Luftpost 59: Da Capo al Fine

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Foto: Bildarchiv Fecker

„Da capo al fine“ ist ein italienischer Ausdruck aus der Musik und bedeutet „Nochmal von vorne bis zum Ende“. In der Fliegerei entspräche das einem „Mancato Avvicinamento“, was sich sehr melodisch anhört; man erwartet geradezu ein „Appassionato“ der Motoren, wie sie das Flugzeug leidenschaftlich beschleunigen, um einen erneuten Anflug zu beginnen. Dabei ist es nur die italienische Übersetzung des internationalen Begriffs „Missed Approach“, der doch ungleich nüchterner klingt. Der deutsche Ausdruck dafür ist „Fehlanflugverfahren“, welches geradezu den Nimbus des Versagens transportiert. Dabei ist es das Natürlichste der Welt.

Jedes Instrumentenanflugverfahren beginnt am Initial Approach Fix (IAF) mit dem Initial Approach, geht dann zum Intermediate Approach über. Der mündet in den Final Approach, der nach Passieren des Missed Approach Points (MAP) entweder mit der Landung oder mit dem Missed Approach endet. Der Missed Approach führt meist in einer Kurve weg von dem anderen Verkehr zum IAF zurück, oder zu einem abgekürzten erneuten Anflugverfahren.

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In den Zeiten von Smartphones mit Videofunktion machen Aufnahmen von durchstartenden Flugzeugen Furore, flugs kommentiert mit Überschriften wie „Beinahe-Crash gerade noch verhindert“ oder „Gekonnte Reaktion des Piloten verhindert eine Katastrophe“.

In 99% der Fälle ist das unzutreffend. Meist sind es ganz lapidare Gründe, die zu einem Missed Approach führen können: Eine zuvor gelandete Maschine verpasst den geplanten Abrollweg und muss nun bis zum nächsten weiterrollen. Oder die geplante Intersection ist noch besetzt, weil eine andere Maschine nicht die innere Runway überqueren kann. Damit steht einem nachfolgenden Flugzeug nicht mehr die gesamte Länge der Piste zur Verfügung. Entweder der Towerlotse oder der Kapitän entscheidet sich für ein Durchstartverfahren. Das ist schon alles. Oder es sitzt ein Habicht auf der Piste, der sich seelenruhig über eine überfahrene Feldmaus hermacht. Oder ein Reh überquert die Landebahn. Oder auf der Bahn steht noch ein anderes Flugzeug, das mit seinem Start nicht so recht in die Puschen kommt. Auch bordseitig gibt es lapidare Gründe: Einer der Piloten sagt ‚Wir sind zu hoch‘. Statt nun die Maschine durchsacken zu lassen und einen harten Landestoß zu riskieren, könnte man sich für einen Fehlanflug entscheiden. Oder die Fahrwerkanzeige fällt aus. Oder ein Fallwind drückt die Maschine zu früh nach unten. Oder eine plötzliche Seitenwindböe bläst das Flugzeug vom Idealkurs. Oder der Bremsdruck stimmt nicht. Oder, oder, oder.

Auch kuriose Gründe können zum Abbruch einer Landung führen. In Büchel sollte einmal ein Line Taxi Fahrer (Flugbetriebshelfer) nur schnell auf die Piste, um einen unbekannten Gegenstand wegzuräumen. Wir waren über Funk mit ihm verbunden. Er fuhr hin, trat auf die Bremse, sprang heraus, stieg sofort wieder ein und fuhr wie der Henker zur Rettungsstation. Der Gegenstand war noch immer auf der Bahn. Die erste Maschine startete durch. Wir erhielten über Funk erst einmal keine Erklärung. Dann setzte sich ein Konvoy von Ambulanzen und Feuerwehren in Gang in Richtung Piste. Nun erfuhren wir auch, dass der Fahrer beim Aussteigen seinen linken Daumen in das Türschloss gebracht und abgeschert hatte. Der Daumen wurde dringend benötigt, um ihn womöglich wieder annähen zu können. Weitere Missed Approaches waren die Folge. Mindestens zehn Mann suchten die fragliche Stelle weiträumig nach dem Daumen ab. Schließlich wurde er im Türholm des Fahrzeugs gefunden, das vor der Feuerwache stand.

Also, bei der nächsten Beobachtung einer abgebrochenen Landung nicht gleich eine Katastrophe mit anschließendem Vertuschungsversuch vermuten. Sicherlich kommt der Jumbo gleich mit einem „Avvicinamento Maestoso“ zurück.

von Andreas Fecker

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