Luftpost 92: Beistand

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Andreas Fecker – Foto: Bildarchiv Fecker

Zwei Versionen dieser neuen Luftpost habe ich schon geschrieben und im Licht neuer Erkenntnisse wieder verworfen. Als ereignisbegleitender Kolumnist versuche ich Zusammenhänge und Entwicklungen zu erklären, Missstände zu thematisieren, Ideen eine Chance zu geben und alles in eine pointierte, und – wenn angebracht – humorvolle Form zu kleiden. Im Fall der abgestürzten Germanwings Maschine fällt mir dazu nichts mehr ein. Jeder Kommentar, jede Theorie wurde in dutzenden von Sondersendungen und Extraseiten mal sachlich, mal reißerisch wiedergekäut. Das einzig Positive, das ich in diesem Unglück erkennen kann, ist die Hilfsbereitschaft der Menschen, die gegenseitige Unterstützung, das Zusammenrücken der Staaten, die gemeinsame Betroffenheit, der gegenseitige Trost.

In Frankreich räumen Menschen ihre Zimmer für ausländische Gäste, sind Tag und Nacht auf den Beinen um für deren Bedürfnisse da zu sein. Freiwillige Helfer begeben sich in die Berge, unterstützen in schwierigstem Gelände eine Hilfsaktion, die ihnen körperlich, geistig und seelisch das Letzte abfordert. Psychologen helfen wo sie können, aber auch Laien ohne Fremdsprachenkenntnis nehmen trauernde Angehörige in die Arme und leisten etwas, was eigentlich jeder Mensch kann, Beistand. Wenn sich Menschen schweigend umarmen, wenn nur die Herzen miteinander sprechen, hilft das oft mehr als ein polyglotter Rhetoriker, der versucht Trost zu spenden.

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Wir erleben gerade die größte Luftfahrtkatastrophe Deutschlands. Wir taumeln zwischen sprachlos und fassungslos. Wir versuchen, uns in die Gefühle der Schüler und Familien am Joseph-König-Gymnasium zu versetzen, jener 16, die vom Los bestimmt der Katastrophe zum Opfer fielen, und der anderen 24, die jetzt weiterleben, weil sie eine Niete gezogen hatten.  Wir denken an die 120.000 Mitarbeiter des Lufthansakonzerns, die trotz aller tariflicher Auseinandersetzung stolz auf den Ruf ihrer Airline waren, zu den sichersten Fluggesellschaften der Welt zu gehören. Wir sind ein Volk, das von diesem Absturz mitten ins Mark getroffen wurde. Alle politischen Sorgen sind – zumindest für den Moment – in den Hintergrund getreten, so sehr trifft uns der Schmerz von 150 ausgelöschten Menschenleben.

Sollte jeder von uns es schaffen, zumindest einen Teil dieser Empathie in unseren Alltag hinüberzuretten, hätten wir eine bessere Welt, die vielleicht eine weitere Katastrophe dieser Art verhindert.

von Andreas Fecker

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Eine Antwort zu “Luftpost 92: Beistand”

  1. Wolfgang Zimber sagt:

    Das ist einer der besten Kommentare, den ich in diesen Tagen zum tragischen Unglück der German Wings Maschine gelesen habe.
    Andreas Fecker, als ausgewiesener Luftfahrtexperte, verzichtet hier wohltuend auf Spekulationen, wie sie zur Zeit von vielen Medien in fast hysterischer und unverantwortlicher Manier verbreitet werden.
    Er legt den Fokus auf die menschliche Tragödie der Betrofffenen.
    Ein kluger, ein herausragender, ein mitfühlender Kommentar.
    Ganz großes Kompliment!