Luftpost 97: Aufräumarbeiten

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

„Herr, ich bitte Dich, trockne unsere Tränen. Gib unseren verunglückten Verwandten und Freunden ein neues Zuhause und pass immer auf sie auf.“ So sprach die Schwester eines der Absturzopfer bei der Trauerfeier im Kölner Dom, zu der sowohl Vertreter von Bundes- und Landesregierungen wie auch internationale Gäste gekommen waren. Vor gut einem Monat passierte das Unglück.

Dass nach einem Flugunfall in Minutenschnelle über die Ursachen spekuliert wird, ist normal. Auch die vermeintlich Schuldigen stehen schnell fest. Es gab aber in der Geschichte der Flugunfalluntersuchungen wohl noch kaum einen Unfall, bei dem sich diese Schnellschüsse bewahrheitet hätten. In fast allen Fällen liegen die Ursachen nämlich in einer Verkettung scheinbar kleiner Nebensächlichkeiten, an deren Ende dann der Crash steht. Es ist Aufgabe der Luftfahrtbehörden und Flugunfalluntersuchungskommissionen, all diese kleinen Ursachen herauszufinden, die man im Fachjargon „Contributing Factors“ nennt. Bei dem Germanwings Absturz lief alles anders. Und so wie es aussieht, bestätigen die Fakten die ersten Rückschlüsse der französischen Staatsanwälte. Gleichzeitig erlebten wir schon Stunden nach dem Unglück einen nie dagewesenen Expertenauftrieb in allen Nachrichten, Talk Shows, Sondersendungen und Diskussionsrunden. Dabei hoben sich die Fachleute angenehm ab, die sich vorsichtig zurückhielten und nur Zusammenhänge von allgemeiner Gültigkeit erklärten.

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Die Berichterstattung über diesen ungeheuerlichen Unfall schrieb seine eigene Geschichte. Erst einmal war es unfassbar, dass es so nahe bei uns passierte. Es machte auch betroffen, dass es eine Lufthansa-Tochter betraf und nicht eine schwindsüchtige Fluggesellschaft weit weg, der man sowieso unterstellt, alten Schrott aufzufliegen. Tragisch, dass dann auch noch eine Schulklasse in den Tod gerissen wurde. Als dann erste Gerüchte über Pilotenselbstmord aufkamen, waren Entsetzen und Nachrichtenhunger gar nicht mehr zu stillen. Eifrig stöberten Reporter bei beteiligten und unbeteiligten Ärzten, Kollegen, Freunden und Nachbarn um mögliche Hintergründe und Lebensumstände des Co-Piloten zu ergründen. Erst als nichts Neues mehr zu finden war, begann man den Wunsch der Angehörigen um mehr Abstand zu respektieren. Auch der übersättigte Bürger fing an zu reflektieren und schimpfte nun seinerseits auf die Medien und die Experten. Plötzlich machte sich das Bewusstsein breit, wie schamlos offen dieses Unglück breitgetreten wurde.

Sind das nicht scheinheilige Krokodilstränen? Ich sehe die Gefahr, dass wir Newsjunkies durch dieses schnelle Ergebnis so verwöhnt wurden, dass wir auch bei der nächsten Gelegenheit die Presse und die Institutionen vor uns hertreiben, bis auch dann in kürzester Zeit ein Ergebnis feststeht, das uns zufrieden stellt. Dabei ignorieren wir die klassische Arbeit der sorgfältigen Flugunfalluntersuchung. Da die Fliegerei meist grenzüberschreitend ist, hat die ICAO festgelegt, dass das Land, in dem der Unfall passiert ist, die Untersuchung leitet. Im Wesentlichen besteht die Kommission aus unabhängigen Spezialisten für
• Flugbetrieb
• Technik
• Vermessung des Unfallorts
• Kabinensicherheit
• Ärzte
• Flugzeugstruktur
• Flugzeugsysteme
• Triebwerke
• Aufzeichnungsgeräte
• Wetter und Flugsicherung
Unterstützt wird die Arbeit von Vertretern der Airline, dem Registrierungsstaat, wie auch vom Hersteller. Somit können bestimmte Fragen sofort vor Ort geklärt werden. Natürlich spielen die Zugänglichkeit des Absturzorts, das Wetter, die Größe des Trümmerfelds und die Anzahl der Opfer eine große Rolle. Am Unfallort schwärmen die Ermittler aus. Wie Archäologen suchen sie nach Einzelteilen, dokumentieren Fundstellen, verfolgen Spuren. Da oft Schalterstellungen an den Armaturen und Geräten eine Rolle spielen können, muss mit forensischer Sorgfalt vorgegangen werden. Im Fall des Lockerbie Attentats brachte ein Transistor von der Größe eines Daumennagels den Durchbruch und führte die Ermittler über den Hersteller auf die Spur der Bombe im Kofferradio und schließlich zu den Terroristen.

Bei der Untersuchung des Unfallhergangs und der handelnden Personen wird ebenfalls „jeder Stein umgedreht“: Lebensumstände, Charakter, Freizeitverhalten in den letzten 28 Tagen, Tagesablauf und Ruhezeiten der letzten 72 Stunden, Mahlzeiten, Medikationen, letzter ärztlicher Checkup. Erfahrung auf dem Flugzeugtyp, auf der Strecke, bei welchem Wetter. Lizenzen und Zulassungen werden überprüft, letzte Simulator-Stunden und absolvierte Proficiency Checks. Die Flüge der letzten 90 Tage werden betrachtet unter besonderer Berücksichtigung der letzten 28 Tage und des Vortags. Wurde die Crew Duty Time eingehalten? Gleichzeitig wird der Lebenslauf des Flugzeugs auf Herz und Nieren geprüft vom Augenblick, da es das Werk verlassen hat bis zum Unfall. Gab es früher bereits Zwischenfälle mit der Maschine? Schäden? Wer hat sie behoben? Auch die Techniker, die an dem Flugzeug arbeiteten, werden auf Zulassungen und Prüfungen durchleuchtet.

Andernorts werden alle Navigationshilfsmittel geprüft. Die Fluglotsen werden befragt, die Tonbänder und Radaraufzeichnungen abgespielt, alle Telefonate angehört und Abschriften angefertigt. Sind Fluglotsen in den Unfall verwickelt, wird dort die gleiche Sorgfalt an den Tag gelegt wie beim fliegenden Personal. Augen- und Ohrenzeugen werden vernommen. Nach und nach entsteht ein Puzzle mit dem der Flug rekonstruiert werden kann. Dabei wird jede Phase des Fluges analysiert. Wenn der Flugdatenschreiber noch benutzbar ist, kann man die Daten in den Simulator laden und erhält dann für jede Sekunde des Fluges ein genaues Bild des Verlaufs.

Schließlich wird das Trümmerfeld aufgeräumt, und falls erforderlich wird der Boden Quadratmeterweise auf verborgenes Material durchgesiebt. Die Kisten und Schachteln werden nach Fundstelle nummeriert. Liegt die Ursache am Flugzeug selbst, werden die größeren Einzelteile an einem Lattenrost befestigt, bis das Flugzeug wieder als ein solches erkennbar ist.
Es kann manchmal Jahre dauern, bis die Ursache feststeht. Und aus dieser Ursache wird man Schlüsse ziehen um eine Wiederholung zu verhindern. Und so wird mit jedem Unfall das Fliegen ein wenig sicherer. Aber das befriedigt uns Menschen des dritten Jahrtausends nicht. Wir haben uns an schnelle Ergebnisse gewöhnt. Drei Tage wehen die Flaggen auf Halbmast und ein paar Trauerfeiern später wenden wir uns wieder den neuesten Nachrichten, Skandalen oder den Ergebnissen der Champions League zu. Es sind die Angehörigen, die lernen müssen, mit ihrem Verlust zu leben, wenn die 150 Kerzen erloschen sind und unser Alltag schon alles wieder verdrängt.

von Andreas Fecker

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2 Antworten zu “Luftpost 97: Aufräumarbeiten”

  1. D.Wolf sagt:

    sehr ausführlich und sachlich, dem ist wohl nichts hinzuzufügen.
    mfg D.Wolf

  2. Chris Milanowski sagt:

    Ich finde hier beides: Sachlichkeit und Gefühl. Die sachlichen Infos helfen mir beim Verstehen und Verdauen solcher unfassbaren Unglücke. A. Fecker fordert durch sein Aufzeigen unserer gewohnten Verhaltensmuster jedoch auch Zweifel und Selbstreflexion heraus. Ebenso drängt aber ein Gefühl um die noch essenziellere Frage, was letztlich wohl wirklich wichtig ist, aus der Tiefe noch viel stärker ins Bewusstsein hinein: Liebe.