Luftpost 95: Fremdgesteuert

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Täglich lesen wir, welchen Komfort uns die digitale Revolution ermöglicht. Wir erleben die immer schneller fortschreitende Vernetzung unseres Alltags. Der Kühlschrank braucht uns nicht mehr, er bestellt seinen Nachschub selbst. Die Armbanduhr misst unseren Gesundheitszustand, erinnert und führt uns per GPS auf dem kürzesten Weg von Termin zu Termin, sendet alle Daten an das iPhone, das womöglich über Facebook veröffentlicht, wo wir gerade sind und was wir gerade tun. Nachrichten, Wetter und Börsenkurse am Handgelenk oder in der Jackentasche, Heizung, Licht und Jalousien werden ferngeregelt, Medikamente nachbestellt, man bezahlt mit dem Smartphone, liest darauf seine Bücher, empfängt seine Emails und bucht seine Flüge. Die Krankenversicherung lockt mit Sondertarifen, wenn man sie an seinen Gesundheits- und Aktivitätsdaten beteiligt.

Die Regierungen in unseren Hauptstädten werden nicht müde zu unterstreichen, dass wir die Digitalisierung unserer Umwelt vorantreiben müssen, als gäbe es keine Hacker, die Atomkraftwerke lahmlegen, den Strom abschalten, Bankkonten plündern, Ministerien blamieren oder ganz banal – elektrische Garagentore öffnen können, um von dort durch die Verbindungstüre ins Haus zu gelangen.

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Im Nachklang des Germanwings-Absturzes wird natürlich mit Hochdruck nach verschiedenen Lösungen gesucht, solche Ursachen auszuschließen. EU-Kommissar Günther Oettinger fordert die Europäer auf, eine europäische Digitalstrategie voranzutreiben und verweist auf die USA. Dort aber warnt die nationale Kontrollbehörde GAO (U.S. Government Accountability Office) vor ungewollten Folgen. So werden Next Generation Flugzeuge und Bordcomputer durch ihre fortschreitende Internetverknüpfung angreifbar für Hacker.

Online-Verbrechern bietet sich damit eine immer größere Spielwiese. Man braucht nicht mehr an Bord zu sein, um einen Trojaner zu aktivieren, der bestimmte Systeme im Flugzeug lahmlegt oder übernimmt. Sei das Motiv nun Ehrgeiz, Erpressung oder Terrorismus, je mehr wir uns von der digitalen Welt abhängig machen, umso größer die Gefahr. Prompt kommt ein Vorschlag, die Flugsicherung könne ein entführtes oder absturzgefährdetes Flugzeug per Fernsteuerung übernehmen und drohnenähnlich am nächsten Flughafen  sicher zur Landung bringen. Wenn das geht, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis ein Hacker vom Boden aus ein Flugzeug kapert und es gegen einen Berg steuert, weil seine Ex drin sitzt. Oder weil er an eine Lebensversicherung will und sich in jedem Fall einen Dreck um die anderen Passagiere schert.

Wo sind nur die schönen Zeiten hin, in denen drei Mann im Cockpit saßen, von denen sich getrost mal einer die Füße vertreten konnte? Flugzeuge wurden von Hand geflogen, und wir Passagiere konnten uns sorglos auf den Tomatensaft oder die Kotztüte konzentrieren! Wenn mit der fortschreitenden Digitalisierung der Umwelt unsere Bankkonten nicht mehr sicher und unsere Aufenthaltsorte öffentlich sind, wenn unser Leben im Flugzeug in die Hände von Hackern geraten kann, dann hätte ich gerne etwas weniger von dieser digitalen Revolution.

von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 95: Fremdgesteuert”

  1. Wolfgang Zimber sagt:

    Im vorliegenden Luftpostartikel beschreibt Andreas Fecker sehr plastisch, dass mehr Digitalisierung (auch in der Luftfahrt) nicht automatisch zu mehr Lebensglück und Sicherheit führt.
    Natürlich will keine vernünftiger Mensch das Rad der Zeit zurückdrehen, aber auf die vielfältigen Gefahren in der vernetzten Welt hinzuweisen, dafür gebührt dem Autor Dank.