Luftpost 91: „Apokalypse Now“

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Foto: Bildarchiv Fecker

Beim Hausbau plant der Architekt frühzeitig ein, wo die Feuchträume sein werden, denn dort hin müssen Frischwasser- und Abwasserrohre verlegt werden. In manchen Häusern wird auch eine Zentralstaubsauganlage eingebaut, bei der es genügt, in den verschiedenen Zimmern einen Saugschlauch in die Saugdose zu stecken, statt ein Gerät treppauf-treppab zu schleppen. Ein Wäscheabwurfschacht vom Bad oder Schlafzimmer im oberen Stock zum Hauswirtschaftsraum komplettiert den Luxus. Für fensterlose Räume wird oft noch ein Lüftungsschacht vorgesehen, und die Dunstabzugshaube über dem Herd erhält eine Verbindung ins Freie. Schlitze und Rohre für die elektrischen Leitungen zum zentralen Verteiler werden gezogen und der Öl- oder Gastank mit der Heizung verbunden. Mit dieser relativ einfachen Planung sollte ein Haus umsichtig und vorausschauend für eine mehrköpfige Familie vorbereitet sein.

Wer hat sich je schon einmal Gedanken gemacht, welche Installationen ein Großraumflugzeug in seinem Inneren birgt? Denn wo 500 und mehr Menschen auf engstem Raum für viele Stunden zusammensitzen, muss ein reibungslos funktionierendes Lebenssystem existieren. Auch hier wurden flüssigkeitsführende Rohre und Leitungen verbaut. Wasserkreisläufe aus Frisch- und Abwasser für bis zu 20 Toiletten und mehrere Bordküchen müssen unter Extrembedingungen arbeiten. Pumpen bewegen Hydraulik, Kerosin, Öl und kaltes und heißes Wasser. Die Klimaanlage verarbeitet Sauerstoff, Frischluft, Zapfluft, Pressluft, Heißluft und Kaltluft. Jeder Sitz hat eine Stromversorgung, hunderte von Computern an verschiedenen Stellen des Flugzeugs arbeiten zusammen, um die Maschine vom Cockpit aus steuerbar und das Raumklima angenehm zu machen. Und all das muss nicht nur wie beim Haus auf festem Boden bei Höhe Null funktionieren, sondern unabhängig von der Erdversorgung im Flug bei wechselnden Außentemperaturen bis weit unter den Gefrierpunkt, im Steig-, Sink- und Kurvenflug, mit Fliehkräften, bei Turbulenzen und gewichtsbewusst auf engstem Raum.

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Am ehesten lässt sich ein solch geniales Lebenssystem mit dem Bauplan des Menschen selbst vergleichen. Vom pumpenden Herzen führen die Arterien über die Lunge, wo sie sich mit Sauerstoff anreichern zu den Extremitäten, Arterien werden zu Arteriolen und Kapillaren, die das Gewebe bis in die letzten Glieder versorgen, dort sind sie mit den postkapillaren Venolen verbunden, die sich wieder zu den Venen vereinigen und das jetzt kohlendioxidhaltige Blut zum Herzen zurückführen. Unterwegs werden die lebenswichtigen Organe versorgt. Luftröhre und Lunge sorgen für den Sauerstoffnachschub im Blut. Das Nervensystem ist mit dem Gehirn verbunden und lässt den Menschen sehen, hören, fühlen, riechen, tasten, reagieren, sprechen, arbeiten und macht die Gliedmaßen steuerbar. Dazu bedient er sich der Muskeln und Sehnen. Dann hat der Mensch auch noch den Verdauungstrakt, ein kleines Chemiewerk, das sich aus Speiseröhre, Magen und Darm zusammensetzt, wo im Zusammenwirken mit den anderen Organen aus der Nahrung der Brennstoff in Form von Fetten, Zucker und Eiweißen gewonnen und in Energie umgewandelt wird. Alles ist autark, hochbeweglich und miteinander zu einem kleinen Kosmos verbunden. Ein Wunder.

Wir sehen, Menschen haben etwas mit Flugzeugen gemeinsam. Aber wenn diese beiden komplizierten Systeme aufeinandertreffen, kann es an den Schnittstellen schon mal zu einem Unglück kommen. Wie neulich an Bord einer Boeing 747 der British Airways auf dem Flug von London nach Dubai. Bei einem Passagier war jenes körpereigene Chemiewerk kurz nach dem Start in einen hochkritischen „thermodynamischen Zustand“ geraten. Er schaffte es zwar noch auf die Toilette, aber für das Anheben des Deckels und einen geordneten Stuhlgang in das vom Konstrukteur dafür vorgesehene Mensch-Maschinen-Interface war keine Zeit mehr. Nach der explosionsartigen Entleerung schaffte es der perfide Passagier auch noch unbemerkt zurück auf seinen Platz und in die Anonymität. Seine fäkale Hinterlassenschaft auf der Toilette verbreitete aber trotz geschlossener Türe einen derart apokalyptischen Gestank, dass menschliches Überleben an Bord ernsthaft in Frage gestellt war. Selbst eine oberflächliche Reinigung mit herkömmlichen Mitteln und flaschenweise Sagrotan und Duftspray war nicht möglich, da der Dünnpfiff samt allen darin katalysierten Spaltprodukten an Tür und Wänden klebte. Hier waren Demontage, Hochdruckreiniger und eine Grundinstandsetzung fällig. Trotz Verschluss der Türritzen mit Klebeband, verbreitete sich der Verwesungsgestank in der Kabine. Passagiere, die der Toilette am nächsten saßen, wurden mit Sauerstoffmasken versorgt. Der Käpten kehrte um und flog nach London zurück. So groß war die Notlage, dass er bei vollen Tanks eine Übergewichtslandung in Kauf nahm, nach der das Flugzeug in der Werft vermessen und auf Strukturschäden kontrolliert werden muss. Da kurzfristig keine Ersatzmaschine bereitstand, spendierte British Airways allen Passagieren eine Hotelübernachtung und flog sie am nächsten Tag nach Dubai.
Ich habe in meinen letzten beiden Beiträgen über kontaminierte Kabinenluft und Nah-Tod-Erfahrungen geschrieben. Hier haben wir ein Beispiel, da schien alles zusammenzukommen!

von Andreas Fecker

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