionen entwickelt.

Im Reich der Feen und Zwerge - Kappadokien Foto: Dierk Wünsche

Wenn die Feenkamine leuchten
Denn dem Zauber der Landschaft im Land der schönen Pferde, wie Kappadokien im Persischen heißt, kann sich kaum jemand entziehen. Ein Märchenwald von zipfelmützigen Kegeln, Türmen und Pilzen. Je nach Tageszeit und Lichteinfall ändert die Landschaft ihre Farbe. Dann leuchtet die Erde mal grau, rot, gelb, grün, ocker bis hin zu grellem Violett. Es lohnt sich daher, unbedingt den Wecker zu stellen und das farbige Schauspiel des Sonnenaufgangs vor der Tür zu genießen! Ein weiteres Muss: eine Heißluftballonfahrt in den Morgen- oder Abendstunden. Nur so erhält man einen Überblick über die Vielzahl der so genannten „Feenkamine“, wie die Tuffsteinkegel hier genannt werden. Und im Hintergrund ragen die „Verursacher“ all dessen empor: die erloschenen Vulkane Eriyas Dagi (3.916 Meter) und Hasan Dagi (3.253 Meter). Ihre schneebedeckten Profile beherrschen ganz Kappadokien. Angesichts der isländischen Aschewolke sind Vulkane und ihre Macht nun wieder mehr ins Bewusstsein der Menschen getreten. Tuffstein unterschiedlicher Härte bildet die Basis für diese wilde Landschaft. Wind und Wasser formten dann im Laufe mehrerer Millionen Jahre die skurrilen Gebilde heraus, die man heute sieht. Aber die Erosion kennt keine Gnade und auch die Menschen tragen ihren Teil zur Zerstörung bei. Schon in einigen Jahrhunderten wird hier vielleicht alles platt geschliffen sein.

Bilder des Glaubens sind überall in den unterirdischen Kirchen und Klöstern Kappadokiens zu finden Foto: Dierk Wünsche

Im tiefen Glauben an Gott
Bereits in prähistorischer Zeit entdeckten die Menschen, wie angenehm es sich in ausgeschabten Höhlen des Tuffs leben lässt. Wie in ein Termitenbau ist es hier im Sommer kühl, und im Winter ist man vor der klirrenden Kälte geschützt. Frommen Einsiedlern folgten Christengemeinden, die in den von der Außenwelt abgeriegelten Tälern, wie dem malerischen, kilometerlangen Ilhara-Tal, Zuflucht fanden. Sie fanden hier andächtige Stille für ein bescheidenes, autarkes Leben und Schutz vor den damals zahlreichen Feinden, seien es Perser, Römer oder Araber. Ihren Glauben drückten sie über Jahrhunderte in den Malereien ihrer Felsenkirchen aus. So entstanden die berühmten Höhlenkirchen und Mönchssiedlungen von Göreme, Ürgüp, Zelve, Mustava Pasha, Avcilar, Uschisar und Ortahisar. Zu den Kirchen steigt man über Leitern hinauf oder schlüpft wie eine Wühlmaus durch enge Eingänge in Tuffsteingewölbe. Wie immer ist dabei gutes Schuhwerk von Vorteil, damit man nicht ins Rutschen kommt. Und eine gefüllte Wasserflasche hilft angesichts des trockenen Klimas zudem weiter. Es sind Aberhunderte Kirchen und niemand weiß, wie viele ihr Geheimnis noch unentdeckt hüten. Im Inneren sind unzählige farbenprächtige Bilder von Aposteln, Heiligen, Engeln und Motive aus der Bibel, oft getaucht in mystisches Halbdunkel. Eine Szene erscheint schöner als die andere, auch wenn vielen Heiligen von der moslemischen Landbevölkerung die Augen ausgekratzt wurden und die Gewölbe durch Feuer und Kerzen der Hirten verrußten. Es ist schwer vorzustellen, wie jene tief gläubigen Menschen im spärlichen Schein der Öllampen solche Kunstwerke erschaffen konnten. Bewunderung und auch so etwas wie Ehrfurcht macht sich breit.

Die Höhlenbesucher müssen auf ihre Köpfe achten Foto: Dierk Wünsche

Städte unter der Erde
Eine architektonische Meisterleistung sind die unterirdischen Städte Kappadokiens. Diese wurden zum Teil zur Zeit der Araberfeldzüge von Christen in den weichen Tuffstein geschlagen und geben noch immer Anlass für Spekulationen aller Art, wie über ihre Entstehungszeit, Nutzung, Größe oder über die Verbindungen untereinander. Rund 40 sind bislang bekannt, aber nur wenige sind öffentlich zugänglich gemacht. Ein Tipp vor der Besichtigung: Man sollte nicht klaustrophobisch veranlagt sein und über eine einigermaßen gute Kondition verfügen. Denn manche Gänge sind schmal, und auf die Knie muss man auch schon mal gehen, um überhaupt weiter zu kommen. Hilfreich ist eine Kopfbedeckung, denn den Kopf stößt man sich ganz gewiss einmal mehr oder weniger heftig am Tuffstein. Derinkuyu, tiefer Brunnen, ist wohl die bekannteste unterirdische Behausung und wurde 1963 durch einen Zufall entdeckt. Der ursprüngliche Name war Melegüp, hartes Leben, was wohl die viel treffendere Bezeichnung ist. Tausende Menschen harrten zu Notzeiten in acht Stockwerken bis zu 85 Meter tief unter der Erde aus. Ein feines Netzwerk von Belüftungsschächten durchzog den Bau. Sogar über eine Art Telefon verfügten sie. Fünf bis zehn Zentimeter breite Belüftungsluftlöcher in der Decke und im Fußboden verbanden die Höhlen auf verschiedenen Etagen miteinander. Durch diese Löcher konnten die Nachbarn miteinander sprechen – ohne den langen Weg durch die engen Tunnel zu gehen. Vorbei an ehemaligen Viehställen, Wohnungen, Wasserdepots, Vorratsräumen, Küchen, Toiletten, aber auch an Waffenlagern, einer Kirche und einem Irrenhaus – wen wundert es – windet sich der Besucher wie ein Maulwurf im Halbdunkel hinab und wieder hinauf. Ist man schon ganz unten angelangt oder schon auf dem Weg nach oben? Orientierung gleich Null. Wie müssen sich die Menschen in der bedrückenden Enge und dem Halbdunkel dort unten gefühlt haben? Die ständige Angst vor der Eroberung durch die Feinde im Nacken oder besser über den Köpfen kam noch hinzu. Schreckensvisionen machen sich breit. Möchte man sich hier unter der Erde für Wochen oder gar Monate aufhalten? Lebendig begraben sein? Heute kehrt man nach rund 45 Minuten an die Oberfläche zurück und begrüßt Licht, Luft und die Sonne mit vollem Herzen. Das Leben hat einen wieder! Genau der richtige Moment, um bei einem Kollegen von Ahmet ein Eis zu ordern und es voller Lust und Hingabe zu schlecken. Kappadokien kann so schön sein!

Ein echer türkischer Tee hilft bei Hitze und Kälte weiter Foto. Dierk Wünsche

Reiseinformationen
Infos zum Reiseland:
www.goturkey.com

Anreise aus Westfalen:
Zum Beispiel vom Flughafen Düsseldorf mit der Linienfluggesellschaft Turkish Airlines (Star Alliance) via Istanbul-Atatürk direkt nach Kayseri. Guter Service in allen Klassen.
Infos und Buchung unter: www.thy.com/de
oder
nach Antalya mit SunExpress (Tochter von Lufthansa/Turkish Airlines) mit Full-Service an Bord.
Infos und Buchung unter www.sunexpress.de

Von Antalya weiter mit dem Mietwagen oder per Bus nach Göreme

Reiseveranstalterempfehlung:
Öger Tours: Infos unter www.oeger.de

Veranstalterempfehlung vor Ort:
Yama Tours
www.yamatours.com
Umfassende Ausflugsprogramme, beispielsweise zu den Tanzenden Derwischen sowie Ballonfahrten

© Dierk Wünsche, Münster

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