Luftpost 55: Coming in hot

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Andreas Fecker Foto: Bildarchiv Fecker

Ein Freund fragte mich vor kurzem: „Früher einmal gab es beinahe jeden Tag einen Überschallknall. Heute passiert das nicht mehr. Woran liegt das? Das fällt ja richtig auf!“ Ja, früher einmal, im Kalten Krieg, als Deutschland noch der „Flugzeugträger Europas“ war. Die Bundeswehr schloss nach 1989 zwanzig Flugplätze, die Alliierten nochmal 32. Allein in Eifel und Hunsrück gab es acht Militärbasen. Aus dem nahen Frankreich, Holland und aus Belgien nahmen Jets an gemeinsamen Übungen mit Deutschen, Amerikanern und Briten teil. Früher einmal waren auf jeder Basis etwa 100 Jets stationiert. Da kamen tausende von Flugzeugen zusammen. Die meisten dieser Flugzeuge waren mit einem Nachbrenner ausgerüstet, d.h. sie konnten auch Überschall fliegen. Jedes Flugzeug hat auch seine Wartungsintervalle. Nach der Wartung wurde die Maschine testgeflogen. Dieses Testflugprofil sah vor, dass sie am Ende der Startbahn – mit Nachbrenner – möglichst senkrecht auf zwölf Kilometer Höhe stieg. Dort oben wurden dann auch Beschleunigungstests vorgenommen, die unter anderem einen Überschallflug vorsahen. Über Land ist das in 36.000 Fuß erlaubt, über See genügen 20.000. Der Verdichtungsstoß, der kegelförmig die Erdoberfläche erreicht, wird als Knall wahrgenommen.

Manchmal kommt es vor, dass sich im täglichen Flugverkehr die Crew eines Passagierflugzeugs nicht bei der Flugsicherung meldet. Bleiben alle Versuche ohne Erfolg, alarmieren die Fluglotsen unsere Luftverteidigung in Uedem. Dann startet wenige Minuten später die Alarmrotte eines unserer zwei verbliebenen Jagdgeschwader in Neuburg oder Laage zu einer Sichtinspektion. Die Eurofighter fliegen dabei dicht an das Cockpit und begutachten die Situation. Ist eine Kontaktaufnahme nicht möglich, wird die Maschine zur Landung eskortiert. Bei diesen Einsätzen kommt es darauf an, so schnell wie möglich bei dem „Renegade“ zu sein, weshalb der Überschallknall nicht zu verhindern ist. Bisweilen knallt es auch schon mal unbeabsichtigt, wenn eine Maschine in den Sturzflug übergeht und dabei beschleunigt.

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Das gibt mir den Anstoß zu einer Geschichte, die ich erzählen kann, weil die Beteiligten nicht mehr unter uns weilen. Sie passierte in den 1970er Jahren und wäre in der heutigen Zeit absolut undenkbar. Der Kommodore eines Jet-Geschwaders in Süddeutschland hatte eines späten Nachmittags noch einen Gast aus früheren Tagen auf dem Flugplatz. Man saß gemütlich in der Pilotenlounge und diskutierte über die tägliche Arbeit und natürlich über die Leistungsfähigkeit des Starfighters. Der Kommodore griff zum Telefon und wählte die Nummer des Towers. „Haben wir noch eine Maschine draußen?“ „Ja, in 20 Minuten kommt eine aus Erding zurück.“ „Dann hätte ich gerne einen Überflug über die Lounge.“ „Ich werde das weitergeben.“

Beim ersten Kontakt leitete der Tower Controller dem Piloten den Wunsch des Kommodore weiter. Nennen wir ihn Karl. Statt sofort zu landen flog Karl etwas rechts der Piste über das Gebäude, in dem der Kommodore mit seinem Gast auf den Überflug wartete. Offenbar fiel der Overflight aber wenig spektakulär aus, so dass der Oberst wieder auf dem Tower anrief und seinem Unwillen mit den Worten „War das alles?“ Ausdruck gab. Der Tower Controller gab das Missfallen prompt über Funk an den Piloten weiter: „Du, ich glaube, das war dem Commander zu wenig!“ „Das kann er haben. Ich hol mal etwas aus.“

Der Starfighter hielt über Jahrzehnte den Geschwindigkeits- und Beschleunigungsweltrekord. Trotzdem flog Karl eine weite Schleife und stieg dabei auf 10.000 Fuß. „Coming in hot,“ kündigte er seine simulierte Attacke an. Mit Nachbrenner und knapp unter Schallgeschwindigkeit donnerte er im Tiefflug wenige Meter über die Lounge hinweg. Dort barsten die Scheiben, an der Werft entdeckte man später einen Riss vom Dach bis zum Boden. Nach der Landung hatte ein etwas derangierter Kommodore mit unserem Karl ein ernstes „Drei-Augen-Gespräch“, über dessen Ergebnis ich nichts erfahren konnte. Man muss also die Schallmauer nicht unbedingt durchbrechen, um am Boden eine Druckwelle zu erzeugen, die Menschen in die Glieder und Gebäuden ins Gemäuer fährt.

von Andreas Fecker

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