Luftpost 96: Ellis Island

Werbung
Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Die amerikanische Regierung nutzte Ellis Island vor New York als Immigrantensammelstelle, wo zwischen 1890 und 1954 zwölf Millionen Einwanderer durchgeschleust wurden. Das waren überwiegend Europäer, die vor Krieg und Verfolgung, vor Arbeitslosigkeit, Armut oder Hunger flüchteten und auf dem „Neuen Kontinent“ ein besseres Leben suchten. An manchen Tagen wurden dort bis zu 12.000 Menschen abgefertigt. Etwa 43 Millionen Amerikaner haben deutsche Wurzeln. Fast jeder zweite Ami hat Vorfahren, die über Ellis Island ins Land kamen. Die USA profitierten davon und stiegen auf zur wichtigsten Wirtschaftsmacht der Welt.

Ganz ehrlich? Wenn das Leben meiner Familie von blutrünstigen, pseudoreligiösen Fanatikern bedroht wäre, wenn wir nichts zu essen hätten, wenn es kein Wasser, keine Arbeit, keine Zukunft gäbe, ich würde mich auf die Socken machen. Auswandern, fliehen, dorthin wo es das alles im Überfluss gibt. Wo Lebensmittel weggeschmissen werden, wo man Arbeiter dringend sucht, wo Häuser leer stehen, wo Städte aussterben, wo ich mit meiner Arbeitskraft helfen kann die Wirtschaft zu beleben, wo ich nicht wegen meines Glaubens verfolgt werde, wo meine Kinder zur Schule gehen können, wo mich die Polizei vor marodierenden Banden schützt, wo Recht und Ordnung herrscht, wo ich nicht Tag für Tag von Bomben und Heckenschützen bedroht werde. Der derzeit einzige Ausweg für diese Menschen? Ein Schiff, ein Boot, eine Nussschale, ein Schlauchboot nach Europa, die Kapazität um das Zehnfache überschritten. Die Schlepper verlangen bis zu 8.000 Euro pro Person! Und wir Europäer lassen es zu, dass zigtausend Menschen jedes Jahr ertrinken.

Werbung

All das müsste nicht sein. Warum können die Flüchtlinge nicht einfach zum nächsten größeren Flughafen ihres Heimatlandes gehen? Warum gibt es dort keine Einwanderungsbüros für Europa, wo sie sich über Regeln, Sitten und Gebräuche ihres Wunschlandes informieren könnten? Brauchen wir nicht händeringend Zuwanderer? 1955 entfielen fünf Beitragszahler auf einen Rentner, 2030 sind es nur noch zwei. Fachleute haben errechnet, dass wir allein in Deutschland pro Jahr eine halbe Million Zuwanderer brauchten um unsere Sozialsysteme zu erhalten. Gut ausgebildete Akademiker und Handwerker fliehen vor Tod und Gewalt aus Syrien. In Libyen allein sollen eine Million Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern Nordafrikas auf die lebensgefährliche Überfahrt nach Europa warten. Erwarten oder hoffen wir nun etwa darauf, dass möglichst viele von ihnen ertrinken? Verstärken wir den Seenotrettungsdienst im Mittelmeer, um unser schlechtes Gewissen zu beruhigen? Trauen wir uns (noch) nicht, den letzten logischen Schritt zu gehen, die Luftbrücke nach Europa?

Flüge zwischen Deutschland und Ägypten sind für freizeithungrige Bundesbürger derzeit schon ab 75 Euro zu haben, ein Bruchteil des Geldes, das die Hilfesuchenden zusammenkratzen müssen, um die Schlepper zu bezahlen. Was hindert uns daran, ihnen ein Visum für ein Land ihrer Wahl zu spendieren, statt Fregatten und Seenotkreuzer ins Mittelmeer zu schicken und – reichlich zynisch – Särge zu spenden, für die, die es nicht geschafft haben? All das Elend auf dem Meer wäre von heute auf morgen vorbei. All die kostspieligen Rettungsaktionen auf hoher See wären bald Geschichte. Den Schleppern würde die Geschäftsgrundlage entzogen. Wir könnten uns aussuchen, wen wir wo am dringendsten brauchen. Benötigen wir nicht dringend Entlastung bei der Pflege? In Krankenhäusern? Wir dürfen nur die Zuwanderer nicht zur ewigen Arbeitslosigkeit verdammen, sondern ihnen möglichst bald unsere unbesetzbaren Stellen anbieten. Und wollen wir nicht mit den Quellländern Handel treiben, unsere Technologie, unsere Überproduktion, unser landwirtschaftliches Knowhow, unsere Waren in ihre Region exportieren? Wollen wir nicht die Ursachen für die Flucht beseitigen? Die Einwanderer könnten uns mit ihrer Landeskenntnis dabei helfen.

Kaum eine Stadt, die ihren Flughafen nicht stolz das „Tor zur Welt“ nennt. Wohlan, prahlen wir nicht nur damit, sondern schaffen wir Raum auf unseren Airports für ein geordnetes In-Processing von Menschen, die in unser Land wollen. Von dort könnte es in die Städte und Gemeinden gehen. Lernen wir aus der Geschichte unserer Auswanderer, richten wir an Europas Flughäfen Zentren wie Ellis Island ein. Das neue Terminal 3 am Frankfurter Flughafen wird eine Geschossfläche von 300.000 Quadratmetern haben. Dreimal so viel wie das Einwanderungszentrum auf Ellis. Hat Europa nicht 2012 den Friedensnobelpreis erhalten, weil wir „für über sechs Jahrzehnte zur Entwicklung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen haben“, so die offizielle Begründung? Dann öffnen wir doch die Tore nach Europa und werden wir der Kultur unseres „christlichen Abendlandes“ gerecht.

von Andreas Fecker

Schlagwörter: , , ,

2 Antworten zu “Luftpost 96: Ellis Island”

  1. Wolfgang Zimber sagt:

    Fulminant! Welch ein Klartext mit Sinn und Verstand! Genau so einen Kommentar wünschte ich mir in einer großen Tageszeitung oder bei den Tagesthemen.
    Was Andreas Fecker hier zeigt ist aufrechte, christliche Haltung, wie es sich für das „Abendland“ gehört.
    All die Lavierer, Relativierer und Schönredner müssen beschämt sein.

  2. Chris Milanowski sagt:

    Eine großartige Luftpost, deren Inhalt ich 100% zustimme. Eine sehr passende Analogie, schlüssige Analyse und zudem noch konkrete praktische Lösungsansätze. A. Fecker führt hiermit Empathie, Denken und Handeln sinnig und konsequent wieder zu Einem zusammen – wir alle sollten nun wirklich endlich die Verantwortung für unsere Mitmenschen übernehmen, auf deren Kosten der Reichtum unserer Industrienationen doch überhaupt erst entstanden ist !